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05. März 2010 10:52 Uhr

Porträt

Wie Roger Köppel Schweizer gegen Deutsche aufbringt

Roger Köppel, der selbst ernannte Advokaten der Eidgenossenschaft: Der Chef der schweizerischen "Weltwoche" gefällt sich als Kämpfer gegen die Masseneinwanderung aus Richtung Norden.

  1. Überzeugungstäter mit Konfirmandengesicht: Roger Köppel Foto: Schmider

  2. Ein Titelblatt der „Weltwoche“ hat für Aufregung gesorgt – nicht nur in Deutschland. BZ Foto: -

Die Rolle des Anwalts ist ihm auf den Leib geschneidert. Rhetorisches Geschick und ein blendendes Gespür für die eigene Rolle, eine tiefe innere Überzeugung als Antrieb und eine ordentliche Portion Unerschrockenheit, die Lust am Disput bis hin zum harten Streit, dazu eine nicht unbeträchtliche Neigung zum Pathos und zur Selbstdarstellung. Nicht zu vergessen ein gesundes Selbstbewusstsein.

Kein Landsmann hat Roger Köppel als Anwalt für sein Land engagiert, niemand hat ihm einen Auftrag erteilt. So etwas macht Köppel selbst, wie er am liebsten alles selbst macht. Es gibt nicht wenige Schweizer, die sich nicht so richtig vertreten fühlen von dem selbst ernannten Advokaten der Eidgenossenschaft. Sei es, dass sie seine Strategie für falsch halten oder meinen, er verteidige die falschen Inhalte. Andere sind überzeugt, es gehe ihm mehr um ihn selbst als um die Sache.

Rolle des bad guy übernommen

All das ficht Köppel nicht an. Er habe "die Rolle des bad guy" übernommen, sagt er mit einem überlegenen, leicht spöttischen Grinsen. Wer mit Roger Köppel spricht, hat nie den Eindruck, dass ihm dieser Part des bösen Buben missfällt. In keiner Fernseh-Talkrunde darf er derzeit fehlen, wenn dort über deutsch-schweizerische Befindlichkeitsstörungen, das Bankgeheimnis, über das Selbstverständnis der Eidgenossen, Steuermoral und Datenklau schwadroniert wird. Köppel immer mittendrin, immer gut für eine provokative Pointe, einen zugespitzten Vorwurf oder eine verbale Attacke.

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Die deutsche Bundeskanzlerin sei eine Rechtsbrecherin, sagte Köppel neulich im Bayerischen Fernsehen. In der Schweiz würde die Justiz Rechtsbrecher verfolgen. Er meinte das als Warnung. "Sie selbst können wir nicht festnehmen, sie genießt Immunität", sagt Köppel, "aber für ihre Beamten gilt das nicht." Ob er ihnen von einem Urlaub in der Schweiz abraten würde? Wenn es nach ihm ginge, würden Merkels Helfer und Erfüllungsgehilfen bei der Einreise verhaftet. Der 44-Jährige ist hart im Austeilen. Als er neulich aus einer Fernsehsendung ausgeladen wurde, machte er daraus eine Staatsaffäre.

Mal auf den Putz klopfen

Zuhause hören viele die markigen Worte Köppels gerne. Sie freuen sich, wenn er wieder einmal auf den Putz klopft drüben, bei den Nachbarn. Da ist einer, der den wild gewordenen Teutonen die Stirn bietet, der nicht klein beigibt. Im Hotel Savoy am Züricher Paradeplatz haben sie an diesem Vormittag eigens für Roger Köppel die Dachterrasse geöffnet.

Für ein Fotoshooting zwischen Lüftungsrohren und Kaminen, die später auf keinem Bild zu sehen sein werden. Hier entstehen Bilder, wie Köppel sie mag: Durch das Objektiv betrachtet blickt er wie ein Wachposten hinunter auf die Bahnhofsstraße mit ihren Banken, er zeigt sich vor dem Bilderbuch-Alpenpanorama mit See, vor den Kirchtürmen der Stadt. Roger Köppel, Chefredakteur und Verleger der Wochenzeitung Weltwoche, weiß sich ins rechte Bild zu rücken.

Wegen der Aufnahmen ist die Verabredung verschoben und an einen anderen Ort verlegt worden. "Im Moment wird es mir etwas zu viel”, sagt er durchaus glaubhaft, aber er nimmt sich selbst in die Pflicht. Dem Vaterland zuliebe und der Sache wegen – aber durchaus auch im Interesse des eigenen Renommees. Vor drei Jahren kaufte Köppel die einstmals linksliberale Weltwoche, deren Chefredakteur er bereits von 2001 bis 2004 war. Köppel machte aus dem einstigen Autorenblatt ein Köppel-Sprachrohr und formte es zum Zentralorgan der Schweizerischen Volkspartei (SVP). 500 000 Franken soll SVP-Patron Christoph Blocher pro Jahr dafür überweisen, dass sein Chemieunternehmen ein Kreuzworträtsel sponsert. Er sei unabhängig, beteuert Köppel. "Staatskritisch und wirtschaftsfreundlich" sei die Weltwoche. Das stimmt, aber es ist nicht alles. "Aus der Weltwoche wird die Köppel-Woche" schrieb der Züricher Tagesanzeiger und ehemalige Redakteure bestätigen das.

