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15. August 2012

Wie ein Lehrgedicht Europa veränderte

SACHBUCH: Der Literaturhistoriker Stephen Greenblatt vollzieht erzählerisch "Die Wende" vom Mittelalter zur Renaissance nach.

  1. Wiege des Humanismus: Florenz. Dort wurde im 15. Jahrhundert wieder Lukrez gelesen. Foto: dpa/Wikipedia

  2. Foto: bz

Der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit in Europa war ein historischer Umbruch. Das christliche Abendland war gegen Ende des 14. Jahrhunderts vom Vorrang des Glaubens geprägt, der auch die politischen und gesellschaftlichen Machtverhältnisse bestimmte. Die Renaissance knüpfte an die antike Geistesgeschichte an, in der das philosophische Nachdenken über die Natur und die menschliche Existenz gegenüber dem religiösen Empfinden dominierte.

Den qualitativen Sprung von einer dem Glauben verpflichteten Gesellschaft zu einer sich in kritischen Auseinandersetzungen um andere Wahrheiten bemühenden vollzieht der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt, bekannt geworden mit seinen Werken über Shakespeare, in seinem neuesten Buch "Die Wende – Wie die Renaissance begann" nach. Er macht ihn fest an der Wiederentdeckung eines einzigen antiken Textes, der bis dahin als verschollen gegolten hatte. Das ist eine kühne Zuspitzung, Greenblatts Pointierung überzeugt aber durch ihre großzügig angelegte kulturgeschichtliche Dimension und ihre kunstvolle Durchführung.

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"Die Wende" vom Mittelalter zur Renaissance begann – so genau datiert es der Harvard-Professor – im Jahre 1417. Ausgelöst worden sei sie durch die Entdeckung eines lateinischen Lehrgedichts des römischen Intellektuellen Lukrez: "De rerum natura". Dieses noch vor Christi Geburt geschriebene Werk eines Jüngers des griechischen Philosophen Epikur behandelt in sechs Büchern die Zusammensetzung aller Materie aus Atomen, beschäftigt sich mit der durchaus sterblichen Seele des Menschen und leugnet jede Einflussnahme der Götter auf das Leben der Menschen. Es propagiert ein genussvolles Leben, auch freies sexuelles Verhalten.

Dieses Buch wurde in der Antike häufiger zitiert und wegen seiner sprachlichen Qualitäten gerühmt, war aber am Ausgang des Mittelalters nirgendwo mehr vorhanden und seit der Christianisierung der römischen Welt vergessen. Hier setzt Greenblatt zu seiner kulturgeschichtlichen Erzählung an. Er begleitet den nach dem Konzil von Konstanz, wo die damals konkurrierenden drei Päpste alle abgesetzt wurden (BZ vom 4. August), arbeitslos gewordenen Sekretär Poggio Bracciolini auf seinem Ritt vom Bodensee bis nach Fulda, wo er – genau ist das nicht mehr nachvollziehbar – das einzige damals verfügbare Exemplar des Buches von Lukrez vorfand und es abschreiben ließ. Zahllose weitere Abschriften sorgten für weite Verbreitung des Lehrgedichts im frühen 15. Jahrhundert.

Greenblatt ist ein umfassend gebildeter Kulturanthropologe. Er beschreibt das päpstliche Schisma, die Verhältnisse in Konstanz während des Konzils, das Leben und die Organisation der Bibliotheken in den Klöstern. Er erzählt von dem bibliomanen und schönschreibenden Kopisten Poggio. Der kurierte sich eine Zeitlang in Baden-Baden und beschrieb die "sorglos unbekümmerte" süddeutsche Welt im Kontrast zu der "schrecklich disziplinierten" in Italien.

Greenblatt schlägt dann einen großen Bogen in die Vergangenheit: Rom zur Zeit des Lukrez, das von der Asche des Vesuvs verschüttete Herculaneum, wo man vor wenigen Jahren verkohlte Reste einer Schriftrolle mit Textfetzen von Lukrez gefunden hat. Dieses Rom der späten Republik hatte einen kulturellen Standard erreicht, um den es die Humanisten 1500 Jahre später beneideten und dessen Wiedergeburt, also dessen Renaissance, sie in die Wege leiteten. Der Autor führt uns in die griechische Welt des Epikur, später nach Alexandria, macht uns mit den ersten Bibelübersetzungen ins Griechische und ins Lateinische bekannt. Dann geht es nach Florenz, wo sich der Humanismus entfaltete, und nach Rom, wo Korruption und Machtspiele die Religion in den Hintergrund gedrängt hatten. Auf allen Stationen verweilt der Autor nie zu lange, lässt sich aber genügend Zeit, um die geistige Atmosphäre einzufangen, und spaziert so mit großer erzählerischer Ökonomie durch zweieinhalb Jahrtausende.

Im Kernstück des Buches macht der Autor den Leser mit einer Zusammenfassung der Philosophie des Lukrez bekannt und damit deutlich, dass ein solches Gedicht, das man als atheistische Poesie lesen muss und das zugleich so etwas wie eine Vorwegnahme heutiger Teilchen- und Astrophysik enthält, keine Gnade vor der um ihre Alleinstellung kämpfenden Kirche finden konnte. Die poetische Ausnahmestellung des lateinischen Originals, dessen Hexameter mit eleganten Regelübertretungen auch für ästhetische Überraschungen sorgten, haben Greenblatt zu seiner Wissenschaftsprosa inspiriert, die ihrerseits hohen Ansprüchen genügt. Die Wirkungsgeschichte des wiederentdeckten Lukrez führt er über Galilei und Giordano Bruno, Shakespeare, Montaigne und andere bis zu Thomas Jefferson. Er hätte sie noch bis zu Karl Marx, dessen Dissertation diese Themen behandelt, oder Albert Einstein fortsetzen können, der das Vorwort zu einer früheren deutschen Übersetzung verfasst hat.

Eine zweisprachige Ausgabe des Wissenschaftsgedichts des Lukrez ist mit einem nützlichen Nachwort des Übersetzers Klaus Büchner bei Reclam erhältlich. Sie ermöglicht es, den antiken Text in seiner subversiven Modernität nachzuvollziehen.
– Stephen Greenblatt: Die Wende. Wie die Renaissance begann. Aus dem Englischen von Klaus Binder. Siedler, München 2012 . 345 Seiten, 24,99 Euro.
– Lukrez: De rerum natura/Welt aus Atomen Lateinisch/Deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort herausgegeben von Klaus Büchner. Reclam, Stuttgart 2011. 637 Seiten 15,80 Euro.

Autor: Harald Loch