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07. Dezember 2009

"Freiwilligkeit ist nicht Beliebigkeit"

BZ-Interview mit dem Wirtschaftsethiker Josef Wieland über das freiwillige Engagement der Wirtschaft

  1. Josef Wieland Foto: dpa

FREIBURG. Unternehmen bauen ihre Geschäftsmodelle um, engagieren sich für soziale Standards und praktizieren Klimaschutz. Das freiwillige Engagement der Wirtschaft (Corporate Social Responsibility – CSR) ist keine Modeerscheinung, sagt Professor Jürgen Wieland, Experte für Wirtschafts- und Unternehmensethik, der an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz lehrt. Mit ihm sprach unser Mitarbeiter Dominik Haubner.

BZ: Wie sind Ihre Erfahrungen mit den CSR-Engagements der Unternehmen seit Beginn der Krise?
Wieland: Ich sehe nicht, dass dieses Engagement eingestellt oder zurückgefahren wird. Es wird beibehalten, weil das Engagement als strategisches Moment gesehen wird, als Frage der Reputation des Unternehmens und der Integration der Mitarbeiter. Im Gegenteil: Es wird an dieser Stelle gerade nicht gekürzt, sondern das Thema hat eher an Bedeutung gewonnen.
BZ: Wie lassen sich CSR-Prozesse langfristig entlang der gesamten Wertschöpfungskette eines Unternehmens einführen?

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Wieland: Die Dauerhaftigkeit bei solchen Engagements hängt davon ab, ob es gelingt, dies mit dem Geschäftsalltag zu verbinden. Solange es eine freiwillige Aktion ist, ist es immer vom Abbruch bedroht. In dem Moment, in dem dieses Engagement ein wesentlicher Bestandteil von Produktentwicklung, Geschäftsstrategien, Innovation und von Kundenbindung wird, wirkt es zuverlässig. Dazu gehört allerdings auch, dass die Konsumenten bereit sind, höhere Preise für solche Produkte zu bezahlen. Dies ist allerdings bislang nur selten der Fall.
BZ: Dementsprechend sollte das CSR-Engagement immer mit dem Kerngeschäft verbunden sein?
Wieland: Das eine ist das Kerngeschäft, weil nur so Kontinuität entstehen kann. Andererseits – und das möchte ich betonen – ist es wie mit allen ethischen Zielen. Man muss es auch tun, weil man sich der Gemeinschaft, der man angehört, verpflichtet fühlt. Es gibt viele Mittelständler, die praktizierten in ihrer Region schon CSR bevor es diesen Begriff überhaupt gab und nennen dies beispielsweise Gemeindeengagement. Warum machen die das? In erster Linie, weil sie sich dort engagieren wollen, wo sie die Menschen kennen und einen Beitrag leisten wollen, dass die Region prosperiert. Dieses moralische Argument muss immer dabei sein. Es muss beides sein. Es muss geschäftspolitisch rational sein, es muss aber auch mit Haltung zu tun haben.
BZ: Sie sind in das CSR-Forum der Bundesregierung berufen worden. Wie sieht die praktische Arbeit dort aus?
Wieland: Wir versuchen zunächst einmal, den Stand der Dinge in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zu ermitteln. In diesem Forum sind Vertreter aus allen wichtigen gesellschaftlichen Interessengruppen vertreten. Die beraten, wie sich die CSR-Prozesse möglichst aufeinander abgestimmt weiter entwickeln sollen. Darauf aufbauend entwerfen wir einen Aktionsplan für die nächsten drei bis fünf Jahre. Mit Hilfe von insgesamt sechs Arbeitsgruppen mit verschiedenen Themenschwerpunkten wurde ein erster Entwurf fertig gestellt, der konkrete Punkte für diese Weiterentwicklung enthält.
BZ: Was sagen Sie Kritikern, die behaupten, dass derlei freiwillige Vereinbarungen dazu dienen, harten Fragen der Unternehmensbesteuerung auszuweichen?
Wieland: Ich halte das für sehr unwahrscheinlich. Ich bin auch für diese Freiwilligkeit. Warum? Im Moment wissen wir nicht genau, was gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen wirklich sinnvoll umfasst. Wenn wir das jetzt regulieren würden, würden Firmen wahrscheinlich nur das tun, was sie tun müssen. Ich hoffe, dass der Anreiz neue Wege zu finden größer ist, als wenn wir jetzt schon alles festschreiben. Zweitens meint der Begriff Freiwilligkeit nicht Beliebigkeit. Es gibt eine Öffentlichkeit, die dies beobachtet. Und in dem Umfang, wie Konsumenten ihre Kaufentscheidungen abhängig machen von solchen Kriterien, ist das auch nicht freiwilliger als alle anderen Marktentscheidungen auch.

Autor: dhau