Mann mit Konfirmandengesicht

Köppel zweifelt am Klimawandel und erkennt im Feminismus ein großes Übel unserer Zeit, er hält nichts von Gewerkschaften und Linken, von der Europäischen Union und noch weniger davon, dass die Schweiz sich zu eng mit ihr einlässt. Man darf sich durch das Konfirmandengesicht des Mannes nicht täuschen: Der jungenhaft wirkende Verleger-Redakteur ist alles andere als ein Leichtgewicht, er ist ein Überzeugungstäter, nahezu unermüdlich und sehr ehrgeizig. Köppel ist gegen alles, was er für den Mainstream hält. Dabei ist Köppel längst Teil dieses Mainstreams und des politischen Establishments, die SVP ist zur stärksten Partei geworden, und das Lästern über die Deutschen ist keine Randerscheinung mehr. "In den vergangenen Monaten ist die Stimmung gegen uns Deutsche gekippt", sagt ein Informatiker aus Deutschland, der in Zürich arbeitet.

Es war im Herbst, da hatte Köppel für sich ein großes Thema entdeckt: die Minarettinitiative. Köppel und die Weltwoche deuteten den Kampf für das Minarettverbot um in eine Abstimmung für oder wider die Meinungsfreiheit – und gewannen sie. Dann grub er sein zweites großes Thema aus, den Zuzug der Deutschen in die Schweiz, speziell im Raum Zürich. Köppel, selbst ein Vierteldeutscher, sagt, er habe mit den Deutschen kein Problem. So beginnen verräterische Sätze, denen viele Abers folgen. So auch jetzt. Wo immer er sich aufhalte, ob beim Friseur oder im Restaurant, überall werde hochdeutsch gesprochen. Für ihn kein Problem – aber vielleicht für die arbeitslose Schweizer Friseurin oder den beschäftigungslosen Schweizer Kellner. Weil die Mieten gestiegen sind aufgrund des Zuzugs von 30 000 Deutschen allein nach Zürich. Das sei kein Problem, solange die Deutschen kämen, um zu arbeiten und den Wohlstand der Schweiz zu mehren. Aber es werde zum Problem wenn sie blieben, "weil sie in der Schweiz mehr Sozialhilfe beziehen als in Deutschland".

Und dann ist da noch der deutsche Filz an den Schweizer Hochschulen. Köppel leitet den Vorwurf her von der großen Zahl an Professoren an Schweizer Universitäten. Die Schweiz müsse offen bleiben für die besten Wissenschaftler, aber dass diese ausgerechnet alle aus Deutschland kommen, das könne nicht sein. Also muss dahinter Protektion stecken. Geradezu lächerlich sei, wenn einer dieser Professoren sich über Rassismus beklage. Eine infame Unterstellung. Dass Deutsche, die in Zürich arbeiten, sich über ein neuerdings oftmals frostiges Klima beklagen, weist Köppel zurück. Das könne nicht sein. Und wenn doch, dann seien sie vermutlich selbst schuld, sollen sie doch erst einmal ihr eigenes Verhalten hinterfragen.

Wolfgang Schäuble im Panzer

In der Weltwoche erschien unlängst ein Titelbild, das Kanzlerin Merkel als Herrenreiterin mit Peitsche auf dem Rücken des Schweizer Finanzministers Hans-Rudolf Merz zeigt, im Hintergrund ein Panzer mit Wolfgang Schäuble am Steuer. Gezielt tauchen an anderer Stelle wahlweise Hinweise auf die deutsche Nazi- oder die DDR-Vergangenheit auf. Und dazu zwei Fragen: Ob Deutschland wieder eine Mauer errichten wolle, um die Eliten von der Ausreise abzuhalten? Und seine Bürger foltern wolle, die aus purem Selbstschutz ihr Schwarzgeld in Sicherheit bringen wollen?

Köppel hat ein neues Thema, das Bankgeheimnis, das bei ihm stets nur Bankkundengeheimnis heißt. Dass ausgerechnet Wolfgang Schäuble, der einst eine illegale Parteispende angenommen hat, dessen Partei Schwarzgeldkonten unterhielt, nun das Bankgeheimnis angreife, sei schon pikant – und dass es Schäuble dabei nicht wohl sei, will die Weltwoche ausgerechnet an der Körpersprache Schäubles ausgemacht haben. Im Eifer des Gefechts wird es schon einmal geschmacklos.

Und im Gefecht befindet sich Köppel, in einer Abwehrschlacht gegen die Deutschen, die auf dem besten Weg sind in einen Unrechtsstaat und die Schweiz mitreißen wollen in den Abgrund. Allein die Bitten aus Deutschland um mehr Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der Steuerhinterziehung sei "schlimmste Kolonialistenmentalität". Die Deutschen sollten endlich begreifen: "Die direkte Demokratie ist die DNA unseres Landes", und die Souveränität der Schweiz unantastbar. Daher empfiehlt der so jovial auftretende Chefredakteur den Deutschen, ihre Politik, speziell ihr Steuersystem zu ändern – und sich vor allem aus den inneren Angelegenheiten der Schweiz herauszuhalten. Denn an diesem Punkt seien die Eidgenossen besonders empfindlich.

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Autor: Franz Schmider