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22. Januar 2011
"So, das war’s dann"
Die letzte Kanne Milch: Nach jahrzehntelanger Schufterei für wenig Geld gibt Familie Breuninger ihren Betrieb auf.
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Er würde gern, doch er kann nicht mehr: Bauer Erwin Breuninger in seinem leeren Kuhstall Foto: Hardy Müller
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Der Letzte macht das Licht aus: Erwin Breuninger füttert das Kalb im Stall. Foto: Hardy Müller
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Der Milchfluss versiegt: Anneliese Breuninger Foto: hardy müller
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Bauer ohne Rücklagen: Rolf Breuninger Foto: hardy Müller
Er bringt es an diesem Tag zu Ende, ein letzter Schnitt, rasch, ohne Schmerzen, so hat er es sich vorgenommen. Anton Tittl steigt aus dem Führerhaus des Lkw, blickt um sich und sieht, dass es hier so einfach nicht gehen wird. Der Viehhändler steht auf dem Hof der Familie Breuninger in Steinbach, einem Dorf in Hohenlohe, und niemand ist da, um ihn zu empfangen. Schotter knackt unter seinen Füßen. Er schaut zum Stall, zum Wohnhaus, wartet. "Wollt ihr nicht rauskommen?", ruft er nach einigen Minuten. Die Laderampe hat Tittl geöffnet, Seile und Schlingen hängen bereit. "Das ist komisch", murmelt er. Vor einer halben Stunde hatte er am Telefon Bescheid gegeben, dass er komme. Sie sagten, sie seien soweit. Heute ist der Tag, an dem die Breuningers nach Jahrhunderten aufhören, Milchbauern zu sein. Sie geben auf, was sie immer waren. Tittl soll die letzten fünf Kühe zum Schlachthof fahren. "Wo steckt ihr?", ruft er gegen die Wände. Er wird allmählich unruhig. Der Hof bleibt stumm.
Lange hat sich Familie Breuninger auf diesen Moment vorbereitet, über Jahre hinweg, jeder auf seine Weise. Hinter den braunen Vorhängen des Studierzimmers unternimmt Rolf, der Sohn, 49, immer neue Wirtschaftlichkeitsberechnungen, die zu nichts führen. Schreibt sich nebenher für ein Fernstudium ein. Er träumt von einem zweiten Berufsleben. Lässt auf die Dächer Solaranlagen bauen, in der Hoffnung, das fehlende Milchgeld auszugleichen. Er liest abends nach dem Melken und morgens davor. Er liest und liest. Vater Erwin, 83, "der Chef", ist noch bitterer geworden, er flucht mit jedem Satz, über Kühe und die Politik, doch gerät das Fluchen mit der Zeit zum Stöhnen. Er würde gern, er kann nicht mehr. Aber es gibt Tage, da gesteht er das keinem ein, sich selbst am wenigsten.
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nicht früher Schluss gemacht zu haben."
Rolf Breuninger, Milchbauer
Das Höfesterben wütet in den Dörfern wie in Europa seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr. Tausendfach verschwinden sie, zuvorderst die Milchbauern, die einstigen Könige der Dörfer. Nun zählen viele von ihnen zu den Armutsfamilien, so drastisch kippten die Marktpreise. Zeitweise ist die Milch billiger als Gülle. Über das Land tobt die große Flurbereinigung der Globalisierung. In den vergangenen 16 Jahren ging die Zahl der deutschen Milchbetriebe von 186 000 auf 93 500 zurück. Jeden Tag geben derzeit im Schnitt elf Höfe auf. Mit ihnen fallen die Dörfer, wandern die Einwohner ab, weil die Arbeitsplätze fehlen. Nicht nur im Osten, sondern auch in Westdeutschland schrumpft in der Hälfte der Regionen die Bevölkerung, schließen Arztpraxen, Läden und Gaststätten. Drei Millionen Menschen sind seit der Wiedervereinigung in die Städte übergesiedelt. Die Provinz ist im Niedergang. Das Land in Auflösung.
Rolf, der Sohn, hatte den Anfang gemacht: Das wird nicht mehr, hatte er gesagt. Es war der 8. November 2008, die Familie saß am Mittagstisch, der Literpreis lag bei 31,15 Cent, neun Cent unter ihren Produktionskosten. Am Vortag hatte der Bundesrat in Berlin abgelehnt, die Milchbauern national zu stützen. Der Sohn berichtete von Marktprognosen der Agrarfachzeitschriften, die für die nächsten Jahre von weiter sinkenden Preisen ausgingen.
Er hatte überlegt, den Hof auf Bio umzustellen. Dafür hätte er wesentlich mehr Fläche pachten müssen, aber die gibt es in der Gegend nicht. Also schlug er der Familie vor, den Stall mit den 36 Kühen stillzulegen, ein neues Leben zu beginnen – eines ohne dieses Schinden für einen Hungerlohn, eines mit freien Wochenenden. "Ich möchte nicht mehr", sagte Rolf. In manchen Jahren bleibt dem Familienbetrieb nur ein Gewinn von 350 Euro. "Eine gottserbärmliche Quälerei. Sie schlaucht mich", sagte sein Vater. "Ich will auch einmal zu den normalen Leuten gehören", meinte die Mutter. Es wird an diesem Tag beschlossen. Von nun an werden keine neuen Kühe gekauft, die alten nur noch abgemolken. Letztmals mähen Breuningers im Sommer 2009 ihre Wiesen, fahren das Heu ein, im Herbst machen sie sie zu Äckern. Zum ersten Mal überhaupt. Die Talsenke, in der ihr Hof liegt, die jahrhundertelang grün war, färbt sich braun.
