Wolfsburg

VW-Chef Müller stellt die Zukunft des Dieselmotors in Frage

afp

Von afp

Mi, 22. Juni 2016

Wirtschaft

VW-Chef Michael Müller stellt die Zukunft des Dieselmotors infrage / Den Antrieb sauber zu bekommen verursacht hohe Kosten.

WOLFSBURG (dpa). VW-Konzernchef Matthias Müller zieht nach dem Abgasskandal den Dieselmotor generell in Zweifel. Die CO2-Vorgaben der Europäischen Union zeigten schon heute, "dass die Abgasreinigung beim Diesel enorm teuer und aufwendig wird. Gleichzeitig wird die Elektromobilität preiswerter", sagte der Manager vor der Hauptversammlung des Autobauers dem "Handelsblatt" (Dienstag).

In dem Interview erläuterte Müller, wie er den Konzern von "alt auf neu" umbauen will – "vom Verbrennungsmotor zum Elektromotor". Zwar ist Müller überzeugt, dass der Prozess noch einige Jahre dauern wird. Zur Zukunft des Dieselantriebs aber äußerte sich der VW-Chef skeptisch: Es werde sich die Frage stellen, "ob wir ab einem gewissen Zeitpunkt noch viel Geld für die Weiterentwicklung des Diesels in die Hand nehmen". Auf die Frage, ob der Abschied vom Verbrennungsmotor an die Energiewende bei Eon und RWE erinnere – mit dem Aus für die Nukleartechnik und der Schrumpfung bei Gas und Kohle – sagte der 63-Jährige: "Ein durchaus passender Vergleich."

In Deutschland hängen Zehntausende Jobs am Diesel und eine riesige Wertschöpfung. Branchenfachmann Stefan Bratzel rechnet vor, dass mit Blick auf die Bauteile und die Komplexität beim Diesel im Vergleich zur E-Mobilität nur etwa ein Fünftel der Jobs nötig sei. "Der Höhepunkt der Diesel-Technologie ist schon überschritten", sagt Bratzel. Die Abgasaffäre sei ein Treiber, sie führe zu politischen Turbulenzen und verschärfe den Druck, etwa bei Tests der Behörden.

"Künftig muss der Diesel auch in der Realität die Werte einhalten", warnt Bratzel. Damit verliert die Branche Jahre für den Übergang. "Müller hat das erkannt. Er erhöht das Tempo." Seine Ankündigung aus der vergangenen Woche, wonach 2025 jedes vierte Konzernfahrzeug rein elektrisch angetrieben werden könnte, sei "echt eine Ansage".

Bratzels Kollege Ferdinand Dudenhöffer empfiehlt der Industrie sogar einen sofortigen Diesel-Investitionsstopp. "Jeder weitere Euro wäre verschwendet", so der Chef des Car-Instituts der Uni Duisburg-Essen. Deutsche Hersteller hätten viel zu lange am Diesel festgehalten, der nur in Europa größere Bedeutung habe.

Der heimische Kontinent mache aber nur 15 Prozent des Weltmarktes aus. In den zwei größten Märkten China und USA sind Diesel praktisch nicht vorhanden. Von der Politik erwartet Dudenhöffer ein schnelles Ende der "unsinnigen und verfehlten" Subvention für den Kraftstoff: "Jeden Tag erhalten Autofahrer an der Tankstelle ein völlig falsches Preissignal."

Die französische Regierung will Steuervorteile beim Kauf dieselbetriebener Firmenfahrzeuge streichen. Die bislang gewährten Nachlässe bei der Mehrwertsteuer sollten binnen drei Jahren abgebaut werden, sagte Umwelt- und Energieministerin Ségolène Royal am Dienstag. Die Vorteile für Diesel-Firmenfahrzeuge seien "nicht mehr zu rechtfertigen".

Die Frage ist, wie der Übergang in der Branche beim Kunden ankommt. Wer kauft noch einen Diesel, wenn morgen schon die Debatte über dessen Steuervorteile toben könnte? Gerd Lottsiepen vom ökologisch orientierten Verkehrsclub VCD sagt: "Unterhalb der Passat-Klasse werden Diesel schon sehr bald nicht mehr zu verkaufen sein." Der Grund seien die hohen Kosten für tatsächlich wirksame Abgasreinigungssysteme, die sich bei Kleinwagen schlicht nicht rechneten. Wenn sich Volkswagen nun vom Diesel verabschiede, sei das nur richtig.