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23. Januar 2016 17:43 Uhr

Verbraucherschutz

Was ist aus der fairen Milch geworden?

Sie sollte einen gerechten Milchpreis garantieren. Dann bekam die faire Milch ein Imageproblem. Und jetzt? Was ist aus der Milch geworden, die die Probleme der Milchbauern lösen sollte?

  1. Der Schriftzug „Die faire Milch“ ist an der schwarz-rot-goldenen Kuh „Faironika“ in Magdeburg zu sehen. Foto: dpa

Sie haben im Stall gestanden, morgens gemolken, abends auch. Es gab Zeiten, als sie mit der Milch gut, ja glänzend verdienten, doch irgendwann zahlten sie drauf. Die Kühe schlachten, Hof und Dorf verlassen? Wollten sie nicht. Sie organisierten sich im Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), streikten, schütteten ihre Milch in den Gully. Auch das half nicht.

Die Maskottchen-Kuh hieß Faironika

Dann dachten sie, irgendwie muss sich doch der Markt umkrempeln lassen. Das war der Anfang der "Fairen Milch". Das Logo: die schwarz-rot-gold gestrichene Kuh names Faironika. So erzählt das Michael Braun, der dabei war. Er hält im Bergischen Land in Nordrhein-Westfalen selbst Kühe und ist im Beirat des BDM.

Faire Milch als Gegenmodell zur etablierten Preispolitik

Die Idee: Der BDM verkauft zusammen mit der Milchvermarktung Süddeutschland MVS die Milch selbst. Die ist ein bisschen teurer, dafür können die Landwirte von ihrer Arbeit leben. 2010 war das. Da kamen erstmals Milchtüten in den Supermarkt, auf die sie "40 Cent je Liter für unsere Milchbauern" drucken ließen. Heute, fünf Jahre später, liegen Vorwürfe, Reibereien und ein Zerwürfnis hinter Braun und seinen Kollegen. Aufgeben wollen sie aber nicht.

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Es gibt jetzt zu viel Milch

Mehr denn je soll die "faire Milch" ein Gegenmodell zur etablierten Preispolitik sein. Denn die EU hat im April 2015 die Milchquote abgeschafft, mit der 30 Jahre lange die Menge gedeckelt wurde. Seither dürfen die Bauern so viel Milch liefern wie sie können. Gleichzeitig brach in China die Nachfrage ein, Russland verhängte wegen der Ukrainekrise Einfuhrverbote. Jetzt ist zu viel Milch da. Die Preise sind verfallen. Ähnlich wie in den 1980er-Jahren mit den Milchseen und Butterbergen, bezahlt die EU Molkereien, damit sie Milchpulver einlagern.

Was ist der Unterschied zwischen fairer Milch und Bio-Milch?

Nur von der teureren Biomilch lasse sich derzeit noch gut leben, aber ein Landwirt könne nicht von heute auf morgen umstellen, Ställe umbauen, die strengen Biovorgaben einhalten, sagt Bauer Michael Braun. Das sei für viele ein zu großer Schritt. Die "faire Milch" sei darum als "Ding zwischen Bio und Billig" gedacht. Bauern, die mitmachen wollen, bekommen keine Extravorgaben zur Tierhaltung, auf Gentechnik oder Sojafutter aus Übersee müssen sie verzichten.

Das hört sich einfach an, war und ist es aber nicht. Anfangs ging die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg gegen die "faire Milch" vor. Sie störte sich an Sätzen auf den Verpackungen wie: "aus Ihrer Region" und "die heimische Produktion spart unnötige Transportwege". Die Faire-Milch-Leute strichen die Aussagen. Denn tatsächlich kann in der Fairen-Milch-Tüte, die in Stuttgart im Regal steht, Milch von einem Hof aus Nordrhein-Westfalen stecken. Sie wird bundesweit nur in einer Molkerei abgefüllt.

Das Gericht entschied, dass Milch als "faire Milch" verkauft werden darf

Dann zog die Wettbewerbszentrale mit Sitz in Bad Homburg vors Gericht. Sie argumentierte, die Bezeichnung "fair" sei wettbewerbswidrig, und stellte damit das gesamte Modell infrage. Das Argument: Nur ein kleiner Teil der von den Bauern gelieferten Milch kann tatsächlich als "faire Milch" verkauft werden. Der Großteil wird ganz konventionell verkauft. Statt 40 Cent wird nur der übliche, niedrigere Preis gezahlt. Das Oberlandesgericht München entschied: Die Bauern dürfen den Namen "faire Milch" behalten.

Der BDM stritt sich mit der Milchvermarktungsgesellschaft

Einfacher wurde es trotzdem nicht. Rewe und Tegut stellten ihren Verkauf ein, die Bauern in Nordrhein-Westfalen sprangen ab. Das Geschäft lief nicht, der BDM stritt sich mit dem Geschäftsführer der Milchvermarktungsgesellschaft MVS. Es habe grundlegende Differenzen und einige Prozesse gegeben, mehr sagt Braun zu diesem Thema nicht. Man trennte sich.

2012 fingen MVS und BDM wieder von vorne an, und zwar jeder für sich. Seither gibt es zwei Marken. Die MVS dachte sich ein neues Label aus: Sternenfair-Milch und gewann Rewe zurück. Heute ist sie in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg bei verschiedenen Händlern zu finden. Hier liefern den Internetangaben zufolge knapp 100 Landwirte Milch.

Faire Milch gibt es mittlerweile in acht Bundesländern

Der BDM behielt die Marke "faire Milch", musste sich aber erst neue Partner suchen. Am Ende waren das die DFM Vermarktungsgesellschaft aus Grefrath und eine Reihe von selbstständigen Kaufleuten bei Edeka. Sechs Monate haben Braun und seine Leute gebraucht, bis sie weitermachen konnten. Die "faire Milch" gibt es in mehreren Bundesländern: Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen, Nordbayern, Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Sachsen und seit November auch in Rheinland-Pfalz.

Michael Braun gibt sich zuversichtlich. Der Absatz steige stark, der Markt "wächst deutlich", sagt er. Das alles passiert allerdings auf ganz kleiner Flamme. Knapp 60 Bauern machten bei der Marke "faire Milch" mit. Jeden Monat kämen welche hinzu, so Braun. Sie wollen nach wie vor den Markt umkrempeln.

Autor: Hanna Gersmann