Nachwuchsmangel

Bauingenieure dringend gesucht – Stefan Gauss aus Kenzingen schwärmt für seinen Beruf

Bernd Kramer

Von Bernd Kramer

Mi, 22. Juni 2016 um 11:59 Uhr

Wirtschaft

Der Bauberuf steht nicht hoch im Kurs. Warum das so ist, erklärt der Chef der Sparte Metallbau beim Kenzinger Unternehmen Freyler.

Stefan Gauss schmerzt es sichtlich. "Wir haben ein großes Problem", sagt der 46-jährige Metallbauingenieur, der beim Kenzinger Stahlbauunternehmen Freyler den Metallbau leitet. "Keiner will sich mehr die Hände schmutzig machen, weil es in anderen Branchen Alternativen gibt. Kaum noch jemand will einen Bauberuf erlernen. Es fehlt an Auszubildenden aber auch Ingenieuren. Unserer Branche wird nicht die Wertschätzung entgegengebracht, die sie verdient."

Dass Gauss’ Klage berechtigt ist, belegen Zahlen der baden-württembergischen Direktion der Arbeitsagentur. In der Statistik für den Mai standen 818 offenen Stellen für Bauingenieure gerade 384 arbeitslose Bauingenieure gegenüber.

Aus tiefster Überzeugung

Den Bühler, der nach Kenzingen pendelt, erfüllt sein Beruf, auch wenn er mehr als 40 Stunden pro Woche mit seiner Arbeit beschäftigt ist. "Ich mache das aus tiefster Überzeugung. Für den Beruf entschied ich mich, weil ich mir sicher war, er bereitet mir Freude." Seine Wahl hat er nicht bereut: "Ich stehe stets vor neuen Aufgaben, kann mit Kunden reden und ich sehe am Ende klar, für was meine Anstrengungen gut waren. Das ist ein schönes Gefühl. Ich darf Leute führen."

Gauss’ Spezialgebiet sind Glas-Aluminium-Fassaden, die im Industriebau und bei großen Büro- und Verwaltungsgebäuden gerne verwendet werden. Mit der Bauwirtschaft kam er schon als Kind in Berührung. "Ein Opa war Zimmermann, der andere hatte ein Bauunternehmen. Ich habe mich schon ziemlich früh handwerklich betätigt." Auf eine Schlosserlehre folgte ein Studium an der Dualen Hochschule, die viel Wert auf Praxisbezug legt.

Selbst auf vielen Baustellen Hand angelegt zu haben, hält Gauss für wichtig für seine Tätigkeit. "Wenn es Schwierigkeiten gibt, kann ich den Mitarbeitern zeigen, wie es geht, zum Beispiel eine Schweißnaht setzen. Das sorgt für Glaubwürdigkeit und Akzeptanz."

Schnittstelle zwischen Architekten und Handwerkern

Er versteht sich als Schnittstelle zwischen den Architekten, deren Kreativität sich in den Entwürfen zeigt, und den Handwerkern, die das Konzipierte in die Realität umsetzen. Dazwischen stehen gesetzliche Vorschriften und die Frage, was technisch möglich und wirtschaftlich ist. Als Beispiel nennt der Ingenieur eine Hochhaussanierung, bei der Gauss und seine Mannschaft eine Alternative zu Edelstahl finden mussten, ohne dabei die Normen zu verletzen.

"Wer Ingenieur werden will, sollte schon eine gewisse Affinität zu Zahlen haben", sagt Gauss. "Ohne Rechnen und Kenntnisse in Physik und Chemie geht es nicht. Allerdings braucht keiner ein Mathe- oder Physik-Genie zu sein, es sei denn, er will später in die Forschung gehen."

