Neurotechnologie

Freiburger Start-up Cortec arbeitet an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine

Bernd Peters

Von Bernd Peters

So, 21. Oktober 2018 um 09:39 Uhr

Wirtschaft (regional)

Der Sonntag In neuen Büroräumen an der Freiburger Messe arbeitet Cortec an Implantaten, die Gehirnaktivität nicht nur messen, sondern auch beeinflussen können – Einsatzbereiche gibt es jede Menge.

Aus dem Freiburger Neurotechnologie-Start-up Cortec ist ein Unternehmen mit 50 Beschäftigten geworden. Sie arbeiten an der faszinierendsten Schnittstelle, die man sich vorstellen kann: Wo Mensch und Maschine aufeinandertreffen, sind die Forscher von Cortec in Freiburg vorn mit dabei und entwickeln Implantate zur Kommunikation mit Gehirn und Nervensystem des Menschen.

Am Donnerstag wurden die neuen Arbeitsräume des Unternehmens im Hauptquartier der Gesellschaft Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe (FWTM) der Öffentlichkeit vorgestellt. Dort verfügt Cortec als Untermieter nun über rund 1 400 Quadratmeter modernste Büros und Forschungslabore samt Reinraum und "ein Vielfaches" an Fläche im Vergleich zu den Anfangsjahren, wie Marketing- und Verkaufsleiterin Christina Schwartz betont.

Was vor sieben Jahren mit sechs Mitarbeitern und 2,4 Millionen Euro Fördermitteln als Ausgründung des Bernsteins Centers für Neurotechnologie an der Uni Freiburg begann, ist mittlerweile ein stattliches Unternehmen mit rund 50 Beschäftigten geworden. Als besondere Inspiration für die eigene Forschung nennen die beiden Geschäftsführer Martin Schüttler und Jörn Rickert die Cochlea-Implantate, die seit Jahren in Freiburg mit großem Erfolg bei gehörlos geborenen Kindern eingesetzt werden und die diesen einen weitgehend normalen Spracherwerb ermöglichen.

"Mehrere Millionen" haben die Investoren, allen voran der frühere Daimler-Vorstand Klaus Mangold und seine Familie, laut Christina Schwartz seit 2011 in zwei Finanzierungsrunden in das Unternehmen gesteckt. Mit genaueren Zahlen hält Cortec sich bedeckt. Aber: Auch die anstehende dritte Finanzierungsrunde, in der Cortec sein "Closed Loop" Implantat "Brain Interchange" zum Einsatz beim Menschen bringen will, ist gesichert, wie Mangolds Sohn Christoph am Donnerstag betonte.

Mit dem Implantat können Hirnaktivitäten nicht nur gemessen, sondern auf Basis der Ergebnisse auch stimuliert werden. In der Medizin gibt es dafür zahlreiche Anwendungsbereiche: Schmerz-, Epilepsie- und Parkinson-Patienten sollen mit den Implantaten gezielter behandelt werden können, und die Cortec-Produkte und Forschungen zielen darauf ab, schwerstgelähmten Menschen und wieder mehr Mobilität und Kommunikation zu ermöglichen, indem sie es schaffen, Gedanken in Aktivitäten umzusetzen. Diese Formen der Implant-Technologie hätten "mehr Potenzial als die Pharmazie", so die Überzeugung Christoph Mangolds.

Firmen wie Cortec bestätigen für Uni-Vizerektor Gunther Niehaus den Spitzenplatz der Freiburger Forschung: Bundesweit stehe man auf Rang vier bei der Zahl der angemeldeten Patente, landesweit sei man spitze, "noch vor dem KIT in Karlsruhe". Cortec sei in diesem Zusammenhang ein "Vorzeigeunternehmen". Daran habe auch die Uniklinik ihren Anteil, sagt deren scheidender Leitender Ärztliche Direktor Jörg Rüdiger Siewert: Man profitiere davon, dass in Freiburg sämtliche beteiligten Fakultäten die neurotechnologische Forschung im Fokus hätten.

Einer, der vom Weg der Cortec ebenfalls überzeugt ist, ist der führende deutschsprachige Neurowissenschaftler Niels Birbaumer: Er sei überzeugt, dass die Implantate der Freiburger Forscher bald schon helfen werden, dass Schlaganfallpatienten binnen weniger Wochen ihre gelähmten Gliedmaßen wieder bewegen können, so der Wissenschaftler am Donnerstag. Ideale Anwendungsgebiete sieht er aber auch bei medizinischen Arbeitsfeldern wie der Therapie von Ohrgeräuschen (Tinnitus) oder der Herstellung von Kontaktmöglichkeiten zu "eingeschlossenen" ALS-Patienten, die keinerlei Regung mehr zeigen können, geistig aber wach und aktiv sind.