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17. November 2010 09:18 Uhr

Nach tödlichem Unfall

Wie können Wirtschaftswege sicherer werden?

Zwei Rennradler sind Anfang des Monats bei Endingen ums Leben gekommen – auf einem der Wirtschaftswege, die in Südbaden oft für Radtouren und Trainingsfahrten genutzt werden. Welche Lehren kann man aus dem tragischen Geschehen ziehen?

  1. Zwei Radfahrer sind bei einem Unfall auf diesem Wirtschaftsweg zwischen Endingen und Forchheim gestorben. Foto: Polizei

  2. Vorsicht ist auch auf ausdrücklich als Radwege ausgeschilderten Wirtschaftswegen geboten – egal, ob sie für sonstige Kraftfahrzeuge gesperrt sind oder nicht. Foto: Ralf Staub

Kaum ein regionales Ereignis wurde in den vergangenen Tagen so häufig diskutiert wie der schwere Unfall, bei dem am 4. November zwei Rennradfahrer an einer unübersichtlichen Kreuzung von einem Kraftfahrzeug erfasst worden waren und noch an der Unfallstelle starben. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen noch, doch unabhängig vom Ergebnis bleiben Fassungslosigkeit angesichts des tragischen Ereignisses – und eine gute Portion Ratlosigkeit. Auch bei der Polizei.

Der Mais ist weitgehend abgeerntet, die spätherbstliche Landschaft leert sich – und wird weithin überschaubar. Unfälle wie jüngst an einer Wirtschaftswegkreuzung zwischen Endingen und Forchheim sind bei solchen Sichtverhältnissen kaum noch denkbar. Wie es dazu kam, dass dort zwei Menschen sterben mussten, versucht ein Gutachter im Auftrag der Staatsanwaltschaft zu ermitteln. Und viele überlegen sich, ob und wenn ja wie man solche Unfälle in Zukunft vermeiden könnte.

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Warum sind die Kreuzungen nicht beschildert?

Die Frage nach dem Warum stellt sich auch Patrick Kromer aus Reute. Er ist als Radsportler und Begleiter von jungen Nachwuchsradsportlern häufig auf den Radwegen am Kaiserstuhl unterwegs. Die als Radwege ausgeschilderten Landwirtschaftswege im Dreieck Riegel/Forchheim/Endingen seien seit Jahren bekannt für schwere Unfälle mit Fahrzeugen, vor allem an den Kreuzungen, betont er. Kromer erinnert an einen Unfall vor rund sechs Jahren an derselben Kreuzung. Damals habe eine Radfahrerin nach einer Kollision mit einem Fahrzeug eine Querschnittlähmung erlitten. Für Kromer ist es unverständlich, dass die besagten Kreuzungen bis heute nicht beschildert oder zumindest entschärft wurden.

Verkehrsschilder, die auf die nahe Kreuzung hinweisen, sind ein Ansatz in vielen Gesprächen. Diskutiert wird zudem, ob die Kreuzungsbereiche nicht übersichtlicher gestaltet werden könnten, indem höher wachsende Feldfrüchte nicht bis unmittelbar an die Wege heran angebaut werden. Denkbar wären auch Markierungen auf der Fahrbahn. Oder müssen Tempolimits auf solchen schmalen Straßen her? Die BZ sprach mit Reinhard Schwaab, Referent im Sachbereich Verkehr beim Führungs- und Einsatzstab der Polizeidirektion Emmendingen.

Die meisten Unfälle passieren innerorts

"Die schlimmen Fälle zeigen uns immer wieder die Grenzen auf", betont Schwaab mit Blick auf den jüngsten Unfall. Denn eigentlich habe man über die Jahre hinweg viel erreicht in Sachen Verkehrssicherheit im radfahrerfreundlichen Landkreis Emmendingen. Die Zahl der Verkehrstoten sei über die Jahrzehnte stark zurückgegangen und trotz des erfreulich starken Radfahreraufkommens im Kreisgebiet und insbesondere am Kaiserstuhl gebe es glücklicherweise statistisch gesehen keine Unfallhäufungsstellen im Wegenetz. Das sei angesichts der vielen Radler bemerkenswert. Und die meisten Unfälle geschehen laut Polizeistatistik ohnehin innerorts, oft an Kreuzungen, wo "rechts vor links" gilt.

