E-Zigaretten

Dampfen ist das neue Rauchen

Wolf von Dewitz

Von Wolf von Dewitz (dpa)

Do, 27. September 2018 um 18:32 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Der Umsatz mit E-Zigaretten in Deutschland hat sich seit 2015 mehr als verdoppelt – während die Tabakindustrie schrumpft. Im Bundestag wird sogar eine Ausweitung des Tabakwerbeverbots diskutiert.

Rauchen ist gesundheitsschädlich – auch wenn manche Werbung für E-Zigaretten etwas anderes vorzugaukeln versucht. Das geänderte Gesundheitsbewusstsein der Verbraucher dämpft die Umsätze der Tabakindustrie – und treibt die Verkaufszahlen der E-Konkurrenz in die Höhe. Ob weniger Werbung daran etwas ändern würde? Im Bundestag wird eine Ausweitung des Tabakwerbeverbots diskutiert.

Rauchen ist krebserregend. Deshalb scheint es sinnvoll, wenn Kettenraucher auf die weniger schädlichen E-Zigaretten umsteigen. Das Geschäft mit den Verdampfern boomt, so wirklich glücklich sind Mediziner aber nicht.
Die Zigarettenindustrie
In der Tabakverarbeitung sind laut Deutschem Zigarettenverband 9315 Menschen in 25 Betrieben beschäftigt. Vor 20 Jahren waren es noch 12 595 Beschäftigte in 34 Betrieben. Vergangenes Jahr wurden in Deutschland fast 76 Milliarden Zigaretten versteuert. Weitere rund 123 Milliarden wurden exportiert, vor allem nach Spanien, Italien und in die Niederlande. Eingeführt wurden 48,4 Milliarden Zigaretten, hauptsächlich aus Polen, Rumänien und Tschechien. Der Verband des E-Zigarettenhandels, der 140 Betriebe vertritt, schätzt die Zahl der Beschäftigten auf 9000. Die Umsätze steigen: 2010 waren es fünf Millionen, 2016 schon 420 Millionen Euro.

Die Nachfrage nach E-Zigaretten hat in Deutschland deutlich zugelegt. Der Umsatz mit den tabakfreien Produkten sei im vergangenen Jahr um 38 Prozent auf schätzungsweise 580 Millionen Euro gestiegen, teilte der Verband des E-Zigarettenhandels auf der Fachmesse Intertabac in Dortmund mit. Damit hat sich der Umsatz seit 2015 mehr als verdoppelt; damals waren es noch 270 Millionen Euro. "Es geht steil nach oben", sagt der Geschäftsführer des Verbands, Dac Sprengel. Immer mehr Raucher stiegen auf die E-Variante um.

Stellt das eine wirtschaftliche Gefahr für die Tabakhersteller dar? Jan Mücke, Sprengels Pendant beim Deutschen Zigarettenverband, schüttelt den Kopf. Zum einen vertrieben Tabakkonzerne inzwischen selbst die Elektro-Alternative – als "Ergänzung des Produktportfolios", so Mücke. Zum anderen seien die Verdampfer immer noch eine Nische. Zum Vergleich: 2017 lag der Umsatz mit normalen Zigaretten und anderen Tabakprodukten in Deutschland bei knapp 26 Milliarden Euro, davon allein mit Zigaretten 21,4 Milliarden Euro. "Es wird die klassische Tabakzigarette noch sehr, sehr lange geben", ist Mücke überzeugt.

E-Zigaretten-Lobbyist Sprengel rechnet mit einem anhaltend hohen Wachstum, dieses Jahr werde der Umsatz mit E-Zigaretten wohl zwischen 700 und 900 Millionen Euro erreichen. Die Politik solle aktiv für die E-Zigaretten eintreten, weil dadurch die Zahl der Krebserkrankungen reduziert werden könnte, fordert er. Sein Verband nennt tabakfreie E-Zigaretten "mindestens 95 Prozent weniger schädlich" als normale Zigaretten.

Wissenschaftler sehen solche Aussagen mit Skepsis. Zwar bestätigt das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), dass die E-Verdampfer "wahrscheinlich deutlich weniger schädlich sind als herkömmliche Zigaretten". Es wird aber befürchtet, dass durch die E-Zigaretten die Motivation sinkt, das Rauchen ganz aufzugeben. Unklar ist auch, wie viele Raucher wirklich umsteigen – und wie viele die Verdampfer bloß zusätzlich nutzen. Hinzu kommt, dass auch junge Menschen unter den Konsumenten sind: E-Zigaretten seien ein potenzielles Einfallstor für Nikotinsucht, warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Während die E-Zigaretten boomen, hielt sich der konventionelle Markt zuletzt immerhin stabil. Im ersten Halbjahr 2018 versteuerten die Hersteller nach Angaben des Deutschen Zigarettenverbands 37,3 Milliarden Glimmstängel und damit 0,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Durch Preiserhöhungen stieg der Umsatz um knapp vier Prozent auf 10,813 Milliarden Euro. Die Erlöse für Feinschnitt (loser Tabak zum Selberdrehen) blieben mit 1,8 Milliarden Euro etwa gleich. Von den Umsätzen für Tabakprodukte fließen grob gesagt etwa zwei Drittel als Steuern an den Staat. Auf E-Zigaretten und die Flüssigkeiten, die darin verdampft werden, wird bislang keine Steuer erhoben.

Der Deutsche Zigarettenverband rechnet mit einem schrumpfenden Markt. In den vergangenen 15 Jahren habe sich die jährliche Zigarettenmenge in Deutschland von 150 Milliarden mehr als halbiert, sagt Mücke. Grund sei unter anderem ein stärkeres Gesundheitsbewusstsein der Verbraucher. Ein leichter Abwärtstrend von ein bis zwei Prozent werde sich künftig fortsetzen.