Probelauf

Schweden testet eine verkürzte Arbeitszeit mit vollem Lohnausgleich

André Anwar

Von André Anwar

Fr, 10. Juni 2016

Wirtschaft

Nur sechs Stunden arbeiten - geht das? Die Skandinavier experimentieren und kommen zur erstaunlichen Ergebnissen.

STOCKHOLM. Das Krankenhaus Göteborg hat anderthalb Jahre lang mit dem Sechsstundentag experimentiert. Die besseren Arbeitsbedingungen haben die Effizienz erhöht. Auch ist es einfacher geworden, Fachkräfte zu finden. Die Testphase wird nun verlängert. Derzeit wird vielerorts in Schweden im Alten- und Krankenpflegebereich getestet, was kürzere Arbeitszeiten bringen.

Seit Mitte 2015 arbeiten rund hundert Orthopädie-Krankenschwestern am Göteborger Mölndal-Krankenhaus nur noch sechs Stunden am Tag statt zuvor acht. Zwei Stunden in der Woche sind zudem für die Fortbildung vorgesehen, die unter anderem helfen soll, die Arbeit produktiver zu machen. Gleichzeitig wurden zusätzliche Pflegekräfte angestellt, um Lücken zu füllen. Dabei erhalten alle denselben Lohn wie beim Achtstundentag.

Es war die Linkspartei in Göteborg, die den Test durchgesetzt hatte. Sie wollte die Frage, wie lange eine angemessene Arbeitszeit ist, nicht nach Links-rechts-Wunschdenken, sondern anhand von praktischen Erkenntnissen beantworten. Letztere fehlten in der Tat lange.

Die wohlhabende Bergbaustadt Kiruna, die vom staatlichen Grubenkonzern LKAB dominiert wird, gönnt ihrem Pflegepersonal schon seit 1989 deutlich kürzere Arbeitszeiten. Doch als man 2005 entschied, Kosten und Nutzen auszuwerten, stellte man fest, dass es keine Vergleichsdaten gab. Nun versuchen es die Göteborger. Nach einer Auswertung des ersten Jahres verlängert das Mölndal-Krankenhaus den Versuch nun um ein weiteres Jahr. Die Analyse habe ergeben, dass der Sechsstundentag tatsächlich glücken könne, so Anders Hyltander, Gebietschef des übergeordneten Sahlgrenska-Universitätskrankenhauses.

Die betroffenen Abteilungen litten vor der Arbeitszeitverkürzung sehr an Fachkräftemangel. "Nun klopfen die Leute an und wollen hier arbeiten. Unsere Rekrutierungsprobleme haben sich enorm vermindert", sagt Hyltander. Die Arbeitsbedingungen und die Atmosphäre seien besser geworden. Das Projekt habe zwar im ersten Jahr nicht die angepeilten Produktivitätsziele erreicht. Der Gedanke war, dass ausgeruhte Kräfte mehr schaffen als erschöpfte. Die Krankenhausleitung glaube aber, dass die Ziele nach einem weiteren Jahr erreicht werden können, so Hyltander. Es gehe nicht darum, schneller zu arbeiten, sondern darum, besser organisiert zu sein. Genaue Zahlen will das Krankenhaus noch nicht veröffentlichen.

Derzeit wird vielerorts in Schweden stichprobenhaft der Sechsstundentag im Alten- und Krankenpflegebereich getestet, weil dort die körperliche und geistige Arbeitsbelastung als hoch angesehen wird. Gleichzeitig sind der Lohn und der gesellschaftliche Status in diesem Bereich vergleichsweise niedrig. So wird auch in Svartedalens Altenheim in Göteborg und in Einrichtungen für Senioren, Kinder und geistig Behinderte in der Hauptstadt Stockholm der Sechsstundentag getestet.

Unabhängig von diesen staatlichen Versuchen hat eine private Toyota-Werkstatt in Göteborg schon vor 13 Jahren den Sechsstundentag zum gleichen Lohn eingeführt, weil die Nachfrage der Kunden nicht mehr ohne lange Wartezeiten zu bewältigen war. Es gibt seitdem zwei Arbeitsschichten: eine von 6 bis 12 Uhr, die zweite von 12 bis 18 Uhr. Die Werkstatt konnte so ihre Öffnungszeiten auch auf zwölf Stunden verlängern.

Stattdessen die Werkstatt auszubauen und mehr Leute gleichzeitig acht Stunden lang arbeiten zu lassen, wäre viel teurer gewesen und man hätte schlechter auf die schwankende Auslastung reagieren können. "Die Arbeit ist sehr schwer, und wir wussten, dass unsere Leute ohnehin nicht mehr als sechs Stunden effektiv arbeiten", sagt Werkstatt-Chef Martin Banck der Göteborgs-Posten. Der Gewinn des Betriebs sei im ersten Jahr um 25 Prozent gestiegen, die Krankschreibungen seien deutlich gesunken.