Wegweiser

Siegel auf Kosmetikprodukten – wirklich die Crème de la Crème?

Petra Völzing

Von Petra Völzing

Fr, 02. Oktober 2015 um 10:20 Uhr

Wirtschaft

Kosmetik soll frei von Zusatzstoffen, fair produziert und selbstverständlich auch für Allergiker geeignet sein. Auf Cremes und Shampoos prangen vielerlei Siegel – nicht allen Versprechen kann man trauen.

Von der Naturkosmetik bis zum Allergikerlabel

In den Drogeriemärkten füllen Kosmetika Regalwände. Wer soll da noch den Überblick behalten angesichts so vieler Gesichtscremes, Shampoos und Duschlotionen. Die Verpackungen versprechen nur das Beste für Haut und Haar. Doch wie bei Lebensmitteln sind viele Kunden kritisch geworden. Sauber und gut riechend – das genügt vielen nicht mehr. Die Qualität des Produktes soll stimmen, und dabei ist auch die Natürlichkeit der Inhaltsstoffe und der ökologische Standard bei der Produktion gemeint. Deshalb ist die Auswahl an Naturkosmetikprodukten enorm gewachsen. Es sind zahlreiche Siegel auf den Markt gekommen, die die Einhaltung entsprechender Standards zertifizieren.

So einfach wie bei den Lebensmitteln ist das allerdings nicht. Bei diesen gibt es seit 2012 gesetzlich verpflichtend das EU-Biosiegel. Bio darf EU-weit nur auf den Lebensmitteln draufstehen, die nach den Standards dieses Siegels produziert wurden. Davon ist die Kosmetikbranche weit entfernt. "Der Begriff Naturkosmetik ist gesetzlich nicht geschützt", erklärt Sabine Holzäpfel von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Das bedeutet, es gibt keine gesetzlich festgelegten Kriterien, was Naturkosmetik eigentlich ist.

Die Kriterien legen die Hersteller und ihre Verbände selbst fest. Dementsprechend stammen die beiden gängigsten Naturkosmetiksiegel Natrue und der BDIH-Standard von Herstellerverbänden. "Wenn Siegelgeber und Siegelnehmer im Prinzip identisch sind, stellt sich natürlich die Frage nach der Unabhängigkeit und Verlässlichkeit dieser Siegel", gibt Holzäpfel zu bedenken.

Dennoch könne man den Verbänden bei der Entwicklung der Siegel ein ernsthaftes Bemühen um die Festlegung von Standards für Naturkosmetik nicht absprechen, so die Expertin. "Diese Vorarbeit haben in der Lebensmittelbranche seinerzeit die ökologischen Landbauverbände wie Bioland oder Demeter geleistet", sagt Holzäpfel, die aber keine Herstellerverbände seien.

Es gibt in der Welt der Kosmetik allerdings auch Siegel, die ganz andere Ziele verfolgen, zum Beispiel die Verträglichkeit für Allergiker auszuweisen. Für diese Siegel spielen die Naturkosmetikstandards keine Rolle und auch andersherum. Die Naturkosmetiksiegel kümmern sich nicht um die Frage der Allergieverträglichkeit. Für andere Siegel stehen soziale Kriterien im Mittelpunkt. Wichtig ist hierbei, dass die Produkte und ihre Inhaltsstoffe nach Kriterien produziert und gehandelt werden, die als fair definiert wurden.

