Geld

Reiche werden noch reicher – Oxfam warnt vor Ungleichheit

Rolf Obertreis

Von Rolf Obertreis

So, 21. Januar 2018 um 23:59 Uhr

Wirtschaft

Die Schere zwischen Reich und Arm geht weltweit immer weiter auseinander. Dieser Trend hat sich nach Berechnungen von Oxfam im Jahr 2017 fortgesetzt. Ein Ende ist nicht in Sicht.

82 Prozent des im vergangenen Jahr neu erwirtschafteten Vermögens sind demnach an das reichste Prozent der Weltbevölkerung geflossen, heißt es im Bericht "Reward Work, not Wealth" (Belohnt Arbeit, nicht Vermögen), den Oxfam kurz vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos am Wochenende vorgelegt hat. Unter dem Strich besitzt demnach das reichste Prozent der Weltbevölkerung mehr Vermögen als die anderen 99 Prozent zusammen. 2002 habe der Anteil noch bei 43 Prozent gelegen. Diese Entwicklung wird, so Oxfam, auch nicht dadurch gebremst, dass die Einkommen in China, in anderen Ländern Asiens und in Lateinamerika stärker wachsen als in den reichsten Ländern.

Die Zahl der Milliardäre ist weltweit 2017, so der Bericht, so stark angestiegen wie nie zuvor – auf den Rekordwert von 2043 Superreichen. Alle zwei Tage sei ein neuer Milliardär dazu gekommen. 762 Milliarden Dollar haben sie dem Bericht zufolge 2017 zusätzlich angehäuft.

Jörn Kalinski, Kampagnenleiter bei Oxfam Deutschland räumt zwar ein, dass die Zahl der weltweit absolut Armen, die von weniger als 1,90 Dollar pro Tag leben müssen, auf etwa 700 Millionen gesunken ist. "Das ist uneingeschränkt gut. Aber gleichzeitig lebt die Hälfte der Weltbevölkerung von nur zwei bis zehn Dollar am Tag." Umgekehrt wird es an der Spitze der Vermögenspyramide immer absurder. "In nur vier Tagen verdient ein Vorstandsvorsitzender von einem der fünf größten Modekonzerne der Welt so viel wie eine Näherin in Bangladesch in ihrem ganzen Leben", heißt es bei Oxfam.

Dank Steuertricks gehen Millarden am Staat vorbei

Gleichzeitig drücke sich die extrem kleine Gruppe der Reichen durch Steuertricks jährlich um Zahlungen an die öffentliche Hand von rund 200 Milliarden Dollar. Mindestens 7,6 Billionen Dollar hätten sie in Steueroasen versteckt. Entwicklungsländer entgingen durch die Praktiken von Konzernen und Privatpersonen mindestens 170 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen.

Zum Vergleich: Die weltweite Entwicklungshilfe liegt bei jährlich etwa 145 Milliarden Dollar. In Deutschland verliere der Staat bis zu 17 Milliarden Dollar, hat Oxfam ermittelt.

Auch hierzulande nimmt die Ungleichheit dem Bericht zufolge zu. In Europa sei die Schere bei der Vermögensverteilung nur in Litauen größer. Das Vermögen des reichsten Prozents der Bevölkerung in Deutschland sei 2017 um 22 Prozent gewachsen, das der ärmeren Hälfte nur um drei Prozent. "Um das Jahreseinkommen eines Vorstandsvorsitzenden eines Dax-Konzerns zu verdienen", so Kalinski, "müsste eine durchschnittliche Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer 157 Jahre arbeiten."

Profitinteresse einer kleinen Gruppe stehe über dem Wohl der großen Mehrheit

Als Ursache für die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm prangert Oxfam das derzeitige Wirtschaftssystem an. Das Profitinteresse einer kleinen Gruppe stehe über dem Wohl der großen Mehrheit. Die jüngste Steuerreform in den USA stützt nach Ansicht der Organisation diesen Trend. Oxfam fordert auch die Bundesregierung auf, endlich gegenzusteuern. "Wir brauchen staatliche Investitionen in Bildung und Gesundheit, existenzsichernde Einkommen und gleiche Chancen für Frauen und Männer. Wir müssen Steueroasen trockenlegen, Konzerne zu Transparenz verpflichten, eine Finanztransaktionssteuer als Steuer für Arme einführen", sagte Kalinski.