Arme Bauern zahlen die Zeche

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Mo, 15. Oktober 2018

Wirtschaft

In Südafrika plündern Manager und Politiker die VBS Bank aus / 130 Millionen Euro Schaden.

JOHANNESBURG. Noch sind die Südafrikaner damit beschäftigt, das ganze Ausmaß und die verheerenden Folgen der korrupten Herrschaft ihres Ex-Präsidenten Jacob Zuma zu verdauen – da sind sie bereits mit dem nächsten Riesenskandal konfrontiert. Eine von der südafrikanischen Zentralbank in Auftrag gegebene Untersuchung des Kollapses des ersten "schwarzen" Kreditinstituts des Landes, der VBS Mutual Bank, brachte jetzt einen Betrugsfall von atemberaubender Dimension zum Vorschein: Fast zwei Milliarden Rand (rund 130 Millionen Euro) sollen von rund 50 führenden Angestellten der Bank und ihnen nahestehenden Politiker veruntreut worden sein.

Presseberichten zufolge handelt es sich um eines der umfangreichsten Wirtschaftsverbrechen in der Geschichte des Landes: Dessen Opfer ist vor allem die schwarze Landbevölkerung, deren bescheidene Spareinlagen nun teilweise vernichtet worden sind."Der große Banküberfall" lautet der Titel des jetzt veröffentlichten Untersuchungsberichts: Er löste am Kap der Guten Hoffnung eine Welle der Empörung aus. Verwickelt in den Überfall sollen außer den führenden Funktionären der Bank auch Politiker des regierenden ANC, der linken Oppositionspartei "Ökonomische Freiheitskämpfer", die internationale Beratungsfirma KPMG sowie der König des Venda-Volkes, Toni Ramapulana, sein.

Dem heutigen Staatspräsidenten Cyril Ramaphosa sollen die betrügerischen Machenschaften der Bank Presseberichten zufolge schon seit eineinhalb Jahren bekannt gewesen sein; und sein Vorgänger Jacob Zuma war womöglich sogar ein Nutznießer der illegalen Geschäfte. Er erhielt von der VBS-Bank einen persönlichen Kredit über mehr als sieben Millionen Rand, den er offenbar erst dann zurückzuzahlen begann, als die Bank Anfang dieses Jahres in die Insolvenz schlitterte.

Die VBS-Bank wurde wie ein "kriminelles Unternehmen" geführt, urteilt Anwalt Terry Motau in seinem Untersuchungsbericht: Ihre Verantwortlichen hätten fiktive Kreditverträge aufgesetzt und sich unter Vortäuschung falscher Tatsachen Milliarden von Rand von der staatlichen Public Investment Corporation (PIC, zu deutsch: Gesellschaft für öffentliche Investitionen), dem größten Pensionsfonds auf dem afrikanischen Kontinent, erschlichen. Dem Vorstandsvorsitzenden der Bank, Tshifhiwa Matodzi, flossen dem Untersuchungsbericht zufolge mehr als 325 Millionen Rand an fragwürdigen Zahlungen in die eigene Tasche. Und der Schatzmeister des ANC in der Limpopo-Provinz erhielt Millionen dafür, dass er Städte und Gemeinden davon überzeugte, ihr Geld der VBS-Bank zu geben.

Der interne Bankraub führte dazu, dass das Kreditinstitut im März dieses Jahres zahlungsunfähig war: Zigtausende kleiner Anleger erhielten seitdem nur einen Teil ihres Ersparten zurück. Weniger Monate vor der Pleite der Bank war ihr vom Rechnungsprüfungsunternehmen KPMG noch ordentliche Buchführung und ein guter Gesundheitszustand attestiert worden – die beiden südafrikanischen KPMG-Partner mussten inzwischen allerdings ihre Hüte nehmen. Motau fordert in seinem Untersuchungsbericht rechtliche Schritte gegen KPMG: Ein weiteres Desaster für die Firma, die schon auf höchst fragwürdige Weise in die Umtriebe der mit Zuma befreundeten Gupta-Familie verwickelt war.

In Südafrika werden bereits Stimmen laut, die den Entzug der staatlichen Lizenz für KPMG fordern: Es wäre das Ende der Beratungsgesellschaft in Südafrika, wo sich schon Coca Cola, die Barclays Bank sowie das Finanzinstitut Sasfin von KPMG getrennt hat. Auch wenn Zigtausende von ihnen jetzt noch ärmer geworden sind, macht den Südafrikanern zumindest Hoffnung, dass der Skandal überhaupt zum Vorschein kam und jetzt auch von Sonderermittlern der Polizei unter die Lupe genommen wird. Schon in Kürze könnten die ersten Verhaftungen erfolgen, wird in der Presse spekuliert: Ein potentieller Präzedenzfall dafür, dass Südafrika mit sich selbst ins Reine kommen kann.