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12. Oktober 2017 16:52 Uhr

Glottertal

Wie die Menschen früher auf den Höfen im Tal lebten

Spannende Geschichten über die Glottertäler Höfe bei traumhafter Fernsicht und einem zünftigen Vesper: Das konnten rund 50 Leser der Badischen Zeitung auf dem Dilgerhof genießen.

  1. Familie Heizmann bewirtschaftet heute den Dilgerhof im Glottertal. Foto: Max Schuler

  2. Von 1913 bis 1945 gehörte der Hof Ludwig und Rosa Heizmann. Im Glottertal erbte früher immer der Jüngste den Hof, das war damals Andreas Heizmann (vordere Reihe rechts). Foto: Privat 

  3. Bernhard Hoch erzählte dazu spannende Geschichten und präsentierte historische Fakten über die Höfe des Tals. Foto: Bernhard Hoch 

  4. Vom Dilgerhof hatten die BZ-Leser einen traumhaften Blick ins Glottertal und bis zu den Vogesen. Foto: Max Schuler

  5. Rund 50 Leser kamen zu der Veranstaltung auf dem Dilgerhof. Foto: Max Schuler

Der ehemalige Lehrer und Heimatforscher Bernhard Hoch erzählte den Zuhörern, wie die Menschen früher auf den Höfen im Tal lebten.Bei einem Rundgang auf dem Dilgerhof von Familie Heizmann konnten die Leser zudem erfahren, wie es heute auf einem großen Bauernhof zugeht und welche Traditionen erhalten geblieben sind.

20.000 Glottertäler Namen gesammelt

Bernhard Hoch sprüht nur so von Wissen über seine Heimat. Er hat die Kirchenbücher, die in Glottertal bis in das Jahr 1713 zurückgehen, durchforstet und in den Archiven des Klosters St. Peter Aufzeichnungen studiert. In seinem Computer hat er mittlerweile, so sagt er, verzweigte Stammbäume mit bis zu 20.000 Glottertäler Namen eingepflegt.

Hoch schafft es, die Stränge der Familiengeschichten in seinem Vortrag zu verweben. Er ordnet das Geschehen des Tals historisch ein, spickt seine Erzählungen aber auch immer wieder mit lustigen, überraschenden und auch traurigen Anekdoten aus dem Leben der Bauern und Hofbesitzer.

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"Die Generation, die jetzt im Glottertal existiert, hat die längste Friedenszeit seit vielen Jahrhunderten erlebt – uns ging es noch nie so gut." Bernard Hoch, Heimatforscher
Der Lehrer kommt in ihm dabei nur selten zum Vorschein. Nur manchmal richtet er mahnende Worte an die Zuhörer: "Die Generation, die jetzt im Glottertal existiert, hat die längste Friedenszeit seit vielen Jahrhunderten erlebt – uns ging es noch nie so gut."

Ein Anliegen sind ihm auch die Schicksale der vielen unehelichen Kinder vergangener Jahrhunderte, auf die Hoch bei seinen Forschungen gestoßen ist. Sie mussten früher Prügel aushalten und ihnen wurde auf dem Hof, in der Schule und der Kirche deutlich gemacht, dass sie weniger Wert waren als die Bauernkinder. Heiraten durfte früher nur, wer einen Herd und einen Raum hatte. Viele Taglöhner konnten so etwas nicht ihr eigen nennen.

Hoch legt Wert darauf, solches Verhalten im Kontext der Zeit zu sehen: "Früher war es undenkbar und ein Zeichen von Schwäche, wenn der Bauer sein Kind auf den Arm genommen hätte." Dass sich die Zeiten gewandelt haben, kann man sehen, wenn man den heutigen Dilgerhofbauern Andreas Heizmann beobachtet, wie er seinen Enkel liebevoll in den Händen hält.

65 Höfe existieren noch

Erste Hinweise auf Bauern im Glottertal gehen auf das Jahr 962 zurück. Etwa 65 Höfe existieren heute noch. Einen Teil stellt die Badische Zeitung in einer aktuellen Serie vor. Zwar hat jeder Hof seine eigene Geschichte, doch es gibt auch Gemeinsamkeiten, die Hoch versuchte in seinem Vortrag herauszuarbeiten.

So war geregelt, dass der Jüngste den Hof erbte. Er wurde laut Hoch früh privilegiert behandelt, aß an dem Tisch der Eltern etwas Besseres als seine Geschwister, die neben den Taglöhnern und Mägden Platz nehmen mussten. Durch diese Erbfolge konnte ein Hof längere Zeit in einer Hand bleiben, wodurch sich die Bauern Stabilität versprachen.

Ein Hof hatte früher viel mehr Bewohner als heute. Es mussten so viele Lebensmittel erwirtschaftet werden, um diese Menschen zu versorgen – Waren auf den Markt transportierte man damals selten. "Das Schlimmste, was einem Hof passieren konnte, war die Schweinepest", sagt Hoch. Schweine und ihr Fett spielten eine zentrale Rolle in der Ernährung. Daher wurden sogar spezielle Gebete für das Wohl der Tiere an den Himmel gerichtet.

Die Wohnsituation war unter hygienischen Gesichtspunkten teilweise katastrophal. Das Vieh mit seinen Ausdünstungen stand oft unter den Wohnkammern und Gestank sowie Feuchtigkeit drangen durch die Holzdielen in die Räume. "Wer behauptet, früher war alles besser, hat Unrecht", sagt Hoch.
"Mit dem Glottertäler Schnaps ist manch einer bis nach Paris gekommen."Bernhard Hoch
Umso begehrter war der Platz vor dem Ofen in der Stube, den sich zum Beispiel Johann Dilger 1832 bei der Hofübergabe neben anderen Annehmlichkeiten vertraglich hat sichern lassen. Früher war auch die Holzwirtschaft viel intensiver. "So viel Wald wie heute, hatten wir schon lange nicht mehr", sagt Hoch.

Obwohl die Glottertäler gerne unter sich blieben und schon die Vermählung eines Föhrentälers mit einer Oberglottertälerin für Zündstoff sorgen konnte, schafften es manche Bewohner mit dem Verkauf der Erzeugnisse des Tals weit über dessen Grenzen hinaus. "Mit dem Glottertäler Schnaps ist manch einer bis nach Paris gekommen", so Hoch.

Dilgerhof ist erstmals 1483 erwähnt

Der Dilgerhof wird in Dokumenten des Klosters St. Peter erstmals 1483 erwähnt. Hoch geht davon aus, dass er aber schon davor existierte. Johann Dilger, der um 1680 geboren wurde, ist der erste Besitzer, der namentlich im Kirchenbuch verzeichnet ist. Er hatte sechs Kinder. Zwei seiner Töchter heirateten Männer vom Guller- und dem Kunklerhof, was damals sehr große Anwesen waren. Dafür war eine üppige Aussteuer notwendig, daher geht Hoch davon aus, dass es dem Dilgerhof in jener Zeit gut ging.

Aufgrund seiner Recherchen vermutet er, dass der Hof möglicherweise gegen Ende des 18. Jahrhunderts ganz oder in Teilen abgebrannt war. Das heutige Gebäude des Dilgehofes wurde 1803 erbaut, wie auf einer Inschrift in einem Balken der Fassade zu lesen ist.

Der jetzige Besitzer Andreas Heizmann will den Hof, zu dem 35 Hektar Land gehören, bald an seine Tochter Stefanie und ihren Mann übergeben. Der Hof hat eine eigene Schlachtung, Ferienwohnungen und bietet in einer Vesperstube neben Most, Schnaps, Schinken und Käse auch Hefezopf an.


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Autor: Max Schuler