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09. Januar 2016 12:27 Uhr

BZ-Interview

Freiburger Ökonom: Den Menschen ist Fairness wichtig

Bernhard Neumärker forscht an der Universität Freiburg. Im Experiment fand sein Team heraus, dass den Menschen nicht nur Effizienz, sondern auch Gerechtigkeit wichtig ist.

  1. Bernhard Neumärker Foto: Ingo Schneider

Der Mensch strebt nicht nach Effizienz allein, auch Gerechtigkeit ist ihm wichtig – das ist eine Erkenntnis, die der Ordnungspolitiker Bernhard Neumärker und sein Team an der Universität Freiburg aus Experimenten gewonnen haben. Claudia Füßler hat mit dem Ökonomen darüber gesprochen, welche Rolle das bedingungslose Grundeinkommen dabei spielt.

BZ: Herr Neumärker, wie genau lief so ein Experiment ab?
Neumärker: Wir haben mit Probanden in einer theoretischen Welt wirtschaftliche Prozesse durchgespielt. Das Experiment beinhaltete zwei Ebenen. Zunächst mussten die Teilnehmer sich entscheiden, nach welchen Regeln sie spielen wollten. Dann lief die Simulation in dieser Welt ab, für die sie sich entschieden hatten. Das Spannende daran: Keiner der Probanden wusste vorher, welche Stellung er später in dieser Gesellschaft haben wird, ob er zu den Reichen oder Armen gehört.

BZ: Zwischen welchen möglichen Ordnungen konnten die Teilnehmer wählen?
Neumärker: Wir hatten zunächst zwei Extreme im Angebot – auf der einen Seite die reine Marktwirtschaft mit hoher Produktivität und hohem Durchschnittseinkommen, auf der anderen ein System nach John Rawls, das das höchstmögliche bedingungslose Grundeinkommen darstellt, indem der Ärmste dem Reichsten gleichgestellt wird. Wir haben zudem zwei Zwischensysteme ergänzt. In beiden gab es ein gewisses bedingungsloses Grundeinkommen, das aber nicht so hoch lag wie bei Rawls. Einmal ein etwas höheres bedingungsloses Grundeinkommen, das eine geringere Distanz der verschiedenen Einkommen beinhaltete. Dann ein niedrigeres, bei dem die Distanz zu anderen Einkommen noch geringer ist. So konnte mitgetestet werden, ob eher eine hohe Grundsicherung oder eine Eindämmung der Ungleichheit erzielt werden soll. Die Teilnehmer haben sich mit deutlicher Mehrheit immer für eines der beiden Zwischensysteme entschieden. Also Systeme, die über die reine Marktwirtschaft hinausgehen, indem sie ein gewisses, aber nicht maximales Grundeinkommen beinhalten.

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"Wir vermuten, dass Individuen sich zuerst um die Gerechtigkeit sorgen, dann erst um die Effizienz."

BZ: Wissen Sie, warum die Leute so entschieden haben?
Neumärker: Wir haben eine Vermutung. Wichtig ist ja, dass die Teilnehmer nicht wissen, wie sie später gestellt sein werden. Sie müssen also hinter dem Schleier des Unwissens zu einer kooperativen Lösung finden. In unserem Experiment konnten sie anonym in einem Chatroom diskutieren, in welchem System sie leben wollen. Wir haben festgestellt, dass sich die meisten um eine gewisse Sicherheit im Sinne von Fairness kümmern. Wenn diese Absicherung gegeben ist, dann darf gerne der Markt mit seinen Regeln greifen. Wir vermuten anhand der Ergebnisse also, dass Individuen sich zuerst um die Gerechtigkeit sorgen, dann erst um die Effizienz. Ganz im Gegensatz zu Wirtschaftsökonomen, die vornehmlich an die Effizienz denken.

BZ: Ist es denn neu, dass die Menschen sich um Gerechtigkeit bemühen?
Neumärker: Das ist schwierig zu sagen, wir haben ja keine vergleichbaren Experimente. Aber was wir wissen, ist, dass die reine Marktwirtschaft vor allem dann funktioniert, wenn die Gesellschaft sehr durchlässig ist. Der soziale Status ist nicht zementiert, der Arme kann reich werden und umgekehrt, wie im viel zitierten amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär. Wenn die Menschen aber merken, dass es eine zu hohe soziale Immobilität gibt, dass also zum Beispiel vermögende Kapitaleigner selbst mit sehr hohem persönlichen Arbeitseinsatz nicht mehr eingeholt werden können, dann entscheiden sie sich eher für eine umverteilende Grundsicherung.

"Interessant ist auch, dass dem Einzelnen eine Grundsicherung für alle wichtig ist, die nicht nur das bloße Überleben abdeckt."

BZ: Um Neid zu vermeiden?
Neumärker: Auf der einen Seite, ja. Die, die wenig haben, sind umso neidischer, je größer die Distanz zu den Großverdienern und je geringer die Chance ist, ein ebensolcher zu werden. Auf der anderen Seite fühlen sich die Reichen zuweilen schuldig gegenüber den Geringverdienern. Wenn wir mehrere Akteure haben, die solche unterschiedlichen Einkommen als unangenehm empfinden, sprechen wir von einer Ungleichheitsaversion. Interessant ist auch, dass dem Einzelnen eine Grundsicherung für alle wichtig ist, die nicht nur das bloße Überleben abdeckt, sondern darüber hinausgeht und allen eine ausreichende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. Jeder soll ins Fußballstadion gehen, Geschenke kaufen und seine Kinder zum Geigenunterricht schicken können.

BZ: Neid und Schuld – das klingt, als wirke ein bedingungsloses Grundeinkommen im weitesten Sinne friedensstiftend?
Neumärker: Das ist ein theoretisches Argument der sozialliberalen Seite, dem ich lange skeptisch gegenüberstand. Inzwischen sehe ich aber durch unsere Experimente, dass durch ein bedingungsloses Grundeinkommen tatsächlich positive Effekte auf eine Gesellschaft entstehen können und so zum Beispiel sozialer Neid abgebaut werden kann. Wer weiß, vielleicht ist das bedingungslose Grundeinkommen sogar die moderne Form der sozialen Marktwirtschaft.
Bernhard Neumärker

Bernhard Neumärker, 52, leitet die Abteilung für Wirtschaftspolitik und Ordnungstheorie am Institut für Allgemeine Wirtschaftsforschung der Universität Freiburg. Der Ökonom ist verheiratet und hat zwei Kinder. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören neben sozialer Gerechtigkeit Macht- und Konfliktökonomik, politische Ökonomie von Reformen und ökonomische Nachhaltigkeitsforschung.

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Autor: Claudia Füßler