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30. September 2016

Wachstumskurs

Arbeitnehmernaher Ökonom plädiert für satte Lohnzuwächse

Führende Volkswirte sehen Deutschlands Wirtschaft in ausgezeichneter Verfassung .

  1. Nicht nur hier in Berlin wird derzeit viel gebaut, geschafft, produziert. Ökonomen sagen: Das bleibt so. Foto: dpa

BERLIN. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute sehen die hiesige Wirtschaft auf stabilem Wachstumskurs mindestens bis 2018. Der arbeitnehmernahe Ökonom Gustav Horn plädiert daher für satte Lohnzuwächse.

Formulierungen wie diese werden selten gebraucht, wenn es um Politik und Wirtschaft geht. "Nahezu ein Idealzustand" herrsche in der deutschen Ökonomie, sagte Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft der Uni Kiel. Solides Wachstum in den kommenden Jahren, Hunderttausende zusätzliche Arbeitsplätze, Jobs auch für Zuwanderer – diese Botschaft verbreiteten die acht Wirtschaftsforschungsinstitute, die am Donnerstag ihre gemeinsame Diagnose im Auftrag des Wirtschaftsministeriums vorstellten.

In diesem Jahr steigt demnach die deutsche Wirtschaftsleistung um 1,9 Prozent. 2017 soll das Bruttoinlandsprodukt um 1,4 und 2018 um 1,6 Prozent zulegen. Ökonom Kooths bezeichnete das als "stetiges, moderates Wachstum" ohne Überhitzung. Besser könne es kaum laufen.

Die Zahl der Erwerbstätigen steigt demnach permanent in Schritten von 400 000 bis 500 000 pro Jahr. Während im Jahresschnitt 2016 wohl 43,6 Millionen Bürger einer bezahlten Arbeit nachgehen, sollen es 2017 schon 44 Millionen und 2018 dann 44,5 Millionen sein. Viele der zusätzlichen Stellen nehmen Zuwanderer aus EU-Ländern ein. Im Vergleich zu 2015 sinkt die Arbeitslosigkeit in diesem Jahr um 100 000 auf 2,7 Millionen im Jahresmittel. Die Arbeitslosenquote gehe auf 6,1 Prozent zurück. 2017 und 2018 wird diese Größe jedoch wohl nicht weiter sinken, was bei der guten Wirtschaftsentwicklung eigentlich zu erwarten wäre. Hier macht sich die zunehmende Zahl von Flüchtlingen bemerkbar, die das Asylverfahren durchlaufen und danach als arbeitslos registriert werden (siehe auch Seite 2; Thema des Tages).

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Volkswirte: Jetzt die Hände nicht in den Schoß legen

Während die Preissteigerung dieses Jahr bei 0,4 Prozent liegt, werden die Verbraucherpreise 2017 vermutlich deutlicher anziehen. Denn der Öl- und damit auch mittelbar der Benzinpreis gehen etwas nach oben. So könnte die Inflationsrate nächstes Jahr bei 1,4 Prozent liegen. Die Ökonomen betrachten das als gute Nachricht – selbst wenn sie in den Ohren von Wirtschaftslaien gefährlich klingt.

Hintergrund: Derzeit ist die Inflation sehr niedrig. Sie droht – betrachtet über die ganze Eurozone – in eine Deflation zu kippen, die eine größere Wirtschaftskrise auslösen könnte. So versucht die Europäische Zentralbank, für höhere Preissteigerungen zu sorgen. Wenn das ab kommendem Jahr gelingt, könnten allmählich auch die Zinsen wieder steigen. Einen Vorgeschmack auf schneller steigende Preise gab es bereits in diesem September: Die Inflationsrate klettert nach einer ersten Schätzung auf 0,7 Prozent – auf den höchsten Wert seit Mai 2015.

Die Löhne steigen auch. Sie nehmen in diesem und den beiden Folgejahren jeweils mehr als zwei Prozent nominal zu. Wenn man die Inflationsrate abzieht, ist es allerdings weniger. Während die acht Prognose-Institute die Lohnentwicklung für mehr oder weniger ausreichend halten, kam an dieser Stelle ein Zwischenruf von außen. Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie, plädierte für stärkere Lohnsteigerungen. Erhöhungen um nominal drei Prozent oder mehr könnten die Unternehmen während der kommenden zwei bis drei Jahre durchaus verkraften, so Horn. Die höhere Nachfrage würde den Wirtschaftsaufschwung unterstützen und auch für eine bessere Entwicklung in anderen EU-Staaten sorgen.

Angesichts der guten Lage warnten die Forscher davor, die Hände in den Schoß zu legen. Spätestens "ab Ende des Jahrzehnts warten viele Aufgaben", so Ökonom Kooths. Deutschland müsse in Infrastruktur und Bildung investieren, um die sinkende Zahl der einheimischen Beschäftigten fit für den Arbeitsmarkt der Zukunft zu machen. Aus den Staatsüberschüssen von heute sei das finanzierbar.

Autor: Hannes Koch