Bei Tschernobyl

Ukraine baut Atommülllager

Nina Jeglinski

Von Nina Jeglinski

Di, 12. Dezember 2017

Wirtschaft

US-Unternehmen errichtet Anlage für eine Milliarde Euro in der Nähe von Tschernobyl / Kiew will unabhängig von Russland sein.

KIEW. In der Ukraine entsteht ein Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente aus Atomkraftwerken. Das Land will sich damit unabhängig machen von Russland, wohin Atommüll bisher zu hohen Kosten geliefert wurde.

Das erklärte Ziel der ukrainischen Regierung von Präsident Petro Poroschenko und Ministerpräsident Wladimir Groisman ist es, eine möglichst große Unabhängigkeit von Russland zu erlangen – nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich. Vor diesem Hintergrund fand am 9. November der Spatenstich für den Bau eines Zwischenlagers für hochradioaktiven Atommüll statt. Das Milliardenprojekt ist nicht nur politisch und wirtschaftlich hochumstritten – auch Umweltschützer kritisieren das Vorhaben.

Das Lager soll in der Sperrzone in der Nachbarschaft des 1986 havarierten Atomkraftwerkes von Tschernobyl entstehen. Gebaut wird die Anlage von der US-Firma Holtec International. Die Amerikaner werden auch die technischen Voraussetzungen für die Lagerung und die Weiterverarbeitung der Brennstäbe schaffen. Offiziell werden die Baukosten mit umgerechnet 1,2 Milliarden Euro angegeben. Betrieben werden soll das Zwischenlager vom ukrainischen Staatskonzern Energoatom, der auch für alle vier Atomkraftwerke des Landes mit insgesamt 15 Reaktoren verantwortlich ist – ausnahmslos aus russischer Produktion und zum größten Teil noch zu Zeiten der Sowjetunion geliefert. Auch der Brennstoff für die Meiler kommt aus Russland. Atomkraftwerke liefern mehr als 50 Prozent des Stroms in der Ukraine.

Öffentlichkeit wird nur wenig informiert

Die abgebrannten Brennelemente der Atomkraftwerke werden bislang ganz überwiegend nach Russland gebracht. Der Chef von Energoatom sagte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Ukrinform, die Ukraine müsse dafür jedes Jahr mindestens 200 Millionen Dollar an Russland zahlen. Zudem ist vereinbart, dass die Ukraine ihren Atommüll zurücknehmen muss. Die beiden Länder sind auf dem Gebiet der Kernkraft nach wie vor aufs Engste verbunden, obwohl man zugleich in der Ostukraine einen Konflikt auch mit militärischen Mitteln austrägt.

Die engen Verbindungen nach Russland sollen jetzt schrittweise gekappt werden. Bei Energoatom hebt man noch einen anderen Aspekt hervor: Die Ukraine wolle ihre Atomabfälle in Zukunft selber aufarbeiten. Die Firma Holtec International habe dazu das Know-how. Kritiker befürchten, dass die Ukraine mit diesem Schritt wieder in den Besitz von spaltbarem Nuklearmaterial kommt, mit dem nicht nur eine zivile Nutzung möglich ist, sondern auch eine militärische.

Die nun in Bau gehende Anlage wird knapp 460 Container-Einheiten lagern können, das Lager ist für 100 Jahre ausgelegt. Der Testbetrieb soll im Herbst 2019 aufgenommen werden, von 2021 an sollen die ersten Abfälle aus ukrainischen Atomkraftwerken dorthin geschafft und eingelagert werden. Die ukrainische Seite betont, mit der Anlage kein Atomendlager schaffen zu wollen, sondern eine Produktionsstätte "für Kernbrennstoffe für Reaktoren der nächsten Generation". Eine Diskussion darüber, wo und wie ein Endlager für Atommüll errichtet werden soll, gibt es in der Ukraine nicht.

Obwohl der Bau des Atommüll-Lagers lange in Planung war und von verschiedenen ukrainischen Regierungen vorangetrieben worden ist, wird die Öffentlichkeit über das Projekt nur wenig informiert. Zum einen, weil sich die Kosten für dieses Vorhaben seit Planungsbeginn von knapp 150 Millionen Dollar auf heute 1,2 Milliarden (reichlich eine Milliarde Euro) Dollar erhöht haben, zum anderen, weil Umweltverbände heftig gegen den Ausbau weiterer Atom-Infrastruktur kämpfen. Greenpeace Ukraine beispielsweise warnt vor dem Bau. Die Anlage werde nur 70 Kilometer von der Hauptstadt Kiew errichtet. Störungen durch Unfälle oder Kriegshandlungen könnten einen unabsehbaren Schaden zur Folge haben. Doch solche Rufe verhallen in der politischen Diskussion weitgehend.

Die Ukraine setzt auch unter der Regierung von Präsident Petro Poroschenko und Regierungschef Wladimir Groisman unverändert auf die Nutzung der Kernenergie. Wie wichtig in diesem Zusammenhang der Bau des Atommüll-Lagers ist, zeigt ein Detail: Ein 250-Millionen-Dollar-Kredit, den Holtec für den Bau der Anlage bei der Bank of America aufnahm, wurde vom ukrainischen Staat abgesichert.