"Durchatmen und auf Distanz gehen"

Sophia Hesser

Von Sophia Hesser

Fr, 26. Oktober 2018

Lahr

BZ-INTERVIEW mit der Kommunikationstrainerin Silke Weigang über den Umgang mit fremdenfeindliche Stammtischparolen.

LAHR. Fremdenfeindliche Äußerungen hört man am Stammtisch, im Verein, bei der Arbeit, bei Familienfesten. Doch wie reagiert man am besten? Ein Seminar der VHS Lahr, gefördert vom Landesprogramm "Demokratie stärken" und der Landeszentrale für Politische Bildung, widmete sich dem Thema. Sophia Hesser hat die Dozentin Silke Weigang mit solchen Stammtischparolen konfrontiert.

BZ: Flüchtlinge nehmen uns die Arbeit weg, nicht wahr?
Weigang: In wiefern nehmen sie uns die Arbeit weg? Sie bereichern uns doch in Zeiten des Fachkräftemangels. Da gibt es auch tolle Beispiele in Lahr selber. Ich glaube, wir sind da unterschiedlicher Ansicht. Welche Erfahrungen haben Sie denn damit gemacht?

BZ: Die sind doch alle kriminell.
Weigang: Das sagen Sie. Was meinen Sie mit "kriminell"? Wer sind "alle"? Haben Sie da Sorgen?

BZ: Was genau haben Sie jetzt gemacht?
Weigang: Ich habe entgiftende Gegenfragen gestellt. Und ich habe die Äußerung gespiegelt: "Aha, Sie haben also Angst?" Menschen haben einfach auch unangenehme Erfahrungen gemacht. Sie haben Nöte, da ist es sinnvoll drauf einzugehen. Oft kann man auch humorig antworten. Wenn man gemeinsam über ein Thema lachen kann, war vielleicht die Wahrnehmung einfach verzerrt.
BZ: Meist fällt einem erst hinterher die passende Antwort auf solche Stammtischparolen ein.
Weigang: Ja, das geht auch mir häufig so. Wir fühlen uns unter Druck gesetzt und erstarren in einer solchen Situation. Wir wissen nicht, wie wir reagieren sollen. Manchmal gehen wir sofort in den Gegenangriff. Es hilft durchzuatmen und auf Distanz zu gehen und sich zu sagen: Ich ärgere mich jetzt nicht, erst heute Abend um 21 Uhr. Oder sich zu fragen: Was würde der Papst oder meine Oma dazu sagen? Dann kann man sich Antworten überlegen und reagieren.

BZ: Wie sieht die passende Reaktion aus?
Weigang: Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Man muss überlegen, was man mit der Reaktion auslösen möchte. Will ich mein Gegenüber verdutzen, sprachlos machen oder verstehen? Haben wir eine gemeinsame Vorgeschichte und will ich auch eine gemeinsame Zukunft? Etwa bei Freunden, Bekannten und Angehörigen ist es wichtig, das im Hinterkopf zu behalten. Die Kunst besteht darin, eine gewisse Gelassenheit zu bewahren.

"Die Schnelligkeit der

modernen Welt lässt den Ton rauer werden"

BZ: Gelassenheit reicht aber nicht aus.
Weigang: Es gibt dann fünf Möglichkeiten zu reagieren. Erstens: Man tu so, als hätte man es nicht gehört. Tatsächlich ist das manchmal die richtige Reaktion, vor allem, wenn man sich selbst schützen will. Zweitens kann man die Aussage sachlich richtig stellen. Man kann aber auch empathisch auf den Gesprächspartner eingehen und versuchen, ihn zu verstehen. Wie kommt er zu seiner Aussage? Was ist der Hintergrund? Bekommt er vielleicht nicht genug Geld? Ist da eine persönliche Angst oder Wut? So kommt auch er ins Nachdenken. Dann gibt es noch die Hubschrauberposition, bei der man neutral auf das Gespräch blickt und schildert was passiert: "Du hast mich schon dreimal unterbrochen. Lass mich aussprechen" oder "Das erzeugt eine Kampfstimmung. Lass uns sachlich bleiben." Man stellt also Spielregeln auf.

BZ: Gibt es auch andere Wege?

Weigang: Auch ein spielerischer Umgang mit der Äußerung ist möglich. Man reagiert völlig unerwartet – das kann auch mal oberflächlich erscheinen. "Du sagst, Afrikaner seien dreckig? Aber das ist doch die Hautfarbe." Aus der Abwertung macht man also eine Tugend. Der Ton macht die Musik. Das tut im ersten Moment nichts zur Sache, aber man kann souverän reagieren. So kommt man leichter auf eine Sachebene zurück. Und kann diskutieren.

BZ: Das Gegenfragen, das Überraschen entspannt die Situation, aber ändert ja nicht die Sichtweise meines Gegenübers.
Weigang: Tatsächlich wollten wir häufig die Sache richtigstellen. Aber es geht in solchen Situationen meist nicht um die Sachebene, sie sind hochemotional. Jemand, der solche fremdenfeindlichen Parolen äußert, sagt eigentlich: Ich fühle mich überfremdet und alleingelassen und brauche einen Sündenbock. Oft haben wir die Zahlen ja auch gar nicht parat, um die fremdenfeindlichen Thesen zu widerlegen. Das Überraschende verhilft zu einem Perspektivwechsel auf allen Seiten.

BZ: Sind solche Stammtischparolen ein neues Phänomen?
Weigang: Nein, ich biete das Seminar schon lange an. Aber gerade tut sich in der Parteienlandschaft einfach viel, viele Menschen wandern an die Ränder der politischen Gesinnungen ab. Außerdem lässt die Schnelligkeit der modernen Welt den Ton eher rauer werden.

BZ: Ihr Seminar in Lahr war gut besucht – wer hat denn mitgemacht und warum?
Weigang: Frauen und Männer jeden Alters, mit und ohne Migrationshintergrund, aus völlig unterschiedlichen Berufen. Allen gemeinsam war, dass sie nicht sprachlos dastehen wollten. Die Zuhörer haben von Menschen aus ihrem Umfeld berichtet, die sich lieber zurückziehen. Das wollen sie nicht. Einige haben erzählt, dass sich Diskussionen mit nahestehenden Menschen so entzünden, dass sie viel zerstören. Sie wollen, dass sich Beziehungen wieder entspannen. Andere sind gut informiert, aber werden nicht gehört und wollen das ändern.

BZ: Sind die Teilnehmer nun ausgerüstet mit schlagfertigen Antworten?
Weigang: Sie waren sehr inspiriert und haben mehr Selbstvertrauen. Sie haben auch gelernt, eine gesunde Distanz zu schaffen.

Silke Weigang, 50 Jahre alt, wohnt in Meersburg, ist Politikwissenschaftlerin mit psychologischer Zusatzausbildung und seit 2000 Coach, Trainerin und Beraterin.