"Wir dürfen wieder singen"

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 14. Mai 2018

Klassik

BZ-INTERVIEW: Chorleiter und Juror Bertrand Gröger bilanziert den zu Ende gegangenen 10. Deutschen Chorwettbewerb.

Am Sonntag ging der 10. Deutsche Chorwettbewerb in Freiburg zu Ende. Bertrand Gröger (54), Gründer und Leiter des Jazzchors Freiburg, war mit von der Partie: als Juror und als Dirigent – freilich außerhalb des Wettbewerbsprogramms. Gegenüber Alexander Dick bilanzierte er seine Erfahrungen.

BZ: Herr Gröger, Sie kennen den Wettbewerb seit langem und von zwei Seiten: als Teilnehmer – Dirigent – und als Juror. Auf welcher Seite fühlen Sie sich wohler?
Gröger: Selbstverständlich als Dirigent. Musikmachen ist mir heilig. Gerade unser Sonderkonzert im Konzerthaus hat mir wieder gezeigt, dass es nichts Größeres und Schöneres gibt, als Glück zusammen mit dem Publikum zu erleben. Aber natürlich ist auch die Jurorenseite sehr spannend: Man erfährt viel über den Stand der Szene, man hört gelegentlich Neues, Anregendes, Anders-Interpretiertes, Noch-nie-Gehörtes.
BZ: Wie sind Ihre generellen Eindrücke vom Freiburger Wettbewerb? Waren Sie zufrieden mit Niveau und Organisation?
Gröger: Ein solches Megaevent zu organisieren ist eine Mammutaufgabe, und meiner Einschätzung nach hat das wunderbar geklappt. Minimale Pannen sind bei diesem Umfang natürlich unvermeidbar. Hier gibt es gelegentlich Erklärungsbedarf. Aber frischen Ideen und Kritik sollte man immer offen gegenüberstehen. Seit nun 2002 durfte ich regelmäßig Teil der Jury sein und konnte beobachten, wie das Niveau stetig hoch ist bzw. sogar ansteigt. Da die Kategorie Jazz und Pop mit 28 Jahren immer noch relativ neu ist, habe ich besonders hier eine Entwicklungs- und Aufwärtskurve beobachtet.
BZ: Sie waren in der Kategorie "Populäre Chormusik a cappella" Juror – mit 15 teilnehmenden Ensembles. Kann man von einer Booms-Sparte im Chorgesang sprechen? Was macht sie so attraktiv?
Gröger: Ja, diese Musik boomt. Sie bringt viele Eigentlich-nicht-Chorsänger in Chöre, und wenn ich in die Chorwelt und deren Fachblätter schaue, schätze ich, dass mittlerweile zirka die Hälfte der ungefähr 3 bis 4 Millionen deutschen Choristen populäre Chormusik singen. Attraktiv daran ist, dass es eine lebende und lebendige Musik ist. Man könnte natürlich meinen, dass dies eine sehr einfache Musik sei. Aber die Übertragung vom Originalsong in die Chormusik ist eine sehr bedeutende, daher hat hier der Arrangeur eine immense Bedeutung. Und mittlerweile weiß auch jeder sogenannte Klassiker, dass hier höchst anspruchsvolle und komplexe Musik stattfindet. Schaut man in die chorische zeitgenössische E-Musik, merkt man, dass unsere beiden Seiten sich gegenseitig inspirieren und wir viel voneinander lernen. Wir sind nicht weit voneinander entfernt. Eine höchst begrüßenswerte Entwicklung.
BZ: Es heißt, Chorsingen ist wieder im Aufwind.
Gröger: Ich glaube, dass wir in Deutschland in der Nachkriegszeit ein Singvakuum hatten. Deutsche Texte hatten immer ein G’schmäckle. Wenn ich mich an meine Jugend erinnere und an die Schlagersänger denke, hatten die zumindest einen ausländischen Namen, besser noch einen sehr starken ausländischen Akzent. Seit 1990 hat sich all das geöffnet. Wir dürfen wieder singen und wir wollen wieder singen. Wie schön!
BZ: Die Klage über den Nachholbedarf an allgemeinem Musikunterricht in den Schulen, über den Mangel an musischer Erziehung war auch zur Eröffnung des Wettbewerbs zu vernehmen. Woran fehlt es derzeit am meisten?
Gröger: Mein ganz konkreter und einfacher Vorschlag: Den Kindergarten- oder Schultag mit einem Lied beginnen! Ist die Seele gesund, sind Rechenaufgaben leichter. Nun höre ich: Aber die Lehrer sind dafür gar nicht ausgebildet. Da frage ich nach der Henne und dem Ei. Die Lehrer sollten einfach den Mut haben, es zu tun.
BZ: Freiburg war eine Woche lang Schauplatz der deutschen "Chor-Olympiade". Hat sich die Chorstadt als würdiger Austragungsort gezeigt?
Gröger: Freiburg ist eine Chorstadt und hat sich als Austragungsort beworben und den Zuschlag bekommen. Schön, dass die politische Freiburger Kultur diese Verantwortung übernommen hat. Freiburg hat sich mit bestem Wetter und schönen Sälen von seiner Schokoladenseite gezeigt. Ich habe mit vielen Sängern aus allen Teilen der Republik gesprochen. Die meisten waren begeistert, manche euphorisch. Wenn die Freiburger Bürgerschaft noch mehr von diesem Großereignis mitbekommen hätte, wäre es noch besser gewesen. Mein Fazit für die Stadt Freiburg: Wir haben hier ein so großes sängerisches Potenzial, das unbedingt weiterhin gut und sogar noch besser gefördert werden sollte. Die Politik sollte dies nicht aus den Augen verlieren.