Die Erde, die nie umgegraben wurde, lässt sich nur behutsam pflügen. Eine schmale Furche ist es zunächst, die Rolf im November 2009 mitten in den Wiesenhang zieht. Selbstversunken sitzt er hinterm Steuer des Traktors, der Milchpreis ist mittlerweile auf 29,75 Cent gefallen. Die Spur, die er ins Gras pflügt, die breiter und breiter wird, sieht aus wie ein Riss. Als würde die Landschaft entzweigebrochen. Im Nebenerwerb will er hier künftig Getreide pflanzen. Er sieht beim Pflügen das ganze Dorf, acht Höfe an einem Bach, Wohnhäuser, die sich an Scheunen schmiegen, überragt von hölzernen Silotürmen, viele von ihnen schief, weil längst nicht mehr gebraucht. Seit die Breuningers in den 70er Jahren in einen geduckten Neubau gezogen sind, steht das alte Wohnhaus leer, der prächtigste Bau des Dorfes, Prunkfassade, 19. Jahrhundert, ein Palast. Zwischen den Stockwerken brechen die Decken durch. Ihr Hof war der größte in Steinbach, nach und nach hat sich das Leben aus ihm zurückgezogen. Die Breuningers leben in einer toten Hülle, einer Welt, die jeden Sinn entbehrt.
Die Neonröhre flackert und verlischt, flackert erneut und wirft gleißendes Weiß auf Kühltank und Melkmaschinen. Die Arbeit am frühen Morgen beginnt ohne Worte. Anneliese sieht nach den Kälbern, so, wie sie es in den letzten 60 Jahren getan hat. Vater und Sohn drücken sich je ein Melkgestänge an den Körper. Rolf kümmert sich um die schwierigeren Tiere, die angekettet gerne mal auskeilen, kniet unter ihnen, massiert die Zitzen, stützt den Kopf an ihren Bäuchen.
täglich hartes Schieben und Drängen.
Er sei ein völlig untypischer Bauer, sagt Rolf beim Frühstück, das Anneliese ihnen nach dem Melken bereitet. "Ich habe keine Schulden." Er hat auch keine Ersparnisse. Ein Großteil der Rücklagen von 30 Jahren Arbeit stecken in einer Investitionsruine hinterm Hof, einem Betonfundament mit Güllegrube. Hier wollte Rolf, als er noch Hoffnung hatte, einen modernen Stall für 60 Kühe bauen. "Unser alter Stall ist ja nicht mehr zeitgemäß", ist ihm klar. Er hätte die Kettenhaltung abgeschafft, den Tieren zu mehr Luft und Licht verholfen. Für 80 000 Euro hatte er zusätzliche Milchquoten erworben, so berieten ihn die Landwirtschaftsämter, doch dann brachen 2008 unvermittelt die Preise um fast 50 Prozent ein. "Das war vielleicht der größte Fehler meines Lebens, nicht früher mit der Milch Schluss gemacht zu haben." Die Rechnung hatte sich umgekehrt. Mehr Milch, mehr Verluste. Nach dem Beschluss aufzugeben, bleibt das Geld der Familie im Boden ihres Hofes begraben. "Jetzt ist Ruhe!", zischt Anneliese um 7.50 Uhr. Im Radio bringen sie das Wetter. Das ist für Bauern immer noch so wichtig wie für Fondsmanager der Börsenbericht.
Der Milchfluss der Familie versiegt, er erschöpft sich im unteren Drittel der Kühlwanne. Alle zwei Tage fährt das "Milchauto" der Hohenloher Molkerei heran. Schon Stunden vorher legt Rolf das Absaugrohr zum Hof hinaus, Anneliese schaut sich in der Küche immer wieder nach der Straße um. Den Tankwagen erkennt sie von weitem an seinem Klang. Doch der Fahrer ist kaum ausgestiegen, da steigt er wieder ein. So wenig ist mittlerweile bei Breuningers zu holen. Sie wissen nicht, was sie für ihre Milch bekommen, es gibt keinen Preis, den erfahren sie erst einen Monat später von der Molkerei. Das ist das System, vertraglich festgeschrieben: Der Bauer verpflichtet sich, alles zu liefern, die Molkerei verpflichtet sich, alles abzunehmen. Egal zu welchen Konditionen. Die Molkerei zu wechseln bringt nichts, denn alle machen es so. Wenn es um die Kuh geht, schlägt der Kapitalismus groteske Kapriolen.
