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20. März 2017 21:16 Uhr

Interview

Wie Humor psychisch kranken Kindern helfen kann

Wenn psychisch kranke Kinder ihre Not und ihr Elend mit Humor überspielen, sei das eine wichtige Ressource, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Frank Köhnlein im BZ-Interview.

  1. Lachen hilft heilen. Foto: dpa

  2. Frank Köhnlein Foto: MATTHIAS WILLI

Der Psychiater Frank Köhnlein arbeitet mit schwer traumatisierten und psychisch kranken Jugendlichen. Vor seinem Referat in Lörrach über "Humor in der Therapie" sprach er mit Kathrin Ganter darüber, ob sich ein Therapeut über seine Patienten lustig machen darf und wie ein fieser kleiner Clown Kindern hilft.

BZ: Dieses Interview sollte ja jetzt auch irgendwie lustig werden: Was ist denn Ihr Lieblings-Psychiaterwitz?

Köhnlein: Mein Lieblings-Psychiater-Witz ist der: "Ich hab mich nach zwölf Jahren zum ersten Mal getraut, meinem Psychoanalytiker eine Frage zu stellen." "Und, was hat er geantwortet?" "Îmi pare r u, nu vorbesc germana". Der Klassiker unter den Psychiaterwitzen ist ja der: "Wie viele Psychiater braucht es, um eine Glühbirne hineinzudrehen?" Aber der ist abgelutscht.

BZ: Fünf. Einer, der auf dem Tisch steht, und vier, die ihn drehen?

Köhnlein: Ne. Es braucht nur einen, aber die Glühbirne muss auch wollen. Oder: Es braucht keinen, die Glühbirne wird die Veränderung machen, sobald sie dazu bereit ist.

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BZ: Humor in der Kinder- und Jugendtherapie bedeutet aber nicht, dass Sie Ihren Patienten viele Witze erzählen?
Köhnlein: Humor ist was anderes als Witze. Witze können sinnvoll sein, wobei die Erwachsenen ja meistens die falschen Witze erzählen. Zumindest habe ich in der Jugendpsychiatrie mit meinen Witzen bisher immer verloren. Wenn ich einem Jugendlichen den Witz erzähle: "Herr Müller, worauf führen Sie denn selbst Ihre Kontaktschwierigkeiten zurück?" – "Das sollst Du doch herausfinden, Du Arschloch", dann findet der Jugendliche das in der Regel gar nicht so lustig, weil es ja ziemlich nahe an dem ist, wie er selbst über die Erwachsenen denkt. Bei Kindern ist es einfacher, weil kindliche Witzschemata sich nicht so geändert haben in den letzten 20 Jahren. Bei Jugendlichen geht das so rasant, dass man nie up to date ist.

"Das Bild vom Hampelmann hilft dem Kind in dem Moment, in dem es merkt: Jetzt zerrt wieder dieser Clown doof an mir rum." Frank Köhnlein
BZ: Wie funktioniert Humor in der Therapie ganz konkret?
Köhnlein: Das hängt ganz davon ab, wozu der oder die Jugendliche bereit ist, und was in der aktuellen Situation überhaupt möglich ist. Mit Humor schafft man es, etwas leichter zu nehmen, was an Schwere rüberkommt. Wenn der Jugendliche davon erzählt, dass alles ganz drückend und schwer ist, kann man überzeichnen oder Beispielbilder dafür finden: Dass die ganze Weltkugel auf dem Jugendlichen lastet oder dass die Eltern auf dem Jugendlichen draufsitzen. Und der Hund auch noch.

BZ: Laufen Sie dadurch nicht Gefahr, das Ganze noch schlimmer zu machen, wenn sie den Schmerz eines zutiefst traurigen Jugendlichen karikieren?
Köhnlein: Da haben Sie recht. Es geht nur, wenn die Beziehung zwischen mir und dem Jugendlichen gut ist, stabil und vertraut. Der Jugendliche muss wissen, dass es der Therapeut gut mit ihm meint. Wenn ein Jugendlicher sich erstmals bei mir vorstellt, dann fang ich nicht mit Humor an. Ich muss abwägen, ob er das in seiner aktuellen Situation und prinzipiell begreifen kann. Konkret: Ist er kognitiv in der Lage, Humor, einen Spaß oder Ironie zu verstehen? Ein schwer eingemauerter, depressiver Jugendlicher wird keinen meiner Witze lustig finden können. Und trotzdem: Um ihm ein Fenster in eine andere Welt zu zeigen, in der gelacht wird und die es auch für ihn wieder geben wird, kann Humor eingesetzt werden.

