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06. Mai 2011 08:49 Uhr

Sonnenmännchen lacht nicht mehr

Haben Badens Winzer den Strukturwandel verschlafen?

Baden galt in der deutschen Weinszene lange als Vorzeigeregion. Doch die Zeiten haben sich geändert. Viele Winzer können kaum noch von dem Geld leben, das ihnen ihre Winzergenossenschaft für die Trauben bezahlt. Und auch den meisten Weingütern geht es längst nicht mehr so gut. Fest steht: Viele Probleme sind selbst verschuldet.

  1. Für viele badische Winzer lohnt sich die Arbeit im Weinberg kaum noch. Foto: ddp

Badens Winzer verdienen immer weniger. Mit durchschnittlich 15 000 Euro je Arbeitskraft im Jahr liegen sie mittlerweile am Ende der Einkommensskala der landwirtschaftlichen Betriebe. Sogar Milcherzeuger (17 500 Euro) und Schweinemäster (27 000 Euro) hatten Ende 2010 mehr Geld im Portemonnaie. Aufgrund der kleinen Ernte des Jahrgangs 2010 sowie hausgemachter Probleme wird sich die Situation im laufenden Jahr weiter zuspitzen.

Baden galt einst in Deutschland in Sachen Wein als Vorzeigeregion, die Weinbauern verdienten vorzüglich. In den 1970er Jahren finanzierte so mancher Nebenerwerbswinzer sein Haus mit dem, was er von seiner Winzergenossenschaft für seine Trauben bezahlt bekam. Die Vermarktung klappte gut. Die 1952 in Breisach gegründete Zentralkellerei der badischen Winzergenossenschaften (ZBW) belieferte hauptsächlich die großen Kunden außerhalb der Region, die kleineren Genossenschaften und Weingüter konzentrierten sich weitgehend auf den Fachhandel, die Gastronomie und die Endverbraucher.

Auf den Lorbeeren ausgeruht

In den 1980er Jahren gab es die ersten Schwierigkeiten. Zu große Ernten führten zu Absatzproblemen. Marketing war in vielen Betrieben noch ein Fremdwort, der Wein hatte sich ja viele Jahre wie von selbst verkauft. Zu lange hatten sich die Verantwortlichen auf den Leistungen der Vergangenheit ausgeruht, auch die Qualität der badischen Tropfen ließ teilweise zu wünschen übrig. Im Lebensmittelhandel begann eine Konzentration, deren Ausmaß niemand richtig einschätzte.

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In dieser Situation gingen die Werte verloren, die die Genossenschaften einst so stark gemacht hatten: Solidarität und Einigkeit. Das Vertrauen in die Zentralkellerei in Breisach, die heute Badischer Winzerkeller heißt, schwand immer mehr. Kleine Genossenschaften schlossen sich zu neuen Vertriebsallianzen zusammen, die nun auch die Großen der Lebensmittelbranche bedienten. Dazu kamen nationale Weinhändler, die sich darüber freuten, dass sie plötzlich auf der Anbieterseite mehrere Betriebe preislich gegeneinander ausspielen konnten.

In der Führungsetage des Badischen Winzerkellers häuften sich zudem handwerkliche Fehler, aus Vertrauen wurde Misstrauen. Die Globalisierung und Konzentration auf dem Weinsektor nahmen ungeahnte Ausmaße an, die Zahl der großen Kunden wie Aldi, Lidl, Edeka, Metro oder Rewe ist heute an einer Hand abzuzählen. Die Discounter und die großen Lebensmittelketten haben sich zu Nahversorgern entwickelt und verkaufen an die 60 Prozent der badischen Weine, oft zu niedrigen Preisen.

Der Konkurrenzkampf ist groß

Mittlerweile werden bereits rund 60 Prozent aller badischen Weine unter drei Euro je Liter veräußert. Erfolgreiche Innovationen, die zu höheren Preisen führen, sind eher selten. Eine Ausnahme stellt ein Projekt dar, das der Essener Weinhändler Frank Frickenstein zusammen mit dem Oberbergener Winzer und Gastronomen Fritz Keller vor einigen Jahren angestoßen hat. Sie haben eine spezielle badische Weinlinie mit hohen Qualitätsanforderungen für Aldi Süd kreiert. Bis zu 1,5 Millionen Flaschen werden seither jährlich in dem Discounter zu Preisen zwischen 4,99 und 9,99 Euro verkauft.

Der Konkurrenzkampf zwischen den großen badischen Anbietern ist immens, was sich negativ auf die Preise auswirkt. Im Gegensatz zu Württemberg oder Franken haben es die Badener bislang nicht geschafft, den Discount aus einer Hand zu beliefern, obwohl es seit Jahren Gespräche zwischen den größten Produzenten gibt. Sie sind bislang erfolglos geblieben. Eine Einigung scheint in weiter Ferne, auch wenn sie vom baden-württembergischen Genossenschaftsverband und vom Badischen Weinbauverband seit Jahren angemahnt wird.

Die Folge sind sinkende Einkommen bei vielen Winzergenossenschaften und ihren Winzern. Deren Leidensfähigkeit scheint jedoch sehr groß zu sein. 10 000 Euro je Hektar Reben braucht ein Weinbauer, um existieren zu können. Der badische Durchschnitt liegt bei rund 9300 Euro. Europas größte Erzeugerkellerei, der Badische Winzerkeller, kann seinen Winzern derzeit nur 7500 Euro je Hektar bezahlen. Und es gibt durchaus noch Betriebe, die darunter liegen.

Nebenerwerbswinzer geben auf

Jetzt verlieren immer mehr Winzer die Geduld. Im vergangenen Jahr haben die Winzergenossenschaften aus Endingen, Bahlingen und Varnhalt ihre Mitgliedschaft beim Badischen Winzerkeller gekündigt. Sie wollen sich den Genossenschaften anschließen, die besser bezahlen. Doch solche sind nicht einfach zu finden.

Es gibt mittlerweile auch Vollerwerbswinzer, die mit ihrer Fläche alle paar Jahre von einer Genossenschaft zur anderen wechseln. Immer mehr Nebenerwerbswinzer geben auf. Deren Weinberge werden von Kollegen übernommen oder liegen brach. Das Bild der Landschaft verändert sich. Tourismusexperten befürchten, dass deswegen die Zahl der Urlauber zurückgehen könnte. Auch um die gemeinsame badische Weinwerbung steht es nicht gut. Das bekannte Sonnenmännchen lacht nicht mehr, es weint. Mehrere Mitglieder haben gekündigt. Bis zum Sommer soll klar sein, ob es einen Neuanfang oder eine Auflösung gibt.

Lichtblicke gibt es derzeit nur im Bereich der Weinqualität. Hier haben die Badener in den vergangenen Jahren ihre Hausaufgaben weitgehend erledigt. Bei den Weißweinen können sie sich – auch international – sehen lassen und die Rotweine sind deutlich besser geworden. Im Weinberg und im Keller sind die Badener gut. Im Marketing und bei der internen Zusammenarbeit gibt es dagegen nach wie vor große Probleme. Sollte die Ernte in diesem Jahr erneut klein ausfallen, werden noch mehr Betriebe und Winzer wirtschaftlich ums Überleben kämpfen müssen.

Badens Weinmarkt

Ernte: 120 Millionen Liter
Die größten Betriebe:
– Badischer Winzerkeller Breisach: 25 Millionen Liter
– Vertriebsallianz Weinland Baden: 14 Millionen Liter
– Bezirkskellerei Markgräflerland in Efringen-Kirchen: 9,5 Millionen Liter
– Winzerkeller Wiesloch: 5,5 Millionen Liter
Durchschnittseinkommen
je Winzer und Hektar:
9300 Euro
Absatz: 72 Prozent Winzergenossenschaften, 20 Prozent Weingüter, 8 Prozent Kellereien

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Autor: Gerold Zink