"Wenn der Verbraucher sich an Siegeln orientiert, sollte er schon wissen, was ihm wichtig ist", sagt Laura Gross von der Verbraucher-Initiative in Berlin, die das Siegel-Bewertungsportal Label-online betreibt. Es prüft bei den Siegeln Anspruch, Unabhängigkeit, Kontrolle, Transparenz. Bei der Bewertung der Siegel ist stets der Knackpunkt: Ist eine unabhängige Kontrolle gewährleistet und werden Verstöße gegen die Kriterien der Siegelgeber bestraft, zum Beispiel mit dem Entzug des Siegels? Dies begründet letztendlich die Verlässlichkeit eines Labels. "Diese Punkte sind bei Siegeln aus der Privatwirtschaft nur begrenzt überprüfbar", kritisiert Holzäpfel. Auch Gross meint, sie müssten bei ihren Bewertungen bis zu einem gewissen Grad den Angaben der Siegelgeber vertrauen. Wichtig sei auch, dass der Verbraucher einen unkomplizierten Zugang zu Kriterien und Informationen über Vergabeverfahren der Siegel hat. "Wenn man auf der Webseite des Siegelgebers eine halbe Stunde suchen muss, bis man diese Informationen findet", dann ist das natürlich schlecht", sagt Holzäpfel.

Siegel für Naturkosmetik: Natrue, BDIH und Demeter

Natrue ist das mit Abstand häufigste Siegel für Naturkosmetik. Es handelt sich um das Label von "Natrue – International Association for Natural and Organic Cosmetics", einer Non-Profit-Organisation. Sie ist aus einem Zusammenschluss von Naturkosmetikherstellern entstanden. Der BDIH-Standard ist das Siegel des Bundesverbandes der Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzungsmittel und kosmetische Mittel (BDIH) – auch ein Herstellerverband. Bei beiden Siegeln gibt es eine Verflechtung von Siegelgebern und Siegelnehmern.

Was die inhaltlichen Kriterien angeht, sind die beiden Label recht ähnlich. Zugelassen sind mit wenigen Ausnahmen nur pflanzliche Stoffe, die aber nicht unbedingt nach der EU-Bioverordnung ökologisch erzeugt worden sein müssen. Verboten sind synthetisch hergestellte Duft- und Farbstoffe, Gentechnik und aus Erdöl hergestellte Produkte wie Silikone und Paraffine. BDIH verbietet auch Stoffe, die von lebenden Wirbeltieren stammen – Ausnahme: Milch. Dazu versprechen die Anbieter eine ressourcenschonende Herstellung, es soll auch möglichst wenig und recyclebare Verpackung verwendet werden. Bei beiden Siegeln muss der Hersteller den größten Teil einer Produktlinie zertifizieren lassen, um das greenwashing zu verhindern – also den Versuch, einem Produkt ein grünes Image zu verpassen, ohne dass es dafür eine hinreichende Grundlage gibt.

Beim unabhängigen Siegel-Bewertungsportal Label-Online haben beide Siegel nicht die beste Bewertungsstufe erreicht. Beim BDIH wird vor allem die fehlende Transparenz bei den Vergabeverfahren und der Sanktionierung kritisiert. Tatsächlich kann man auf der Internetseite des BDIH auch keinen Hinweis auf das Siegel finden. Dafür gibt es die Extraseite http://www.ionc.info die nicht erkennbar verlinkt ist. Bei Natrue kritisiert Label-Online vor allem, dass das Siegel in drei Stufen vergeben wird: Naturkosmetik, Naturkosmetik mit Bioanteil und Biokosmetik. Dies ist am Siegel selbst aber nicht erkennbar. Man muss über einen QR-Code einer Ware gehen, den aber nicht alle Produkte haben, oder auf der Webseite nachschauen.

Besonders strenge Kriterien legt Demeter an. Dieses Siegel gibt es schon seit 1922. Es ist hauptsächlich bei Lebensmitteln bekannt. Auch im Kosmetikbereich gibt es nicht nur Kriterien für die zugelassenen Inhaltsstoffe, sondern auch Regeln, wie diese Inhaltsstoffe produziert sein müssen. Demeterprodukte haben zudem einen anderen Vertriebskanal. Sie sind fast nur im Biofachhandel erhältlich. Das gilt für Natrue und BDIH nicht.

