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06. November 2009 00:10 Uhr

Ortenau

Herrenknecht im Interview: "Ich muss entscheiden"

Er ist Gründer und Vorstandschef eines der größten Unternehmen in der Region. Martin Herrenknecht hat innerhalb von 30 Jahren eine Firma groß gemacht und das Tunnelbohren revolutioniert – und eckt auch mal an. Ein Interview.

  1. Zehn Meter hoch ist das Gerät und dazu 40 Meter lang – ein gewaltiges Trumm von Maschine. Foto: Herrenknecht

  2. Martin Herrenknecht Foto: herrenknecht AG

Er führt nicht nur erfolgreich ein Unternehmen, sondern meldet sich auch zu politischen Fragen zu Wort. Diplomat ist er keiner – ein Gespräch über das Unternehmen, Politik und die Region.

Herr Herrenknecht, wie bringt man ein Unternehmen in 30 Jahren von 0 auf mehr als eine Milliarde Euro Umsatz?
Herrenknecht: Man muss einen Riecher haben. Und man muss gute Leute einstellen. Qualifiziertes Personal, das ist das Wichtigste. Man muss den Mitarbeitern vertrauen, so dass sie selbstständig arbeiten können. Dann muss man gute Beziehungen zu den Kunden aufbauen. Und man muss Rückschläge akzeptieren. Es geht nicht stromlinienförmig vorwärts.

BZ: Wo hatten Sie den richtigen Riecher?
Herrenknecht: Beim Tunnelbau wird traditionell viel gesprengt. Das ist risikoreich und langwierig. Man muss Sprengladungen anbringen, dann müssen sich die Arbeiter in Sicherheit bringen, es gibt eine Explosion, eine Staubwolke. . . Ich habe die Idee weiterentwickelt, es ohne Sprengen zu versuchen, das Gestein durch Druck zu zerbrechen – und das hat funktioniert. Allerdings haben die Vortriebsmaschinen von damals mit denen von heute nicht mehr viel zu tun. Die haben wir kontinuierlich verbessert, bis sie das können, was sie heute können.

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BZ: Was können die Maschinen?
Herrenknecht: Beim Gotthard-Tunnel, wo unsere Maschinen eingesetzt werden, geht es an Spitzentagen bis zu 50 Meter voran. Sie müssen ja nicht nur in den Berg rein. Sie müssen das Gestein ja auch herausschaffen, Sie müssen den Hohlraum, den die Maschine herausgebrochen hat, sichern und auskleiden, damit Ihnen der Berg nicht auf den Kopf fällt.

BZ: Das ist aber nicht Ihre Aufgabe?
Herrenknecht: Doch. Wir liefern heute nicht nur die Maschinen fürs Bohren, sondern auch die Förderbänder, um das Gestein abzutransportieren. Unsere Anlagen produzieren an Ort und Stelle die Betonringe, mit denen die Tunnelwände ausgekleidet werden. Wir sind auch an einer Vermessungsfirma beteiligt. Es wird oft von zwei Seiten gebohrt und Sie wollen ja nicht, dass die aneinander vorbeibohren.

BZ: Wie baut man gute Beziehungen zu Kunden auf?
Herrenknecht: Sie müssen mit den Leuten reden und ihnen zeigen, was die Maschinen können. Wir bringen Interessenten immer auf unsere Baustellen – die Maschinen sprechen dort für sich.

BZ: Herrenknecht-Tunnelvortriebstechnik war ja nicht immer ein Begriff. Hat Ihnen damals jemand gesagt, geh’ nach China, geh’ nach Russland.
Herrenknecht: Das ist eher auf meinem Mist gewachsen. Ich bin schon vor 20 Jahren in China herumgefahren, als das noch nicht so groß in Mode war. Ich war jetzt gerade wieder dort, zusammen mit dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Ich bin zwar ein Schwarzer, aber im Ausland kämpfen wir gemeinsam für die Deutschland AG.

BZ: Ist die Begleitung durch Politiker wirklich wichtig?
Herrenknecht: Wenn ein hochrangiger Politiker dabei ist, zeigt das den Chinesen, dass wir eine solide Firma sind und dass wir politischen Rückhalt haben. Die Chinesen wissen dann, dass sie mich nicht aufs Kreuz legen können, weil ich politisch gut verdrahtet bin. Das gilt auch in Russland.

BZ: Sie liefern Maschinen zum Bau von Tunneln, die zur Winterolympiade 2014 in Sotschi am Schwarzen Meer errichtet werden. Wie macht man denn Geschäfte mit Herrn Abramowitsch, einem der reichsten Russen, dem auch der englische Fußballclub FC Chelsea gehört, wo Michael Ballack spielt.
Herrenknecht: Alles hat eine Vorgeschichte. Du musst Leute kennen. Noch zu Sowjetzeiten habe ich den Neffen des früheren Staats- und Parteichefs Leonid Breschnew kennengelernt. Der hat mich in Moskau eingeführt. Dann muss man den Leuten zeigen, was wir können.

BZ: Wie kommt man denn im Nahen Osten ins Geschäft?
Herrenknecht: Da muss man viel Geduld mitbringen. Ich bin mal nach Dubai gefahren und habe mit dem Scheich geredet. Der wollte gar keine Maschinen kaufen, das hat den nicht besonders interessiert. Am Ende bin ich mit einem schönen Teppich unter dem Arm wieder heimgeflogen.

BZ: Ohne Auftrag?
Herrenknecht: Ohne Auftrag. Aber nach einem Jahr hat er fünf Maschinen bestellt.

BZ: Im Ausland kommen viele Geschäfte angeblich nur durch Korruption zustande. Schließlich sind viele Auftraggeber staatliche Stellen. Zahlen Sie Schmiergelder?
Herrenknecht: Nein, natürlich nicht.

BZ: Wenn Sie beim Tunnelbohren, dem Horizontalbohren, so erfolgreich sind. Warum werfen Sie sich aufs Tiefbohren, das Vertikalbohren?
Herrenknecht: Erstens fasziniert mich die Geothermie. Erdwärme zu nutzen halte ich für sinnvoll, damit wir unsere Energieversorgung langfristig auf erneuerbare Quellen umstellen können. Geothermie ist auch eine wahnsinnige Herausforderung. Es ist das Härteste überhaupt. Wenn sie nach Öl bohren, kühlt das den Bohrmeißel. Wenn Sie 5000, 6000 Meter tief bohren, um an heiße Gesteinsschichten zu kommen, setzt das dem Bohrmeißel schwer zu. Das sind ganz neue Herausforderungen. Zum anderen müssen wir neue Geschäftsfelder erschließen, wenn die Firma vernünftig weiter wachsen soll.

BZ: Ist das Tunnelbohren kein Wachstumsmarkt?
Herrenknecht: Da werden pro Jahr weltweit rund zwei Milliarden Euro Umsatz gemacht. Eine Milliarde davon entfällt auf uns. Da müssen wir neue Felder suchen.
BZ: Wie schnell soll die Firma denn wachsen?
Herrenknecht: Fünf bis zehn Prozent pro Jahr.

BZ: In den vergangenen Jahren ging es viel schneller.
Herrenknecht: Stimmt. Aber 20 Prozent Umsatzwachstum können Sie nicht durchhalten.

BZ: Und wie sieht es im Krisenjahr 2009 aus?
Herrenknecht: Wir werden ungefähr wieder das Niveau des Vorjahres erreichen.

BZ: Wenn die Bohrtechnik für Geothermie so anspruchsvoll ist, warum starten Sie dann nicht mit Öl- und Gasbohrungen? Es wird doch überall nach neuen Lagerstätten gesucht.
Herrenknecht: Zwei unserer Anlagen werden bereits in Südamerika für die Ölexploration genutzt. Auf dem Markt sind traditionell die US-Firmen stark. Wir müssen schon aufpassen, dass die uns nicht an die Wand drücken mit ihrer Macht.

BZ: Nach Öl und Gas wird seit 150 Jahren gebohrt. Was gibt es da zu verbessern?
Herrenknecht: Jede Menge. Sie müssen ja regelmäßig den Bohrmeißel wechseln. Das wird heute auf sehr unfallträchtige Art mit Seiltechnik gemacht. Da kann man vieles verbessern. Aber zuerst müssen wir unsere Technik erproben – bei Bohrungen für die Geothermie.

BZ: Seit die Bohrungen in Basel ein Erdbeben ausgelöst haben, sind die Perspektiven schlecht.
Herrenknecht: In der öffentlichen Wahrnehmung erscheint es so, aber das ist kurzsichtig. Gerade im Oberrheingraben könnte man Erdwärme gut nutzen. Man muss allerdings die Bevölkerung viel besser informieren, als es getan wurde.

BZ: Bohrungen kosten Millionen und der Erfolg ist mehr als ungewiss. Das finanziert doch niemand.
Herrenknecht: Eine Tiefbohrung kostet ungefähr zehn Millionen Euro. Es entstehen Risikokapital-Gesellschaften, die das finanzieren. Wir müssen durch genaue Erderkundung dahin kommen, dass fünf von zehn Bohrungen erfolgreich sind. Dann kann man das Risiko kalkulieren. Ich bin jedenfalls überzeugt von der Geothermie. Deswegen finanziere ich auch einen Lehrstuhl an der Uni Karlsruhe auf diesem Gebiet.

BZ: Sie arbeiten auch mit der Fachhochschule Offenburg zusammen. Ist das Ihre Methode, Ingenieure ins ländliche Schwanau zu holen?
Herrenknecht: Das machen wir, um unsere Technik voranzubringen. Natürlich entstehen dadurch auch Kontakte. Aber wir haben kein Problem, Stellen zu besetzen.

BZ: Andere Firmen in Südbaden klagen darüber, dass sie mit Städten wie München nicht konkurrieren können.
Herrenknecht: Die Lebensqualität hier ist hoch, die Technik faszinierend – das bindet.

BZ: Sie sind ein erfolgreicher Unternehmen, sind aber mit dem Einstieg in die Politik gescheitert. Warum?
Herrenknecht: Vordergründig einfach deswegen, weil es mir nicht gelungen ist, eine Mehrheit gegen den CDU-Bundestagsabgeordneten Peter Weiß zusammenzubringen.

BZ: Wie unterscheiden sich denn die Geschäftswelt und die Welt der Politik?
Herrenknecht: Als Unternehmer muss ich für etwas stehen, ich muss entscheiden. Politiker sind mitunter aalglatt. Sie müssen immer wittern, wohin der Trend läuft, um mitschwimmen zu können. Nur die Spitzenleute haben eine Position.

BZ: Sie haben sich kürzlich bei der insolventen Firma Albea in Seelbach beteiligt. Die hat mit Bohren rein gar nichts zu tun. Warum haben Sie das gemacht?
Herrenknecht: Die Folientechnik von Albea fasziniert mich, das ist eine tolle Sache. Und ich finde, die Mitarbeiter sollten ihren Arbeitsplatz behalten. Bei uns in der Firma arbeiten viele aus dem Schuttertal. Das sind tolle Leute, die hauen richtig rein. Die will ich nicht im Stich lassen.

BZ: Ist das auch der Grund, warum sie am Flugplatz Lahr investieren?
Herrenknecht: Natürlich. Ich will die Region stärken, ich will hier Jobs erhalten und neue hinbringen. Ich habe natürlich auch eigene Interessen. So einen tollen Flugplatz wie Lahr kriegen Sie nie wieder, wenn er weg ist. Ich liebe die Region, aber wir leben in Zeiten der Globalisierung. Ich muss schnell in die ganze Welt fliegen können. Dafür brauche ich einen Flugplatz in der Nähe.

Autor: Jörg Buteweg