BZ-Interview

Was hinter dem Phänomen "Animal Hoarding" steckt

Michael Saurer

Von Michael Saurer

Di, 10. Januar 2017 um 19:48 Uhr

Panorama

In Willstätt haben Helfer rund 50 Tiere aus einem Haus befreit. Es war ein Fall von "Animal Hoarding". Warum hält ein Mensch dutzende Haustiere in seiner Wohnung?

Es war ein widerlicher Anblick für Polizei, Feuerwehr und die Mitarbeiter des Offenburger Veterinäramts. Am Montagabend durchsuchten sie das Haus einer Frau in der Ortenauer Gemeinde Willstätt, in dem 23 Katzen, 22 Kaninchen und drei Tauben gehalten wurden. Der Boden war mit Exkrementen übersät, die Tiere waren ungepflegt und teilweise krank (Hintergrund). "Animal Hoarding", Tierhortung, nennen Mediziner dieses Phänomen. Michael Saurer sprach darüber mit der Psychologin Andrea Beetz.

BZ: Frau Beetz, warum hält ein Mensch dutzende Haustiere in seiner Wohnung?

Beetz: Solche Menschen sind oft völlig abgekapselt von der Realität. Sie nehmen den Dreck, die toten Tiere, hygienische Mängel gar nicht mehr wahr und reden sich ein, dass die Tiere es bei ihnen richtig gut haben. Und sie merken nicht, dass ihnen das Ganze über den Kopf wächst.

BZ: Ist das eine Krankheit?

Beetz: Es ist kein eigenständiges Krankheitsbild, wird aber von Experten durchaus als Syndrom anerkannt – ähnlich wie etwa die Messie-Erkrankung. Messies sammeln Unmengen an Gegenständen an – bei den Tierhortern sind es eben Tiere. Oft leiden diese Menschen an Depressionen, sozialen Störungen oder Suchterkrankungen.

BZ: Merken sie, dass die Tiere leiden?

Beetz: Am Anfang vielleicht schon noch, aber sie verdrängen das und verlieren dann oft ganz den Überblick. Sie weigern sich auch oft, Tiere abzugeben, weil sie denken, den Tieren geht es nirgends so gut wie bei ihnen.

BZ: Zwei Hunde sind ja noch normal, drei geht oft auch noch. Ab wann wird es aber bedenklich? Wann sollten sich auch Außenstehende Gedanken machen?

Beetz: Das kann man nicht an einer konkreten Zahl festmachen. Es geht um die Frage, ob man es schafft, die Tiere artgerecht unterzubringen und tiermedizinisch zu versorgen. Wenn Sie ein Organisationstalent sind und es schaffen, sich um 50 Tiere zu kümmern und den Bezug zu jedem einzelnen nicht verlieren, ist das kein Problem. Wenn ich es aber nicht mehr schaffe, loszulassen, wenn ich die Tiere nicht mehr unter hygienischen und artgerechten Bedingungen halte, dann sollten die Alarmglocken läuten.

BZ: Wen betrifft das am ehesten?

Beetz: Es gibt eine Dissertation einer deutschen Tierärztin, die sich mit dieser Frage beschäftigt. Dabei kam heraus, dass es eher Frauen als Männer betrifft, meistens haben sie die Lebensmitte überschritten. Interessanterweise spielen Einkommen und Ausbildung nur bedingt eine Rolle. Es gibt Horter mit einem ganz normalen Job. Ich kenne den Fall einer gutverdienenden Frau, die so viel Geld hat, dass sie ständig Gerichtsverfahren hinauszögern kann – und wenn es gar nicht mehr geht, dann zieht sie einfach um. Das ist aber die Ausnahme. Meistens befinden sich diese Menschen eher am unteren Ende der Einkommensskala, sind arbeitslos oder in Rente.

BZ: Welche Tiere werden gehortet?

Beetz: Das können fast alle Tiere sein. Bevorzugt natürlich Hunde und Katzen. Es gab aber auch einen Fall eines Mannes, der mit 1700 Wellensittichen in einer kleinen Wohnung gelebt hat.

BZ: Was sollte ich tun, wenn ich sehe, dass etwa meine Nachbarin Tiere hortet?

Beetz: Am besten ist natürlich, wenn Sie die Nachbarin zunächst darauf ansprechen und Hilfe anbieten. Ansonsten können Sie die Polizei, den Tierschutzbund oder den Amtsveterinär der Stadt oder des Landkreises kontaktieren. Die schauen sich den Zustand der Tiere an – und ergreifen dann entsprechende Maßnahmen. Im schlimmsten Fall werden die Tiere beschlagnahmt, und den Menschen wird weitere Tierhaltung untersagt. Wir haben es immerhin mit einer Straftat nach dem Tierschutzgesetz zu tun.

BZ: Was passiert mit den Menschen, wenn man ihnen die Tiere wegnimmt?

Beetz: Das ist eine ganz dramatische Sache. Es ist in so einem Fall immer ratsam, wenn die Polizei dazukommt, weil die Horter mitunter den Amtstierarzt massiv bedrohen oder mit Suizid drohen.

BZ: Kann man diesen Menschen psychologisch helfen?

Beetz: Im Prinzip schon. Das Problem ist aber, dass die Betroffenen in der Regel nicht in eine Therapie wollen. Es fehlt einfach die Einsicht, krank zu sein. Es kann auch manchmal angebracht sein, demjenigen noch zwei, drei Tiere zu belassen, damit er nicht vollkommen absteigt und suizidal wird. Dann muss man das Wohlergehen der Tiere sehr engmaschig kontrollieren – und da stellt sich die Frage, wer dafür zuständig wäre.

BZ: Das heißt, auch der Gesetzgeber sollte da nachlegen?

Beetz: Wichtig wäre vor allem ein zentrales Register. Bislang ist es so, dass ein Horter, dem der Amtstierarzt im Nacken sitzt, mitsamt seinen Tieren einfach in einen anderen Landkreis umziehen kann – und dort erstmal unbehelligt weiter seine Tiere halten kann oder, nach Tierabnahme, sich eine neue Tiersammlung aufbauen kann.
Andrea Beetz

(41) ist habilitierte Psychologin und arbeitet als Privatdozentin an den Universitäten Rostock und Wien. Ihr Spezialgebiet sind die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren.

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