Aktueller denn je

Hayek oder Keynes? Das Duell der alten Meister

Michael Wohlgemuth und Oliver Landmann

Von Michael Wohlgemuth & Oliver Landmann

Fr, 17. April 2009 um 22:04 Uhr

Wirtschaft

Der Freiburger Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek und der britische Ökonom John Maynard Keynes sind aktueller denn je. Michael Wohlgemuth und Oliver Landmann erklären, warum.

VORWORT:
FAST WIE ZWEI FREUNDE

Schon in den 1930er Jahren wurde eine heftige Debatte um die Frage geführt: Wer hat nun recht – Keynes oder Hayek? Hayek wurde 1931 an die London School of Economics (LSE) eigens berufen, um Keynes und seinen Anhängern der Uni Cambridge Paroli bieten zu können. Der Streit ging zunächst um theoretische Aspekte der Rolle von Geld, Zins und Kapital, dann aber auch um die Erklärung konjunktureller Schwankungen und damit um wirtschaftspolitische Rezepte für die Krisenbekämpfung. Anfangs wurde der Wettstreit als unentschieden gewertet. Spätestens nach Erscheinen von Keynes’ Allgemeinen Theorie aber galt das Orakel aus Cambridge als Sieger, der immer mehr Ökonomen und Politiker in seinen Bann zog. Hayek machte sich stets den Vorwurf, dieses Werk unterschätzt und nicht öffentlich angegriffen zu haben. Er meinte damals, es würde sich nicht lohnen, weil Keynes bisher allzu oft auf Hayeks Kritik geantwortet habe, er habe seine Meinung doch schon längst wieder geändert. Bei aller akademischen Rivalität war das persönliche Verhältnis der beiden von großer Achtung, fast schon Freundschaft gekennzeichnet. Sie waren sich in ihrer Sammelleidenschaft für Erstausgaben von Büchern und ihrem Interesse an der Sozialphilosophie und ökonomischen Ideengeschichte nahe. 1941, als die LSE vor den deutschen Bombenangriffen ausgerechnet nach Cambridge evakuiert wurde, war Keynes Hayek sehr behilflich. Nach seinem Tode konnte sich Keynes gegen den aufkommenden Vulgär-Keynesianismus in der Politik nicht mehr wehren. Dies übernahm, vor allem in den 1970er Jahren, dann sein alter Rivale Hayek. Mit einigem Erfolg. In den 1980er Jahren wurde der Keynesianismus für tot erklärt. Heute erlebt er in Folge der aktuellen Weltwirtschaftskrise wieder eine Renaissance. Keynes und Hayek: Auch ihre Ideen unterliegen der Konjunktur.

FRIEDRICH AUGUST VON HAYEK

Als Friedrich August von Hayek 1974 der Nobelpreis verliehen wurde, hat er nicht mehr damit gerechnet. Die Fachwelt war ebenso überrascht, nicht zuletzt darüber, dass das Komitee damit ausgerechnet Hayeks "bahnbrechende Arbeit auf dem Gebiet der Geld- und Konjunkturtheorie" würdigte. Diese Arbeiten hat Hayek hauptsächlich von 1929 bis 1941 verfasst; danach galten sie durch die keynesianische Revolution für überholt – und Hayek selbst wandte sich grundsätzlicheren sozialphilosophischen und ordnungspolitischen Fragen zu. Noch heute gilt Hayek vor allem entweder als Verkünder der Segnungen einer freiheitlichen Gesellschaft oder als Chefideologe eines marktradikalen Neoliberalismus. Beide Sichtweisen werden Hayek nicht gerecht.

Auch und gerade der Ökonom Hayek verdient heute wieder kritische Aufmerksamkeit, auch wenn er (wie Keynes) der Überzeugung war, dass, wer nur Ökonom ist, kein guter Ökonom sein könne, weil selbst die Marktwirtschaft von Voraussetzungen lebe, die jenseits von Angebot und Nachfrage liegen. Übrigens hat Hayek als einer der wenigen Ökonomen schon in den 1930er Jahren schlüssig erklärt, weshalb eine sozialistische Planwirtschaft ökonomisch unterlegen sein müsse und politisch nicht mit Demokratie und Rechtsstaat vereinbar sein könne. Diese Voraussage war damals gewagt. Heute ist sie Allgemeingut, auch wenn sie seitens der reinen Ökonomie noch bis in die 1980er Jahre (und teilweise noch bis heute) nicht so recht in die Modelle passte.

