Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

23. Januar 2016

In Davos den Reichen ins Gewissen reden

Die Oxfam-Geschäftsführerin Byanyima ist Co-Vorsitzende des Weltwirtschaftsforums – und glaubt, dass sie Einfluss nehmen kann.

  1. Winnie Byanyima Foto: Hannes Koch

DAVOS. Winnie Byanyima, Aktivistin für globale Gerechtigkeit, kooperiert mit den Organisatoren des Weltwirtschaftsforums in Davos. Was bringt die Zusammenarbeit für das Anliegen der Oxfam-Geschäftsführerin?

Die Frau aus Uganda fällt hier auf. Winnie Byanyima, 57 Jahre alt, studierte Luftfahrttechnikerin, ist farbenfroh gekleidet. Sie trägt einen leuchtend blauen Blazer. Das Kopftuch funkelt in Blau, Grau, Gelb. Personen wie sie gibt es beim Weltwirtschaftsforum in Davos nur wenige. Auf den beigen Teppichen des Kongresszentrums herrscht ein Gewühl von dunklen Anzügen. Es dominieren die Männer – Manager aus den USA und Europa. Die Asiaten holen auf. Aber Afrika ist eindeutig unterrepräsentiert. Und Leute, die sich als Fürsprecher der Unterprivilegierten verstehen, die den Reichen und Unternehmen etwas wegnehmen wollen, um es den Armen zu geben, sind erst recht in der Minderheit.

Byanyima ist Geschäftsführerin der Bürgerrechts- und Entwicklungsorganisation Oxfam. Was tut eine Frau wie Byanyima hier beim alljährlichen Gipfel der Wirtschaftselite in Davos? Was bringt diese Veranstaltung für ihr Anliegen? Die Blicke auf die Smartphones gerichtet, hetzen Hunderte Menschen durcheinander. Sie sind auf dem Weg zum nächsten Workshop mit Facebook-Chefin Sheryl Sandberg, haben einen Termin mit einem Financier, von dem sie Geld erhoffen, oder wollen sich vom Microsoft-Vorstand die künstliche Intelligenz erklären lassen.

Werbung


Viele der Veranstaltungen sind voll, vor den Türen stehen Schlangen, das Angebot ist groß, die Nachfrage noch größer. Bei Byanyima jedoch ist der Besuch überschaubar. Von 30 Plätzen ist die Hälfte besetzt. Vor der dunkelblauen Wand mit dem WEF-Logo spricht die Aktivistin mit tiefer, weicher Stimme. Hart ist, was sie sagt. Die 62 reichsten Personen der Erde würden mittlerweile so viel Vermögen besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – über 1,5 Billionen Euro. Den Unternehmen, die das Weltwirtschaftsforum (WEF) tragen, wirft sie vor, sich planmäßig in Steueroasen anzusiedeln. "Die Unternehmen verstecken ihr Geld vor der Steuer." Damit würden sie ihren Heimatstaaten Milliarden vorenthalten und die riesige Spanne zwischen Arm und Reich weiter vergrößern. "Stattdessen sollten sie allen Beschäftigten Löhne zahlen, die für ein menschenwürdiges Leben ausreichen." Eine Anklage.

Warum lädt Byanyima dazu nicht in London ein, in New York oder Berlin? Weil sie hier in Davos direkten Zugang hat zu den größten Konzernen der Welt, zu einigen der reichsten Menschen der Erde und zu vielen mächtigen Politikern. Es gibt wenige Plätze auf der Welt, wo Byanyima ihre politischen Ansprechpartner, die häufig gleichzeitig ihre Gegner sind, in dieser Anzahl gleichzeitig an einem Ort treffen kann. Denn das WEF wird getragen und finanziert von den einflussreichsten Unternehmen. Für ihre Vorstände ist Davos ein fester Eintrag im Kalender. Und diese Leute müssen ihr hier zuhören. Sie müssen mit ihr reden. Sie müssen sie ernst nehmen.

Die Vorstandsvorsitzenden können zwar vergessen, was Byanyima ihnen erzählt hat und so weitermachen wie bisher. Aber im nächsten Jahr oder im übernächsten wird die Frau aus Uganda wieder da sein und sie fragen: "So, what did you do? Was haben Sie seit vergangenem Jahr verändert?" "Davos ist eine Plattform, um die globale politische Agenda zu formen", sagt Byanyima.

Dafür, dass die Frau aus Uganda weiter anprangern, fordern, drängen und nerven kann, sorgt Klaus Schwab, der 77-jährige Gründer und Chef des Weltwirtschaftsforums. Viel ist schon gelacht worden über den offiziellen Anspruch des Elitegipfels, "den Zustand der Welt zu verbessern". Aber Schwab ist es auf seine Art ernst damit. Deshalb hat er Byanyima beim WEF 2015 zur Mitarbeit als Co-Vorsitzende eingeladen – und ihr so ermöglicht, aus einer angemessenen Position heraus das Gespräch mit Facebook, Microsoft, Amazon oder der Schweizer Bank UBS zu suchen.

Und – hat sich in der Welt etwas geändert durch Byanyimas WEF-Engagement? Sie sagt: "Das Thema der Ungleichheit steht nun auf der Agenda." Im vergangenen Jahr haben die Vereinten Nationen einen Gipfel zur Entwicklungsfinanzierung veranstaltet, damit einige Milliarden mehr in armen Ländern ankommen. Die Industrieländerorganisation OECD hat begonnen, Druck auf Steueroasen wie die Cayman Inseln zu machen. Die Steuervermeidung durch Konzerne soll erschwert werden. Dutzende Staaten haben ein Abkommen geschlossen, um sich gegenseitig Informationen über Auslandskonten ihrer Staatsbürger zu übermitteln. Selbst die Schweiz will mittun.

So weit ist es auch deshalb gekommen, weil Leute wie Byanyima beim WEF und anderswo über Jahre nicht lockergelassen haben. Ein guter Anfang, findet sie. Mehr aber auch nicht. Jedes Jahr verlören die Entwicklungsländer rund 100 Milliarden Euro durch Steuerhinterziehung und Steuervermeidung. "Wir brauchen einen neuen globalen Ansatz", sagt Byanyima. Schließlich geht die Schere zwischen Arm und Reich auf der Welt weiter auf. Die weltweite Ungerechtigkeit, die Oxfam beklagt, nimmt zu und nicht ab. Lässt sich daran wirklich etwas ändern, indem sie und einige andere mit den Mächtigen reden? Byanyima jedenfalls will die Kooperation mit dem WEF fortsetzen, "solange wir Ergebnisse sehen". In jedem Fall muss Oxfam noch einige Veranstaltungen mehr in Davos abhalten, um dieses dicke Brett zu bohren.

Autor: Hannes Koch