BZ: Darf sich ein Psychiater über seine Patienten lustig machen?
Köhnlein: Das darf er natürlich nicht! Soweit kommt’s noch. Obwohl es natürlich ein bisschen ungerecht ist – die Patienten dürfen sich nämlich über uns Psychiater lustig machen. Vor allem, wenn es Jugendliche sind.

BZ: Aber kann man sich miteinander über die Krankheit lustig machen?
Köhnlein: Absolut. Das Wesen der provokativen Therapie beispielsweise besteht genau da drin. Neulich habe ich einem Jungen vorgeschlagen, das, was ihn quält, zum Feind zu machen, die Störung als etwas Fremdes gemeinsam zu attackieren. Das geht mit Kindern genauso gut wie mit Jugendlichen und Erwachsenen – beispielsweise, indem man gemeinsam lustige Bilder erfindet. Das ADHS wird dann zu einem nervösen, zappelnden Kasper, der die ganze Zeit am Kind rumzupft, wenn es sich konzentrieren soll. Und die Depression ist dann nicht nur eine schwarze Wolke, die sich über einen legt, übrigens ein genauso klassisches wie langweiliges Psychiater-Bild, sondern etwas anderes, was mit dem Patienten zu tun hat – vielleicht wie Fernsehen ohne Farbe oder ein Playstation-Game, bei dem die Plätze 1 bis 3 immer schon vergeben sind.

BZ: Bleiben wir beim ADHS-Clown. Wie genau hilft dieses Bild dem Kind?
Köhnlein: Das Bild per se hilft noch nicht, aber die Tatsache, dass das Problem externalisiert worden ist, hilft, es zu bekämpfen. Am besten ist es, die Bilder der Kinder oder Jugendlichen aufzugreifen, wenn sie etwas berichten. Und dann dieses Bild gemeinsam ad absurdum zu führen oder auch zu bestätigen. Das Bild vom Hampelmann hilft dem Kind in dem Moment, in dem es merkt: Jetzt werde ich wieder so flickerig, so unruhig – jetzt zerrt wieder dieser Clown doof an mir rum. Das und Jenes halte ich dem jetzt entgegen.

"Das ist ein Versuch, aus der dauernden Versagerrolle rauszukommen." Frank Köhnlein
BZ: Menschen setzen Humor und Witze oft ein, um Dinge zu überspielen. Wie gehen sie mit den klassischen Kaspern um, die versuchen, eine Fassade aufzubauen?
Köhnlein: Ich denke, es ist durchaus eine Ressource, wenn Kinder ihre Not und ihr Elend mit Humor überspielen. Gerade die ADHS-Kinder kriegen es in ihrer Klasse nicht auf die Reihe, werden zum Clown und bekommen dadurch positive Aufmerksamkeit von Mitschülern. Das ist ein Versuch, aus der dauernden Versagerrolle rauszukommen. Zu sagen, das Kasperli muss weg, ohne dass was anderes zur Verfügung steht, ist gar nicht klug. Wenn das Kind nichts anderes hat, dann stürzt es danach ins Loch. Kasperei ist ein Lösungsversuch, der erstmal eine Honorierung verdient. Mit Kindern, die über ihr eigenes Schicksal witzeln, würde ich diesen Ping-Pong-Ball aufnehmen und zurückspielen. Später kommt man dann dahinter, dass das Lachen nur ein Teil von allem ist.

BZ: Und wie viele Psychiater braucht es tatsächlich, um eine Glühbirne einzudrehen?
Köhnlein: Das hängt von der Beziehung zur Mutter ab.
Frank Köhnlein (49), ist Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel und Autor der Hepp-Krimireihe, die in der Kinder- und Jugendpsychiatrie spielt.

Termin: Frank Köhnlein spricht am Mittwoch, 22. März, 19 Uhr, im Saal des St.Elisabethen-Krankenhauses Lörrach über Humor in Therapie und Pädagogik.

Autor: gtr