Siegel für Allergiker: DAAB

Hersteller können ihre Produkte vom Deutschen Allergiker- und Asthmabund (DAAB) auf Verträglichkeit für Allergiker testen lassen. Wird das Produkt von diesem als geeignet eingestuft, so darf es das DAAB-Siegel tragen. "Dieses Siegel ist absolut verlässlich", sagt Laura Gross, denn der DAAB würde im Sinne seiner Klientel agieren, also der Betroffenen, nicht im Sinne der Produzenten. Dazu kommt, dass die Labelvergabe gebührenfrei ist. Dies sei ein weiteres Indiz für die wirtschaftliche Unabhängigkeit dieses Labels.

Faire Produktion und Handel: Fair for life

Der sogenannte faire Handel ist bei Kosmetik weniger gängig als bei Lebensmitteln und Textilien. Das aus der Schweiz stammende Siegel Fair for Life bietet aber auch für Kosmetika eine entsprechende Zertifizierung. Sie ist auch auf Produkten auf dem deutschen Markt zu finden, aber nur in Biofachgeschäften. Das Siegel verspricht, dass das zertifizierte Produkt entlang der gesamten Wertschöpfungskette sozial verträglich und umweltfreundlich hergestellt und unter Bedingungen gehandelt wurde, die als fair definiert wurden. Das Portal Label-Online stuft dieses Siegel als besonders empfehlenswert ein.

Umweltverträglichkeit: EU-Eco-label

Mit dem EU-Eco-Label gibt es auch im Kosmetikbereich ein Label der EU. Es wird formal von der EU-Kommission vergeben, ist aber anders als das EU-Biosiegel ein freiwilliges Zeichen. Es fußt auf der EU-Kosmetikverordnung. Der Schwerpunkt des EU-Eco-Labels liegt auf der Umweltverträglichkeit. Wie stark belasten die Produkte die Umwelt bei der Produktion und nach Gebrauch? Hier geht es vor allem um Shampoos, Seifen und Lotionen, "alles, was wieder vom Körper abgewaschen wird", so Laura Gross. Label-online hält das Siegel für besonders empfehlenswert.

Fallstricke beim Kauf von Kosmetika

Will der Verbraucher auf Qualität achten, sollte er auf der Hut sein vor findigen Marketingleuten. Viele Hersteller platzieren reine Werbeaussagen in einer grafischen Aufbereitung auf der Verpackung, die wie ein Siegel anmuten. "Wenn auf einer Verpackung steht ,klinisch getestet‘ oder ,dermatologisch geprüft‘, dann ist das Werbung mit Selbstverständlichkeiten", sagt Verbraucherschützerin Holzäpfel, denn das EU-Recht schreibt solche Tests vor. Und: Im Dunkeln bleibt, was konkret hinter diesen Aussagen steht, welche Testmethoden angewendet, wie viele Nutzer befragt wurden, und welches Ergebnis der Test hatte. Manche Verpackungen buhlen mit Slogans wie "Wir kämpfen gegen Tierversuche" um Kunden. Auch das kommt wie ein Label daher. Allerdings sind Tierversuche für die Entwicklung von Kosmetikprodukten seit 2013 EU-weit verboten – der mündige Kunde sollte sich nichts vormachen lassen.
Info

Weiterführende Informationen finden Verbraucher vor allem auf dem Bewertungsportal label-online.de. Die unabhängige Verbraucher-Initiative bietet mit einer differenzierten Suchfunktion im Siegeldschungel Orientierung. Auch direkt auf den Internetseiten der Siegelgeber können sich Verbraucher über die Inhalte und Hintergründe der einzelnen Labels informieren, wobei hier die Qualität und Ausführlichkeit der Informationen sehr unterschiedlich sind.
BDIH: http://www.ionc.info
Natrue: http://www.natrue.org/de
DAAB: http://www.daab.de
Fair for Life: http://www.fairforlife.org
EU-Eco-Label: http://www.eu-ecolabel.de
Demeter: http://www.demeter.de

Mehr zum Thema: