Ortenau

Tabakbauer Jochen Adam bewahrt in Ried erfolgreich die Familientradition

Heinz Siebold

Von Heinz Siebold

Sa, 14. Juni 2014 um 15:07 Uhr

Wirtschaft

Das Ried in der Ortenau ist trotz der gewaltigen Veränderungen am Markt nach wie vor eine Hochburg des deutschen Tabakanbaus.

Drinnen sitzen, im warmen Büro und sich mit Zahlenkolonnen beschäftigen? Nein – Jochen Adam schüttelt den Kopf. "Das wär nix für mich." Draußen in der frischen Luft sein, bei der Arbeit den Blick in die Ferne schweifen lassen, sich am Wechselspiel von Sonne und Wolken erfreuen, das kann man als Landwirt. Er muss in der Regel noch nicht einmal vom Traktor aus den Acker betreten, die Technik ist perfekt. Und warm ist es auch in der Traktorkabine. "Z’ Ackerfahre scheint für dich eine Art Yoga zu sein", habe seine Frau im Frühjahr verwundert ausgerufen, als der Bauer nach acht Stunden Pflügen putzmunter in der Küche auftauchte und einen Kinobesuch vorschlug.

Jochen Adam ist Landesvorsitzender des Tabakpflanzerverbandes

Der Bauer Jochen Adam ist Herr über 80 Hektar Bodenfläche rund um das Rieddorf Altenheim, das mit Dundenheim, Ichenheim, Müllen und Schutterzell zur 9200 Einwohner zählenden Gemeinde Neuried vereint ist. Der Vierzigjährige hat den Hof erst vor ein paar Jahren von seinem Vater übernommen. Er tut das, was schon sein Großvater und der Urgroßvater gemacht haben: Tabak anpflanzen. Das Ortenauer Ried, die Ebene westlich der Autobahn A 5 bis zum Rheinufer, ist eines von nur noch wenigen deutschen Tabakanbaugebieten. In Baden gibt es noch Pflanzer bei Bad Krozingen und bei Karlsruhe.

"Die Fläche ist hier nicht viel kleiner geworden", sagt Adam und schaut über die Felder. Aber die Zahl der Pflanzer ist gewaltig gesunken. "Dort drüben war mal einer und hier und da", sagt er und zeigt über das Gelände, das so eben wie ein Brett ist. So eben, dass man schon morgens sieht, wer nachmittags zum Kaffee kommt. Im Ried gibt es noch 20, in ganz Baden Württemberg 35 Betriebe, in Deutschland 130 auf 2100 Hektar. Die Zahlen kann Adam im Schlaf herunterbeten. Er muss sie kennen – der junge Bauer ist Landesvorsitzender des Tabakpflanzerverbandes.

Zweihundertzwanzig Tonnen Tabak holt Adam pro Jahr von seinen Äckern. Hauptsächlich die Sorte Virgin. Früher gab es mehr Geudertheimer, doch der ist für Zigarren. Der wird jetzt in anderen Regionen der Welt produziert. Anfang Mai hat Jochen Adam die Setzlinge gepflanzt. Maschinell. Das Saatgut hat er bereits Ende Februar in Styroporschachteln in Anzuchterde gesteckt und diese in ein überdachtes Schwimmbecken gelegt. Durch 240 Löcher hat die Nährflüssigkeit die jungen Pflanzen wachsen lassen. Die Styroporboxen werden wie riesige Magazine auf die Pflanzmaschine hinter dem Traktor gesteckt. Sechs Helfer stecken je einen Spross in die Mechanik, die den Setzling in den Boden bringt. Stundenlang, tagelang. Nicht nur der Anbau, sondern auch die Pflege und noch mehr die Ernte sind Marathonarbeit. Von unten nach oben muss jedes Blatt von jeder Pflanze einzeln abgepflückt werden. 40 Erntehelfer aus Osteuropa gehören neben fünf Angestellten zu den Stützen des Betriebes.

Der Tabakanbau hat in der Region eine lange Tradition

Nach der Ernte werden die Blätter, sortiert nach Qualitätsstufen, getrocknet. Nicht mehr wie früher in den großen Tabakscheunen, sondern in Containern mit Heißluft. Zeit ist Geld. "Die Heißluft will ich bald als Fernwärme vom Badenova-Biomassekraftwerk holen", sagt Adam. Das spart Kosten und ist umweltfreundlich. Nach dem Trocknen gehen die Blätter nach Karlsruhe zur Rotag AG und werden dort entrippt und aufbereitet, bevor sie weiter an die Zigarren- und Zigarettenhersteller verschickt werden. Die Rotag AG gehört zur internationalen Gruppe Alliance One mit Sitz in USA, die Tabakblätter an alle relevanten Hersteller liefert. Drei Viertel der deutschen Produktion landen zunächst in Karlsruhe, im Geschäftsjahr 2013 wurden sechs Millionen Kilogramm verarbeitet, auch aus polnischer Herstellung.