Die insgesamt gute Situation führt der Experte auf eine erfolgreiche Verkehrssicherheitsarbeit aller Beteiligten zurück. Darin sieht er auch den erfolgversprechendsten Weg für die Zukunft. Denn ob Vorfahrtsregel "rechts vor links" oder das gesetzliche Gebot zum Fahren auf Sicht – Vorschriften und Gebote, die einen solchen Unfall verhindern sollen, gab es auch im aktuellen Fall bereits.

Mais-Anbau bis an die Ackergrenze behindert die Sicht

Dennoch: Die Polizeidirektion gehe gerne konkreten Hinweisen auf Gefahrenpunkte nach und prüfe die Situation vor Ort darauf, ob eine Beschilderung oder anderes mehr Sicherheit bringen könnte. Schwaab: "Wir suchen permanent nach Verbesserungsmöglichkeiten." Angedacht sei auch, vor Beginn der Saison 2011 wenigstens die am stärksten befahrenen Wege und wichtigen Kreuzungen mit örtlichen Vertretern nochmals unter die Lupe zu nehmen und zu schauen, wo etwas sinnvoll wäre. Das könne je nach Situation auch mal ein Hinweisschild sein, das auf eine nahende Kreuzung aufmerksam macht. Aufgemalte Markierungen seien dagegen auf Landwirtschaftswegen nicht haltbar genug.

Für lohnenswert hält der Verkehrsexperte auch den Versuch, in Absprache mit den jeweiligen Landwirten an potenziellen Gefahrenpunkten für bessere Sichtverhältnisse zu sorgen. Dass die Gemeinden sich an solchen Stellen dauerhaft entsprechende Flächen sichern könnten, glaubt der Endinger Bürgermeister Hans-Joachim Schwarz zwar nicht; er persönlich könne sich aber durchaus eine kleine Entschädigung aus der Stadtkasse vorstellen, wenn ein Landwirt hier freiwillig Flächen frei halte. Sein Forchheimer Amtskollege Johann Gerber hat dagegen die Erfahrung gemacht, dass viele Landwirte von sich aus an solchen Stellen auf einen Anbau bis an die Ackergrenze verzichten. Reinhard Schwaab will die Debatte keineswegs nur auf Maisfelder reduzieren. Auch ein normales Getreidefeld bringe schon gewisse Sichtprobleme.

Vorsicht und defensive Fahrweise sind das A und O

Sicht und die Erkennbarkeit einer Kreuzung oder Einmündung sind das eine, Geschwindigkeit das andere. Wer glaubt, außerorts auch auf schmalen Straßen und solchen, teilweise für den Verkehr freigegebenen Landwirtschaftswegen bis zu 100 Stundenkilometer fahren zu dürfen, der irrt gewaltig. Laut Paragraf 3 der Straßenverkehrsordnung muss man auf Fahrbahnen, die so schmal sind, dass entgegenkommende Fahrzeuge gefährdet werden könnten, so langsam fahren, dass man mindestens innerhalb der Hälfte der übersehbaren Strecke halten kann. Für Wege wie bei den Wilhelmshöfen bedeutet das nach Schwaabs Einschätzung "maximal Tempo 50". Und grundsätzlich müsse jeder Verkehrsteilnehmer auf Einmündungen achten und sich nötigenfalls in die Kreuzung "hineintasten".

So bleibt bei aller Debatte um Schilder oder Markierungen letztlich vor allem der Appell zu vorausschauender und defensiver Fahrweise aller Verkehrsteilnehmer. Und die Erkenntnis, dass auch als Radwege ausgeschilderte Wege kein vor sonstigem Verkehr geschützter Bereich sind.

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Autor: Martin Wendel