Bauingenieur ist ein vielseitiger Beruf

Entscheidend sei der Wille, anhand des im Studium gelernten Wissens und der Methoden unterschiedlichste Aufgaben zu meistern. "Das trifft auf alle Ingenieure zu." Für den Bauingenieur spricht nach Ansicht von Gauss die Tatsache, dass seine Arbeit in der Regel in Unikaten mündet, weil kein Bau dem anderen in allen Details gleiche. "Ich finde das spannender, als beispielsweise nur einen kleinen Teil eines Zylinderkopfes zu entwickeln." Die Arbeit bei einem Mittelständler wie Freyler biete zudem mehr Freiräume als die Tätigkeit in einem riesigen Konzern. Als sehr erfreulich empfindet Gauss, dass sich vermehrt Frauen für den Beruf interessieren würden. "Das ist zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer, was die Nachwuchsprobleme angeht." Matthias Buggle, Freyler-Personalleiter, schätzt es, wenn ein Bewerber neben den technischen Fähigkeiten auch die Bereitschaft mitbringt, auf die Menschen zugehen zu wollen. "Bei den Projekten arbeiten wir eng mit den Kunden zusammen. Der Ingenieur muss ihre Wünsche, ihre Sorgen berücksichtigen, sie von seinem Konzept überzeugen können."

Das südbadische Unternehmen beschäftigt 330 Mitarbeiter, der Umsatz beträgt rund 140 Millionen Euro. Wer direkt von der Hochschule kommt, durchläuft zuerst ein Traineeprogramm. Für diese Ausbildungsphase, die in der Regel 1,5 Jahre geht, werden 2500 Euro pro Monat bezahlt. "Auf dem Bau spielt Erfahrung eine ganz große Rolle. Deshalb haben auch über 55-Jährige gute Karten, in der Branche einen Job zu finden", sagt Buggle.

Bei südbadischen Maschinenbauern, Elektrotechnikfirmen und Informationstechnik-Unternehmen mangelt es ebenfalls an Ingenieuren, sagt Heidrun Riehle, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Wirtschaftsverbandes Industrieller Unternehmen Baden. Der Verband will dem entgegentreten: Zusammen mit der Hochschule Offenburg und Mitgliedern wird ein Bachelor-Studiengang entwickelt, der Arbeitnehmern die Möglichkeit geben soll, nebenberuflich einen Elektrotechnik-Abschluss zu erlangen.

Nach Beobachtung des Vereins deutscher Ingenieure (VDI) hat auch der Automobilbau Schwierigkeiten, ausreichend Nachwuchs zu finden. Allerdings trage das Trommeln für den Ingenieurberuf Früchte: "Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage ist kleiner geworden. Die Ingenieursstudiengänge erfreuen sich steigender Beliebtheit", sagt VDI-Sprecher Michael Schwartz.

Offene Stellen vor allem im Süden und Westen

Die Arbeitsagentur schreibt in einer Studie vom März 2016, dass vor allem im Süden und Westen Deutschlands Arbeitgeber Schwierigkeiten hatten, in einigen Sparten offene Stellen zu besetzen. In Berlin übersteige die Zahl der arbeitslosen Technikspezialisten dagegen die der nicht besetzten Arbeitsplätze beträchtlich. Anhaltspunkte für einen generellen Ingenieurmangel gibt es nach Meinung der Arbeitsagentur aber nicht.

Der südbadische IG-Metall-Chef Marco Sprengler sagt, dass der Bedarf an Ingenieuren in wachstumsstarken südbadischen Betrieben zunehme. "Jene Firmen, die den Beschäftigten familienfreundliche Arbeitsbedingungen bieten, haben mit die besten Chancen, gute Fachkräfte zu bekommen."
VDI-Regio-Career-Messe

Am Samstag, 25. Juni, veranstaltet der Verein deutscher Ingenieure (VDI) Bezirk Schwarzwald, zusammen mit seiner elsässischen Partnerorganisation Arisal und der Ferchau Engineering die zweite Regio-Career-Messe. Von 9.30 Uhr bis 16 Uhr präsentieren sich 25 südbadische Unternehmen und Institutionen im Freiburger Konzerthaus. Dazu zählen beispielsweise die Badischen Stahlwerke, Testo oder die Bötzinger SMP Peguform. Begleitet wird die Messe, die Firmen und potenzielle Mitarbeiter zusammenbringen soll, von Vorträgen. Der Eintritt ist frei.

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