Auch die heutige Krise passt nicht so recht in die gängigen ökonomischen Modelle, die von effizienten Kapitalmärkten, optimiertem Risikomanagement und rationalem Verhalten der Akteure sowie perfekten Spielregeln in Banken oder Regierungen ausgehen. Hayeks Theorie der Konjunktur und der Krise geht nicht von einer perfekten Maschinerie aus, die stets das Optimale produziert, oder von allwissenden Ingenieuren geplant und umgebaut werden kann.

Hayek geht von unterschiedlichen und unsicheren individuellen Erwartungen aus, die in die Irre geleitet werden können. Dies passiert vor allem dann, wenn der Staat die Preise politisch manipuliert und sie deshalb nicht mehr als verlässliches Signal über Veränderungen von Knappheiten wirken können. Kritisch für kapitalistische Krisen ist in erster Linie der Zins. Seine Höhe hängt heute stark von den staatlichen Notenbanken ab. Sie sind es, die das Geld in Umlauf bringen. Krisen sind nun vor allem deshalb möglich, weil Kredit in einem System künstlich geschaffenen Geldes nicht mehr davon abhängt, was tatsächlich gespart wurde. Denn: Wenn heute mehr gespart wird, wird auf einem Markt ohne künstliche Kreditausweitung weniger konsumiert – um später, mit dem verzinsten Gesparten, mehr konsumieren zu können. Das heute Gesparte kann dann gegen Zins an Investoren verliehen werden, um das Geld in Kapitalgüter zu investieren, die es erlauben, später mehr zu produzieren, wenn mehr nachgefragt wird. Der Zins gleicht so die Erwartungen der Nachfrager und der Produzenten über die Zeit aus: Je mehr die Konsumenten sparen wollen, desto mehr sinkt der Zins – und desto günstiger können die Produzenten in die Zukunft investieren.

Aber was tun in der Krise, wenn sie nun mal da ist? Keynes‘ Antwort war, ebenso verkürzend: mehr billiger Kredit – und wenn das nicht mehr geht, weil die Privaten das Geld lieber horten als in ungewisse Zeiten zu investieren, dann hilft nur noch mehr staatlich kreditfinanzierte Nachfrage. Hayeks Antwort dagegen wäre eine recht konservativ-liberale und letztlich grüne: Wir müssen nachhaltig handeln, an unsere immer weniger werdenden Enkelkinder denken und uns deshalb vor allem vor Inflation und Überschuldung hüten.

So bringt der Markt die Pläne von Anbietern und Nachfrage auch über die Zeit hinweg in Einklang. Das ist noch vereinfachte Lehrbuch-Ökonomie. Hayeks Konjunkturtheorie der 1930er Jahre ist komplexer. Die Grundidee kann aber, arg vereinfachend in drei Sätzen zusammengefasst werden: (1) Der Auslöser der Krise ist der Boom. (2) Der Auslöser des Booms ist zu viel billiger Kredit – also zu niedrige Zinsen. (3) Zu viel billiger Kredit führt zu Über- und Fehlinvestitionen, die in der Krise unter großen Verlusten an Kapital und Arbeitsplätzen wieder korrigiert werden müssen.

Ist das noch aktuell? Ich glaube ja. An den Anfang der aktuellen Krise könnte man den amerikanischen Notenbankpräsidenten Alan Greenspan stellen, der die Märkte immer wieder mit dem süßen Gift des billigen Geldes versorgte, um Krisen wie die New-Economy-Börsenblase oder den Terroranschlag vom 11. September 2001 zu überwinden. Dies mag kurzfristig und unter Jubel auch der deutschen Börsen gelungen sein – heute wird die Politik des allzu billigen Geldes und Kredits auch von Finanzminister Steinbrück zu Recht als Krisenherd erkannt: "Ich befürchte, dass wir mit einer kreditfinanzierten Wachstumspolitik dieses Ausmaßes möglicherweise die nächste Krise vorprogrammieren ... Das, was wir jetzt haben, ist die Folge einer Kreditblase, und wir bekämpfen sie jetzt mit denselben Mitteln". Dies stimmt exakt mit Hayeks Krisentheorie überein. Die ist im Kern eine Erklärung der Blasen-Ökonomie – der durch Geldmengen- und Kreditausweitung ausgelösten Überinvestition in Sektoren, die gegen Ende des Booms nur noch durch beschleunigte Verabreichung billigen Kredits am Leben erhalten werden können. Was aber auf Dauer nicht möglich ist. Der wesentliche Grund für die ökonomisch verschärfte Krise ist der politisch verbilligte Boom.

Aber was tun in der Krise, wenn sie nun mal da ist? Keynes‘ Antwort war, ebenso verkürzend: mehr billiger Kredit – und wenn das nicht mehr geht, weil die Privaten das Geld lieber horten als in ungewisse Zeiten zu investieren, dann hilft nur noch mehr staatlich kreditfinanzierte Nachfrage. Hayeks Antwort dagegen wäre eine recht konservativ-liberale und letztlich grüne: Wir müssen nachhaltig handeln, an unsere immer weniger werdenden Enkelkinder denken und uns deshalb vor allem vor Inflation und Überschuldung hüten. Die aktuellen vulgär-keynesianischen Programme wie die Abwrackprämie können im besten Falle die Krise bis zu den nächsten Wahlen mildern. Dauerhaft lenken sie Produktionsfaktoren nur in unergiebige Verwendungen und führen somit zu weniger Wachstum bei höherer Verschuldung und Inflation. Die Devise von Keynes – "langfristig sind wir eh alle tot" – macht die künftigen Krisen nur noch größer und langwieriger, als wir uns heute wünschen können.

Von Hayek und von Keynes lässt sich heute noch Einiges lernen. Vor allem darüber, was die Erklärung und damit Vermeidung von Krisen – auch der demnächst drohenden – angeht. Auslöser der immer wiederkehrenden Krisen sind regelmäßig politisch fehlgeleitete Erwartungen, die – angefeuert durch zu billigen Kredit – ansteckend wirken und so zu irrationalen Übertreibungen führen, die als globale Epidemie enden müssen. Das kann man ähnlich auch bei Keynes nachlesen. Gleiches gilt für den Hintergrund des aktuellen Vorschlags aus China, den Dollar als Leitwährung durch etwas Verlässlicheres zu ersetzen. China, das durch Ankauf amerikanischer Staatsanleihen die Kreditblase der USA wesentlich finanziert hat, macht sich jetzt wohl Sorgen um den Wert seiner Forderungen. Man beruft sich auf Keynes, der eine auf dem Wert von Rohstoffen basierende internationale Währung vorschlug. Hayek forderte in seiner Freiburger Zeit die Aufhebung des staatlichen Geldmonopols. Als Hayek 1974 den Nobelpreis bekam, schrieb sein Freund Karl Popper: "Würde Keynes noch leben, hättest Du den Preis sicher mit ihm teilen müssen". Vielleicht zu Recht. Man lese Hayek. Man lese Keynes.

ZUR PERSON: Friedrich August von Hayek wurde 1899 in Wien geboren. Der Sohn eines Botanikprofessors studierte nach dem Kriegsdienst 1918 Rechtswissenschaft an der Universität Wien. Allerdings beschränkte sich sein Interesse nicht auf Jura: Schon während des Studiums setzte er sich mit volkswirtschaftlichen und psychologischen Fragen auseinander. Hayek war in jungen Jahren Sozialist, wurde aber unter dem Einfluss des österreichischen Ökonomen Ludwig von Mises zu einem Kritiker des Sozialismus. Im Jahr 1931 wurde er Professor an der London School of Economics, 1950 wechselte er an die Uni Chicago.
Hayek war in der Nachkriegszeit Initiator der Mont-Pèlerin- Gesellschaft – einem Treffpunkt liberaler Denker. Im Jahr 1962 kam Hayek nach Freiburg, 1974 wurde ihm der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen. Er starb 1992 in Freiburg. Zu seinen berühmtesten Werken zählen unter anderem : "Der Weg zur Knechtschaft" und die "Die Verfassung der Freiheit".

–  Der Autor Michael Wohlgemuth ist geschäftsführender Forschungsreferent am Freiburger Walter- Eucken-Institut.

JOHN MAYNARD KEYNES

Als Ökonom und Publizist war John Maynard Keynes schon ein Star, bevor er 1936 sein epochales Werk, die "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes", veröffentlichte. Bekanntheit hatte er 1919 mit seiner vernichtenden Kritik am Friedensvertrag von Versailles erlangt, und einige Jahre später legte er sich mit dem damaligen Schatzkanzler Winston Churchill wegen dessen Wechselkurspolitik an. Beide Male erwies sich seine scharfsinnige Analyse als richtig.

In der Wissenschaft zählte er schon in jungen Jahren zu den führenden Geldtheoretikern seiner Zeit. Aber als sich 1930 die Weltwirtschaftskrise verschärfte, begann er zu realisieren, dass die wirtschaftspolitischen Gegenmaßnahmen, die er für richtig hielt, und die herrschende Theorie, mit der er groß geworden war, nicht mehr recht zusammenpassten. Es folgte, was er später selbst als einen "langen Kampf der Befreiung" aus den alten Denkmustern bezeichnete, und was schließlich in der Niederschrift der "Allgemeinen Theorie" gipfelte. Dieses Buch begründete die moderne Makroökonomik und bedeutete im Denken über gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge eine eigentliche Revolution. Ungeachtet aller Kontroversen, die sich an der keynesianischen Lehre entzündeten, hat diese in der Wissenschaft ihren prägenden Einfluss bis heute bewahrt. Bekäme Keynes heute ein gängiges Lehrbuch der makroökonomischen Theorie zu lesen, würde er sich zwar über manches wundern, aber er würde wesentliche Teile zweifelsfrei als seine eigene Story wiedererkennen.

Keynes dachte praktisch und unideologisch. Die Wirtschaftskrise charakterisierte er als einen "Motorenschaden", den man nur beheben müsse, damit die marktwirtschaftliche Wohlstandsmaschine wieder ihre volle Leistungskraft entfalten könne. Damit distanzierte er sich vom Marxismus, der in der Weltwirtschaftkrise das endgültige Scheitern des Kapitalismus erkennen wollte, ebenso wie von allen moralisierenden Interpretationen der Depression als einer unvermeidlichen Reinigungskrise, der man nur freien Lauf lassen müsse, um das System von den Nachwirkungen vorangegangener Übertreibungen wieder zu befreien.

Die Ideen der Nationalökonomen und der politischen Philosophen, gleichgültig, ob sie nun richtig oder falsch sind, sind von weit größerem Einfluss, als man gemeinhin annimmt. In Wirklichkeit wird die Welt von fast nichts anderem regiert. Praktiker, die sich frei von jeglichem intellektuellen Einfluß wähnen, sind gewöhnlich die Sklaven irgendeines verstorbenen Nationalökonomen. J. M. Keynes, 1936
Die Kernthese von Keynes, untermauert durch die Erfahrung der Weltwirtschaftskrise, lautete, dass auf die Selbstregulierungskraft der Marktwirtschaft kein Verlass ist. Anders als Hayek, der später die Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft als Informationsverarbeitungs- und Koordinationsmechanismus so meisterhaft beschrieb, sah Keynes in der Weltwirtschaftskrise den Ausdruck eines Koordinationsversagens: Menschen leiden Not, weil ihnen das Einkommen fehlt, um sich die nötigsten Güter kaufen zu können; aber das Einkommen kann nicht entstehen, wenn die Unternehmen ihre Produkte nicht verkaufen können. Ein Teufelskreis.

