"Wir haben jetzt wieder etwas Luft"

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Sa, 05. Oktober 2013

Basel

Giftstaub aus Chemiemüll-Sanierung durch Novartis in Hüningen beschäftigt die Behörden / Gefahr mangels Vergleichswerte unklar.

HUNINGUE. Chemiealtlasten bewegen rund um Basel seit Jahren die Gemüter. Was vor allem den Hüningern im Elsass dieser Tage wortwörtlich stinkt, ist Hexachlorcyclohexan (HCH), das in großen Mengen als Abfall bei der Produktion des heute weltweit verbotenen Insektizids Lindan entstanden war. Der Pharmakonzern Novartis gräbt das Gift seit Anfang des Jahres auf dem Areal seiner stillgelegten Industriekläranlage am Rheinufer aus. Doch die Arbeiten wurden einstweilen eingestellt, nachdem Staubspuren von HCH mehrfach in Basel nachgewiesen worden waren.

Schon seit August war im näheren Umfeld der Baustelle im elsässischen Hüningen auffälliger Geruch bemerkt worden. Man setze alles daran, das Projekt sicher zu Ende zu führen und jede Gesundheitsgefährdung auszuschließen, sagt jetzt Novartis-Sprecher Felix Räber. Das gelte selbstverständlich auch dann, wenn es sich bei den Lindanabfällen definitiv nicht um eigene Altlasten des Unternehmens handele. Die Novartis-Vorgänger Sandoz und Ciba hatten das Gelände in den 1970er-Jahren lediglich von der französischen Chemiefirma Ugine Kuhlmann gekauft, die damals Lindan hergestellt und ihre Produktionsabfälle hier vergraben hatte. Nachdem die später auf dem Gelände errichtete Kläranlage 2012 wieder abgerissen worden war, sollten auf dem rund 55 000 Quadratmeter großen Areal geschätzt rund 230 000 Kubikmeter mehr oder weniger stark belastetes Erdreich ausgegraben und zum Teil durch deutsche Spezialfirmen entsorgt werden.

Anders als bei anderen Chemiemüllsanierungen, etwa in Bonfol im Kanton Jura, wo die Müllgrube zur Sanierung stabil überbaut wurde, hatte man sich in Hüningen für riesige Zelte über der Baustelle entschieden. Der Basler Altlastenexperte Martin Forter, dessen Messungen jetzt zum Baustopp führten, hatte diese Vorkehrung als unzureichend kritisiert.

Als noch schlimmer schätzte er aber die Entscheidung ein, Material, das als gering belastet eingestuft wurde, auf dem Grundstück am Rhein offen zu lagern und von dort auf Schiffe zu verladen. Seiner Meinung nach müsse vielmehr das gesamte belastete Erdreich abgedeckt und in luftdichte Container verpackt werden. Und es kommt für ihn auch nicht infrage, dieses Erdreich, wie geplant, in der Umgebung der französischen Stadt Nantes neu und womöglich offen zu lagern.

Wie gefährlich die aktuelle Belastung tatsächlich ist, kann Forter dabei nicht mit Sicherheit sagen: Es gebe bisher kaum Untersuchungen zu Luftemissionen. Dass aber die Abfälle teilweise noch giftiger sind als das einst auf Feldern versprühte Lindan, steht fest. "Und dass das nicht in die Luft gehört, muss man eigentlich nicht diskutieren", so Forter.

Ähnlich sieht es Jean-Marc Deichtmann. Der Bürgermeister des Industrieortes Huningue betont zwar, seine Gemeinde habe die Sanierung des Geländes selbstverständlich begrüßt. Außer Frage steht für ihn aber, dass alle Emissionen auf das absolute Minimum reduziert werden müssten. Eigene Messwerte der in Frankreich zuständigen Umweltbehörde DREAL (Direction de l’Environnement, de l’Aménagement et du Logement) liegen ihm noch nicht vor, ein Gespräch mit dem Südelsässer Präfekten und Novartis-Vertretern ist jedoch schon vereinbart.

Mehrkosten spielen angeblich keine große Rolle

Möglicherweise lasse sich das Problem ja mit anderen Zelten lösen, sagt Deichtmann, die nicht aus beschichtetem Stoff, sondern aus Metall bestünden. Dass Novartis hier eine Billiglösung versucht habe, kann er sich indes nicht vorstellen. Auch Felix Räber verneint dies: "Die Kosten sind in diesem Sinne von untergeordneter Bedeutung." Zumal die Kosten der Sanierung in ihrer jetzigen Form schon auf 100 Millionen Franken (81,6 Millionen Euro) geschätzt werden.

Rückfragen zur Giftbelastung gab es aus der Bevölkerung sowohl in der Schweiz und in Frankreich, doch eine größere Verunsicherung lässt sich bisher nicht feststellen. Das berichten sowohl Deichtmann als auch Paul Svoboda vom Basler Amt für Umwelt und Energie (AUE). "Wenn wir auch nur ansatzweise das Gefühl gehabt hätten, es bestehe eine Gefahr, dann hätten wir gewarnt", so der Ressortleiter Altlasten. Da Lindan aber in der Schweiz bereits seit 30 Jahren verboten sei, gebe es kaum verlässliche Vergleichswerte. Messungen des AUE hätten jedoch sehr niedrige Belastungswerte beim Staub ergeben.

Den einstweiligen Baustopp durch Novartis begrüßt Svoboda dennoch. Er erlaube, in Sachen Risikoanalyse weiterzuarbeiten: "Wir haben da ja ein bisschen Luft bekommen im wahrsten Sinne des Wortes." Von deutscher Seite hält sich das Lörracher Landratsamt an die Schweizer Behörden. Georg Lutz steht als Leiter des Lörracher Umweltamtes im Kontakt mit dem AUE und dem Basler Lufthygieneamt. Beschwerden habe es auf deutscher Seite bisher keine gegeben. Martin Forters Messungen sind im Klybeck-Areal nahe der deutschen Grenze mit 94 Mikrogramm HCH pro Quadratmeter allerdings gegenüber 2 Mikrogramm an der Mittleren Brücke am höchsten ausgefallen. Aber vorerst ruht die Sanierung ja.