Wie weiblich ist die Digitalisierung?

Das Gespräch führte René Zipperlen

Von Das Gespräch führte René Zipperlen

So, 21. Oktober 2018

Wirtschaft (regional)

Der Sonntag Frauenwirtschaftstag in Schopfheim: Simone Burel nennt sich Linguistische Unternehmensberaterin.

Simone Burel ist Hochschuldozentin, betreibt eine Linguistische Unternehmensberatung sowie eine Coachingpraxis namens Dr. fem Fatale. Beim Frauenwirtschaftstag spricht sie über Geschlechterrollen in Betrieb und Sprache.

Der Sonntag: Frau Burel, in einem lockeren Science-Slam-Vortrag sagen Sie: "Frauen und Sprache – das hat ein absolutes Scheißimage." Warum ist das Thema dennoch immer noch so aktuell?

(Lacht) Ich wollte humoristisch auf das Stereotyp hinweisen, dass Frauen viel reden, ohne etwas zu sagen, und Männer schneller zum Punkt kommen. Das stimmt aber nicht. Die Gender-Linguistik kann nicht belegen, dass Frauen wirklich mehr sprechen.

Der Sonntag: Sprache prägt die Gesellschaft und umgekehrt, Machtverhältnisse manifestieren sich in ihr. Das wird seit 40 Jahren diskutiert. Ist die Sprache der Macht auch heute noch so männlich?

Wenn wir die Zahlen aus deutschen Führungsetagen anschauen, hat sich nicht viel getan. In Aufsichtsräten haben wir 30 Prozent Frauenanteil, in Vorständen viel weniger. Das könnte auch damit zu tun haben, dass Frauen in der Sprache anders repräsentiert werden. Das beginnt bei Klischees und Stereotypen, das größere Problem sind aber generische Sprechweisen wie zum Beispiel "man", bei dem wir immer an Männer denken. Und bei Berufsbezeichnungen wie "Lehrer" oder "Arzt" ist über Tests nachgewiesen, dass wir dabei an Männer denken. Auch wenn Gendering in der Sprache mühselig ist, ist es dennoch wichtig, von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sprechen oder Neutralisierungen zu nutzen wie "Mitarbeitende".

Der Sonntag: Nun verlaufen gesellschaftliche Debatten immer in Wellen. Bekommt die Debatte um geschlechtergerechte Sprache gerade neuen Aufwind?

Durchaus. Dass konservative Kräfte wie die AfD das vehement ablehnen, ist typisch für solche Veränderungen. Andererseits hat die Forschung zum Beispiel gezeigt, dass das in den 80ern entwickelte Binnen-I in "MitarbeiterInnen" weiblich konnotiert wird. Das wollen wir auch nicht. Deswegen wird heute der Gender-Star – "Mitarbeiter*innen" – empfohlen. Auch damit sich alle Menschen in der Anrede wiederfinden können.

Der Sonntag: Sie sagen, der Gender-Shift sei in mittelständischen Unternehmen kaum angekommen. Woran machen Sie das fest?

Zuerst einmal am Frauenanteil in Führungspositionen. Dann werten wir mit computergestützten Methoden aus, wie Website und Stellenanzeigen sprachlich gestaltet sind. Auch schauen wir nach dem Bilderverhältnis: Typischerweise sind viel weniger Frauen als Männer abgebildet. Und weibliche Sprache ist kaum vorhanden. Bestimmte Adjektive schrecken Frauen eher ab und ziehen Männer eher an.

Der Sonntag: Welche zum Beispiel?

Begriffe wie analytisch, eigenständig, durchsetzungsstark, individualistisch. Das ist perfide, weil es natürlich das klassisch maskuline Stereotyp bedient. Unternehmen sollten lernen, hier sensibler zu sein. Dazu kommen die utopischen Ansprüche an Bewerber. Frauen bewerben sich oft erst, wenn sie glauben, 70 Prozent erfüllen zu können, Männer schon bei 30 Prozent.

Der Sonntag: Was lehren Sie zu diesem Problem in den Seminaren Ihrer "Praxis Dr. fem Fatale"?

Dass Frauen empowert werden müssen, sich trotzdem zu bewerben. Es ist ja auch erwiesen, dass Frauen ganz anders über Erfolg sprechen als Männer. Frauen reden öfter über ihre Fehler, sich positiv zu evaluieren fällt ihnen schwerer.

Der Sonntag: Männern oder auch Frauen gegenüber?

Beiden. Grundsätzlich sprechen aber Frauen in gemischten Gruppen weniger als die Männer. Und sie übernehmen den "interactional shitwork", sie binden andere ein, senden Bestätigungs- und Zuhörsignale, bestärken. Es sind dagegen signifikant häufiger Männer, die neue Themen einführen oder unterbrechen. Sie haben auch eine sehr stark rangmarkierende Sprache, Frauen viel weniger. Sie kommunizieren weniger statusbezogen und ziehen sich dann in Gruppen eher zurück.

Der Sonntag: Wer Erfolg haben will, müsse männlicher werden, heißt es oft. Also arroganter, niederträchtiger, machtgeiler. Keine schöne Welt.

Diesen Ansatz gab es vor allem in den 90ern und 2000ern mit Büchern wie dem "Arroganzprinzip" oder "Chefin auf dem Weg nach oben".

Der Sonntag: Das ist doch dann ein Gleichgewicht des Schreckens und keine gute Kommunikation, oder?

Das hält das System aufrecht, das stimmt. Und das kann nicht das Ziel sein. Es ist dagegen wichtig, dass sich Männer wie Frauen mit ihrer eigenen Sprache auseinandersetzen und daran arbeiten, welche Signale sie dadurch aussenden. Und sich bewusst dafür entscheiden, wie sie sich äußern und aus einer Sprachbefangenheit herauszukommen.

Der Sonntag: Sie liefern "sprachliche Werkzeuge für den überzeugenden Auftritt" – wo zeigt sich da Ihr spezieller linguistischer Ansatz?

Ich setze nicht auf Nachahmung der Mächtigen. Sondern auf das individuelle Sprachprofil der Teilnehmerinnen. Wir schauen dann, was man verstärken oder verbessern kann, um sich besser zu positionieren.

Der Sonntag: Sind im Zeitalter der Achtsamkeit weibliche Kommunikationsformen stärker gefragt?

Teils, teils. Branchen wie Finanz- oder Energiewirtschaft sind männlich dominiert. Wir sehen aber, dass sich das ändert. Die Digitalisierung spielt hier eine große Rolle. Es wird wichtiger, empathisch und ermutigend zu kommunizieren. Da bringen Frauen aus ihrer sprachlichen Sozialisierung mehr mit.

Der Sonntag: Zum Schluss: drei Dinge, die eine Frau im Vorstellungsgespräch unbedingt vermeiden sollte?

Erstens: Konjunktive, weil sie Unentschlossenheit ausdrücken. Füllwörter wie "eigentlich" und "vielleicht" zeigen Unsicherheit an. Bei konkreten Gehaltsfragen nie "circa" oder "um die" sagen, sondern krumme Zahlen nennen, dann wird man nicht so weit heruntergehandelt. Das empfiehlt sich auch für Männer.

Das Gespräch führte René Zipperlen
Frauenwirtschaftstag "Arbeitswelt 4.0 – Neue Chancen für die Geschlechter". Donnerstag, 25. Oktober, 17 Uhr, im IHK-Bildungszentrum Schopfheim