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24. März 2015 00:00 Uhr

Energieversorgung Europas

Die Türkei wird zur Energiedrehscheibe

Im Poker um die Energieversorgung Europas mit Erdgas in den kommenden Jahrzehnten ist das Land in einer sehr komfortablen Lage. Sehr zum Leidwesen von Russland.

Die Energieversorgung ist keine rein wirtschaftliche Angelegenheit. Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zeigt, dass Energierohstoffe auch als Druckmittel eingesetzt werden. In der vergangenen Woche sind einige Entscheidungen gefallen, die Europa unabhängiger machen könnten von russischem Erdgas.

Die Verteilung der europäischen Gasimporte auf mehrere Bezugsquellen ist vergangene Woche ein Stück vorangekommen: In der Türkei begann der Bau der Trans-Anatolien-Pipeline Tanap (in der Karte grün eingezeichnet). Diese Röhre beginnt an der türkisch-georgischen Grenze und transportiert Gas aus Aserbaidschan in den Westen der Türkei (siehe Karte). Die 1850 Kilometer lange Pipeline soll 2018 fertig sein und rund zehn Milliarden Dollar kosten (umgerechnet fast zehn Milliarden Euro). Von 2019 an können dann jährlich 16 Milliarden Kubikmeter Gas westwärts fließen. Davon soll die Türkei sechs Milliarden Kubikmeter bekommen, die EU zehn Milliarden.

Die EU übernimmt ihren Anteil an der türkisch-griechischen Grenze und transportiert das Gas dann durch die (noch zu bauende) Trans-Adria-Pipeline Tap (in der Karte lila) über Albanien und durch die Adria nach Süditalien. Dort wird das Gas in das europäische Gasnetz eingespeist. Von 2020 an soll der sogenannte südliche Gaskorridor die Abhängigkeit Europas von russischem Gas reduzieren. Es wäre der vierte Versorgungsstrang für Gasimporte neben Russland, Norwegen und Nordafrika.

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Der Baubeginn von Tanap ist eine Niederlage für Russland, das auch Gas über die Türkei nach Europa exportieren will. Ursprünglich sollte russisches Gas durch eine Pipeline namens South Stream (in der Karte blau) nach Bulgarien fließen. Doch in Folge der Ukrainekrise stoppte der russische Präsident Vladimir Putin im Dezember 2014 den Bau abrupt. Kurz darauf gaben Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Pläne für den Bau einer Pipeline von Russland in die Türkei bekannt – Turkish Stream.

Diese Pipeline soll wie Tanap die Türkei – aber auch Europa – mit Gas versorgen. Durch die Pipeline sollen 63 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr in die Türkei fließen, 50 Milliarden davon für Europa. Das Problem: An der türkisch-griechischen Grenze gibt es nicht die nötige Infrastruktur, um so viel Gas weiterzu- transportieren.

Damit die EU die erforderlichen Milliarden in diese Infrastruktur investiert, hat Gazprom angekündigt, von 2019 an kein Gas mehr durch die Ukraine nach Europa zu liefern. Europa wäre dann gezwungen, den größten Teil der Gasimporte aus Russland statt an der ukrainischen Grenze und durch bestehende Pipelines an der türkisch-griechischen Grenze und durch neue Pipelines in Empfang zu nehmen. Die EU zeigte sich ob dieser Aussicht irritiert. "Ich wäre sehr erstaunt, wenn Firmen mit Verträgen, die weit über das Jahr 2019 hinausgehen, morgen ihre Nachfrage von der Ukraine in die Türkei verlagern und froh wären, dies zu tun", sagt Oliver Koch, der Chef der EU-Energieabteilung.

Hinzu kommt, dass immer mehr Alternativen zu russischem Gas zur Verfügung stehen. Zum einen ließe sich durch Tanap auch Gas aus Turkmenistan oder aus den kurdischen Provinzen im Irak Richtung Europa befördern. Falls eine Beilegung des Atomstreits mit dem Iran gelingt, bestünde sogar die Möglichkeit, dass iranisches Gas durch Tanap fließt. Außerdem fällt der Preis für Flüssiggas: Seit Januar 2014 ist er von rund 50 auf 30 US-Cent pro Kubikmeter Gas gefallen. Da die globale Flüssiggas-Exportkapazität steigt, ist auch nicht mit einem baldigen Anstieg der Preise zu rechnen.

Einen klaren Gewinner beim Poker um die Erdgasversorgung gibt es schon: die Türkei. Russland gewährt dem Land einen Rabatt von 10,25 Prozent auf den Gaspreis. Denn am liebsten würde Russland morgen mit dem Bau von Turkish Stream anfangen. Die Schiffe für den Bau von South Stream sind gechartert und könnten jederzeit mit dem Bau einer Pipeline durch das Schwarze Meer beginnen, egal ob nach Bulgarien oder in die Türkei. Doch die Türkei dürfte Russland noch eine Weile zappeln lassen, während die Charterkosten für die Spezialschiffe weiterlaufen. Vielleicht lässt sich ja noch ein bisschen mehr Rabatt heraushandeln.
Erdgas für die Ukraine

Unter Vermittlung der EU haben Russland und die Ukraine ihre Verhandlungen über die Gaslieferungen an die Ukraine wieder aufgenommen. Ende März läuft das Abkommen aus, das die russischen Gasexporte in die Ukraine während der Wintermonate geregelt hat. Nun strebt die EU ein Abkommen an, das bis Herbst nächsten Jahres gilt. Dann entscheidet ein internationales Schiedsgericht, ob Russland seine Marktmacht gegenüber der Ukraine missbraucht und überhöhte Preise gefordert hat. Die Verhandlungsposition der Ukraine hat sich im Vergleich zum Herbst 2014 verbessert. Das Land bezieht mittlerweile einen Teil seines Gasbedarfs aus der EU, insbesondere aus der Slowakei. Zudem ist der ukrainische Gasbedarf gesunken, da die von Separatisten kontrollierten Gebiete Donetsk und Luhansk ihr Gas direkt aus Russland beziehen. Die Ukraine will den Gaspreis von 27 auf rund 25 US-Cent pro Kubikmeter drücken. Kiew will zudem die Gebühr für den Transit von russischem Gas in die EU um ein Drittel erhöhen. Zumindest beim Gaspreis hat Russland Kompromissbereitschaft signalisiert.

Autor: Christian Mihatsch