Die Pflanzer im Ried haben eine lange Tradition. Sie sehen sich als Teil einer Kultur, die 400 Jahre alt ist und um Lahr dank des Schnupftabakfabrikanten Carl Ludwig Freiherr von Lotzbeck ein wichtiger Lebenszweig der Landwirtschaft wurde. Die von Napoleon 1806 verhängte Wirtschaftsblockade gegen Großbritannien versperrte den Zugang zum englischen Tabakmarkt, der Freiherr bot den Riedbauern feste Abnahmekontingente an. Die Landwirte waren froh, ein Ersatzprodukt für den Hanf zu bekommen. Dampfschiffe brauchten weniger Taue und keine Segel mehr.

Bereits 1885 wurden im Großherzogtum Baden ein Viertel aller deutschen Zigarren hergestellt, vor dem Ersten Weltkrieg war Baden das größte deutsche Anbaugebiet. Doch der Sieg der Zigarette über Zigarre und Pfeife, die Konkurrenz von leichteren und billigeren ausländischen Tabaksorten leiteten im 20. Jahrhundert den Abstieg des kräftigen badischen Tabaks ein. Er zog die Pflanzer und die bekannteste Fabrik, die Badischen Tabakmanufaktur in Lahr – bekannt für die filterlose legendäre Roth-Händle – mit. Als dann vor fünf Jahren auch noch die Subventionen der EU zunächst teilweise, dann ganz gestrichen wurden, schien der Tabakanbau am Oberrhein ganz am Ende.

Als Lieferanten eines gefährlichen Stoffes sehen sich die Bauern nicht

"Wir leben noch", lächelt Adam, sein Kollege Hermann Roth nickt bekümmert. Auch er gehört zu den "Überlebenden", war lange Ortsvorsitzender in Altenheim, so wie auch Jochen Adams Vater. Seinen Betrieb hat Hermann Roth längst auf Sohn Volker überschrieben. Der 70-jährige Rentner schwingt sich auf den Traktor, der Sohn geht hinter der Maschine her und zupft falls nötig die Setzlinge zurecht.

In zähen Verhandlungen haben die Pflanzer 2009 erreicht, dass die Tabakindustrie einen Teil der entgangenen Subventionen durch höhere Preise kompensiert hat. Der Preis für ein Kilogramm Virgin liegt derzeit bei 3,50 Euro. "Es ist Bewegung nach oben da", konstatiert Joachim Adam, "aber es muss noch mehr werden, damit wieder mehr Bauern einsteigen." Aber wieso denn? Reicht die Tabakmenge denn nicht angesichts der rückläufigen Raucherzahlen? Es ist ja nicht damit zu rechnen, dass der Anti-Raucher-Kurs der Regierungen plötzlich ins Gegenteil umschlägt.

Damit ist der wunde Punkt berührt. "Wer raucht denn von euch eigentlich noch?" Die drei Tabakpflanzer auf dem Acker lächeln verlegen. Nur einer hebt den Finger, das entspricht dem Durchschnitt in der Bundesrepublik. Nach der Verbandssitzung, beim Viertele Klingelberger, ja, da werden dann Zigarren angesteckt. Sonst kaum. "Aber es sollte die freie Entscheidung jedes Einzelnen sein". Es kommen die Beispiele: Dieser und jener sei schon weit über 90 und habe zeit seines Lebens geraucht. Außerdem zahlten die Raucher ja Steuern und Krankenkassenbeiträge. Als Lieferanten eines gefährlichen, gar gesundheitsgefährdenden Stoffes sehen sich die Bauern nicht. So etwas würde man ja auch den Schnapsbrennern nicht vorwerfen. Es komme auf die verbrauchte Menge an. Ihr Verband bestärkt sie in dieser Haltung. Die tabakbraune Broschüre des Bundesverbandes preist die "Kulturpflanze Tabak mit ihrer ganzen Emotion, Regionalität, aber auch Internationalität". Sie hebt die "soziale Verantwortung unserer Produktion" hervor.

Doch welche Perspektiven der Tabakanbau hat, können kein Verband und kein Pflanzer vorhersagen. Jochen Adam auch nicht, der Familienbetrieb hat seit 1970 ein zweites und ein drittes Standbein aufgebaut: 22 000 Hühner legen Eier, teils in Bioqualität, sie liefern den Rohstoff für die hofeigene Produktion von 20 Nudelsorten. Wenn der Tabak geerntet ist, baut Adam im Herbst und Winter großflächig Feldsalat für Bauernläden, Gastronomie und Handel an.