Der Weg der Milch führt in Deutschland von 93 500 Bauern zu 110 Molkereien, die sie zu 60 Prozent an fünf Discounterketten liefern. Die diktieren die Preise, schwelgen im Überangebot. So ersaufen die Bauern in ihrer Milchproduktion. 1984 versuchte die EU, die Mengen mit Quoten einzufrieren. Noch immer aber gestattete man den Bauern, weit über Bedarf zu produzieren, der Preis ist seither um ein Drittel gefallen. Ihr müsst wachsen, effizienter werden, riet die Politik deshalb den Landwirten, und das taten sie. Mit der Folge, dass sie noch mehr Milch lieferten. Nie zuvor erzeugten sie so viel wie 2009. Ihre Kühe züchteten sie zu "Turbo-Kühen", die 35 Prozent mehr Milch geben als vor 40 Jahren. Den Stoffwechsel der Tiere jagten sie doppelt so hoch wie bei einem Hochleistungssportler. Natürliches Wiesenfutter lässt sie ins Koma fallen, sie brauchen Kraftfutter, ständig. Ihre Klauen zerbrechen unter dem Gewicht, die Gelenke entzünden sich. Blieben Kühe früher acht Jahre beim Bauern, enden die "Turbos" oft schon nach zweieinhalb Jahren im Schlachthof. Sie sind ausgelaugt. Das Euter ist ihnen ein Parasit geworden.
Das Radio im Esszimmer kündigt den Frühling an, der Milchpreis liegt im April bei 27,15 Cent, Rolf verbringt viel Zeit im Studierzimmer. Er schreibt Bewerbungen. "Ich bin jetzt auf dem freien Arbeitsmarkt", sagt er mit seinen 49 Jahren. Es hört sich trotzig an. Er beugt sich über Fernstudienpapiere, Betriebswirtschaft und Marketing, ein Pensum von 2000 Seiten. Wie schwierig es sei, nur mit Hilfe von Mails zu lernen, seufzt er. Letzte Woche hatte er den Miststreuer ausgeschrieben, 5000 Euro, halber Neupreis, drei Interessenten waren da. Keiner kaufte, einer wand sich, er müsse noch seine Frau fragen. Der Nachbar, auch ein Milchbauer, ist gestorben, erzählt Anneliese beim Mittagessen. Wer von ihnen auf die Leich’ wolle? Rolf und Erwin schütteln die Köpfe, also bleibt es an ihr, zu gehen. Das Dorf ist wie viele Bauerndörfer. In der Krise scheint jeder mit jedem zerstritten. Der Rücken schmerzt ihn, als er im Esszimmer wenig später einem Milchbauern aus einem Nachbardorf gegenüber sitzt. "Du, horch", bekennt der Mann, ergraut, gebeugt, im Stall noch 20 Tiere, "ich höre auch auf." Er will Rat, wie er die Betriebsauflösung angehen soll. Einen Stapel Antragsformulare hat er mitgebracht. "Dass es so weit kommen konnte", sagt er und knetet am Tisch die Hände. Er hat Schulden, die Kinder wollen den Hof nicht übernehmen. "Du kannst nicht ewig gegen den Strom schwimmen", sagt er, "irgendwann versäufst du."
Die Milch verschwindet aus den Dörfern, bald ist sie auf dem Land nur eine romantische Erinnerung. Die Zahl der Höfe schrumpft in den nächsten Jahren abermals um die Hälfte, prognostizieren Molkereien und Verbände. Wenn 2015 die EU-Quoten auslaufen und alle Mengenbegrenzungen, werden die Preise weiter sinken. Die Marktmächte sind entfesselt, sie lassen die Milch vollends zu einem Industriesubstrat verkümmern. Höfe werden zu Melkfabriken. Die Lebensmittelkonzerne drängen auf noch größere Betriebsgrößen mit Tausenden von Tieren. Die Forschung macht das Produkt länger haltbar, als ESL-Milch besser handelbar und als Pulver gut zu verschiffen, nach überall hin, von überall her. Die Milch wird eins mit den großen Warenströmen, die unaufhörlich den Planeten umfließen.
Der Tag kommt, an dem alles Futter verfüttert ist, alle Kälber geboren sind, es kein Hinauszögern mehr gibt. Vier Kühe und ein Kalb stehen am 12. August im Stall. Zu zweit gehen Vater und Sohn ein letztes Mal zum Melken. Es dauert fünf Minuten. Der Sohn sieht sich zum Vater um. "Hast du die schon?", zeigt er auf die Kuh vor ihm. "Ha, ja", murmelt der Vater. Für einen Moment schweigen sie. "So, das war’s dann", sagt Rolf und verlässt den Stall. Einige Minuten später rollt Viehhändler Anton Tittl mit mit seinem Transporter auf den Hof. Niemand ist da. Schließlich taucht Rolf auf, ausdruckslos. Mit dem Viehhändler leert er den Stall. "Ganz langsam. Wir haben Zeit", sagt Tittl und beruhigt den Bauern wie das Vieh. "Die Tiere gehen zuerst", sagt Anneliese später. "Und bald gehen wir." Am Abend, gegen halb sechs, will Erwin wie immer in den Stall, um die Kühe zu melken.
Autor: Wolfgang Bauer