Keynes erkannte, dass eine Lösung dieses Problems durch individuelle Eigeninitiative nicht zu erwarten war, und leitete hieraus die Forderung nach einer Stabilisierung der gesamtwirtschaftlichen Güternachfrage durch den Staat ab. Bis zum heutigen Tage ist dies die wichtigste wirtschaftspolitische Botschaft der keynesianischen Analyse geblieben. Nicht von ungefähr debattierte Keynes mit Hayek vor allem über die Rolle des Sparens in der Krise. Hayek machte sich für die Sparsamkeit der privaten und öffentlichen Haushalte stark, weil er darin ein Korrektiv für den vorausgegangenen Ausgabenboom und eine notwendige Voraussetzung für eine nachhaltige Wiederbelebung der Konjunktur sah. Keynes entkräftete dieses Argument mit dem berühmten Sparparadoxon: In einer Krise steigt durch das Sparen nicht die Vermögensbildung, sondern das Nachfragedefizit. Das Ergebnis: Die Krise verschärft sich, für die Nachhaltigkeit ist nichts getan.

Den eigentlichen Durchbruch in der Praxis der Wirtschaftspolitik schaffte die keynesianische Theorie erst in der Nachkriegszeit, zuerst in den USA Anfang der 60er Jahre unter den Präsidenten Kennedy und Johnson. In Deutschland setzte wenig später Karl Schiller die Nachfragepolitik mit Erfolg gegen die erste größere Rezession der Bundesrepublik ein. Aber in diesen ersten Erfolgen lag auch schon der Keim späterer Misserfolge. Denn Politiker, die sich auf Keynes beriefen, wollten nun zu viel. Sie erlagen der Illusion, mit den Instrumenten der Globalsteuerung, wie man damals sagte, den Konjunkturzyklus besiegt zu haben und für permanente Vollbeschäftigung sorgen zu können. Damit schossen sie weit über das Anliegen von Keynes hinaus. Das Etikett keynesianisch verkam zum Alibi für inflationäre Überhitzung und überbordende Staatsausgaben und wurde dadurch nachgerade zu einem Schimpfwort

Keynes ist es ähnlich ergangen wie so manchem anderen großen Denker: Es ist einfacher, ihn gegen die Kritik seiner Gegner als gegen die Missverständnisse seiner übereifrigen Anhänger in Schutz zu nehmen.

Der massive Nachfrageeinbruch, von dem die Weltwirtschaft aktuell betroffen ist, weist zahlreiche Parallelen zur Weltwirtschaftskrise auf und belegt die ungebrochene Relevanz der Diagnose, die Keynes vor über 70 Jahren gestellt hat. Der stabilisierungspolitische Handlungsbedarf ist ähnlicher Art. Anders als damals, als Regierungen ihr Heil fälschlicherweise in Abwarten, Haushaltskonsolidierung und sinkenden Löhnen und Preisen suchten, hat die Politik dieses Mal vergleichsweise schnell und energisch reagiert.

Wenn der Staat heute viel Geld in die Hand nimmt, um die Nachfrage wieder anzukurbeln, so heißt dies zwar noch lange nicht, dass alles, was unternommen wird, zweckmäßig und effektiv ist. Die Abermilliarden etwa, mit denen derzeit weltweit Strukturerhaltung zugunsten der Automobilindustrie betrieben wird, haben mit keynesianischer Politik wenig zu tun. Aber der offenkundige Wille zur Nachfragestützung wäre ohne das von Keynes gelegte theoretische Fundament schwer vorstellbar – und unterstreicht damit auch dessen Aperçu über die Ideen der Nationalökonomen und politischen Philosophen, die die Welt regieren.

ZUR PERSON: John Maynard Keynes kam 1883 in Cambridge zur Welt. Der Sohn eines Professors für Politische Ökonomie studierte Mathematik, Philosophie und Ökononomie. Nach dem Ersten Weltkrieg 1918 nahm er an den Versailler Friedensverhandlungen teil. Er verließ sie unter Protest, weil er die Reparationszahlungen der Deutschen an die Kriegsgewinner scharf kritisierte. 1920 wurde er Professor in Cambridge. Trotzdem war Keynes weiter als Politikberater tätig und setzte sich in Zeitungsartikeln mit wirtschaftspolitischen Fragen auseinander. Keynes’ Ziel war es, die Wirtschaft zu reformieren – auch um die Gefahr einer sozialistischen Revolution zu bannen. 1944 leitete er die britische Delegation bei den Bretton-Woods-Verhandlungen zur Etablierung eines neuen globalen Währungssystems. Der Wirtschaftswissenschaftler starb 1946.

Der Autor Oliver Landmann ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg