HINTERGRUND: Einstieg und Ausstieg

Christian Mihatsch

Von Christian Mihatsch

Do, 21. September 2017

Wirtschaft

Deutsche Besitzer stoßen konventionelle Kraftwerke ab, der tschechische Konzern EPH übernimmt.

Kohlekraftwerke bekommt man heute oft schon für einen Euro. Ob sich diese Investition lohnt, ist dennoch unsicher. Wegen der niedrigen Preise an der Strombörse schreiben Kohlemeiler Verluste und ab dem Jahr 2021 gelten neue EU-Grenzwerte für Schadstoffe.

Der tschechische Energiekonzern EPH (von Energeticky a prumyslovy Holding) sammelt deutsche Kohlekraftwerke und Braunkohle-Tagebaue. Im Jahr 2009 übernahm EPH die Mibrag (Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft) und damit zwei Tagebaue und zwei Kraftwerke sowie andere Beteiligungen. 2016 erlöste EPH den schwedischen Vattenfall-Konzern von seinem ungeliebten deutschen Braunkohlegeschäft. Damit bekam EPH vier weitere Tagebaue, vier Kohlemeiler und andere Beteiligungen.

Nun kauft EPH von den Stadtwerken Hannover und Braunschweig das Kraftwerk Mehrum. EPH-Vorstand Jan Springl sagte dazu: "Aktuell wird unser Portfolio von Braunkohle als Primärenergieträger dominiert und mit Mehrum um Steinkohle strategisch ergänzt." Für Springl ist dies ein gutes Geschäft: "Wir sind der Überzeugung, trotz der aktuell schwierigen Marktbedingungen für Kohlekraftwerke, eine wirtschaftliche Perspektive für Mehrum im Verbund unserer Kraftwerke zu finden." Bei den Stadtwerken Hannover sieht man für das 1979 in Betrieb genommene Kraftwerke keine Zukunft. Vorstandschefin Susanna Zapreva sagte: "Die konsequente Umsetzung unserer Strategie und der wirtschaftliche Druck im Kohlekraftwerksbereich haben uns dazu veranlasst, einen Verkauf in Erwägung zu ziehen."

Die Hannoveraner wollen auf Kohlestrom verzichten und bauen die erneuerbaren Energien aus. Deswegen wurde sogar eine Stilllegung von Mehrum geprüft. Denn das Kraftwerk ist ein schlechtes Geschäft. Zweimal mussten die Stadtwerke Hannover den Wert der Beteiligung nach unten korrigieren, um insgesamt rund 50 Millionen Euro. Dennoch schätzen die Hannoveraner die Zukunft positiv ein. Die Wertminderung sei voraussichtlich nicht von Dauer, heißt es im Geschäftsbericht 2016: "Dies begründet sich darin, dass mit der Stilllegung der letzten Kernkraftwerke in Deutschland und dem Ausscheiden älterer konventioneller Kraftwerke eine bessere Vermarktbarkeit des Kraftwerks Mehrum erwartet wird." Diesen Optimismus teilt der zweite Anteilseigner allerdings nicht. Die Stadtwerke Braunschweig haben ihre Beteiligung bereits auf null abgeschrieben.

Zu welchem Preis das Kraftwerk nun den Besitzer wechselt, ist nicht bekannt. Unklar ist auch, ob das Kraftwerk die schärferen EU-Grenzwerte für Stickoxide (NOx), Schwefeloxide (SOx), Quecksilberemissionen und Feinstaub erfüllt, die ab dem Jahr 2021 gelten. Sollte Mehrum diese Grenzwerte nicht erfüllen, wäre eine Nachrüstung erforderlich. Ob dies der Fall ist, haben bislang aber weder das Kraftwerk Mehrum noch die Hannoveraner Stadtwerke beantwortet.

Welche Auswirkungen die neuen Grenzwerte haben, hat eine US-Denkfabrik berechnet, das Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA). In einer Studie kommt es zum Schluss, dass insbesondere EPH durch die Grenzwerte gefährdet ist: "Die EPH-Strategie, notleidende Anlagen zu kaufen, funktioniert kurzfristig. Die Firma nähert sich aber einem Scheideweg im Jahr 2021, wo sie entweder große Teile ihres Kraftwerkparks verliert oder viel in alte Kraftwerke investieren muss, um den Marktanteil zu halten."