Wohl dem, der einen Niemand hat

Christiane Franz

Von Christiane Franz

Fr, 24. August 2018

Endingen

MUSEUMSGESCHICHTEN (4): Im Üsenberger Hof in Endingen schläft ein Sündenbock.

NÖRDLICHER BREISGAU/NÖRDLICHER KAISERSTUHL. Ob zur Fasnet, zur Käserei oder zur Heimatgeschichte – in der Region gibt es Museen, die es zu entdecken lohnt. In einer Serie stellt die Badische Zeitung die Museen vor und erzählt die Geschichte besonderer Ausstellungsstücke.

Die Augen geschlossen, den Kopf auf einem prall gefüllten Sack ruhend: So lässt es sich offenbar auch als Sündenbock gut aushalten. Das zumindest legt die Wandmalerei im Aufgang zum Vorderösterreich-Museum im Üsenberger Hof nahe. Alte Wandmalereien in Privathäusern wie hier sind in Südbaden nur noch wenige erhalten.

Um 1500, erzählt Ingrid Albietz von dem im Gebäude ansässigen Kaiserstühler Verkehrsbüro, wusste jeder, wer dieser Niemand war. Er war derjenige, der verantwortlich gemacht wurde, was schief lief. Etwa, wenn etwas zerbrochen war oder eine Arbeit nicht getan wurde. Das Spruchband über dem Schlafenden benennt seine Bedeutung: "Der arme Niemand bin ich, was jedermann tut, dessen zeiht man mich." Auch heute ist solches Verhalten noch durchaus bekannt – wohl dem, der einen Niemand als Sündenbock hat.

Was den Endinger Niemand jedoch im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Abbildungen auszeichnet, ist, dass er erstens jugendlich, in edlem Gewand sowie von vornehmer Herkunft und zweitens schlafend dargestellt ist – und nicht in verwahrloster Kleidung über zerbrochenen Hausrat laufend, wie etwa auf einem aus der gleichen Zeit überlieferten Flugblatt des Straßburgers Jörg Schan.

Naheliegend, dass sich mit der Wandmalerei im Üsenberger Hof der Bauherr Jörg Landeck einen Scherz erlaubte, den die Zeitgenossen um 1500 sehr wohl verstanden: der Niemand ist in diesem Haus außer Dienst. Ob der Bauherr damit auch sich selbst in dieser Rolle sah, kann nur vermutet werden.

Das Vorderösterreich-Museum ist im Üsenberger Hof untergebracht. Es gibt Mittelalterliches bis Neuzeitliches zu entdecken, Besucher erfahren viel über die Stadtgeschichte. Im Museum verbindet sich die mittelalterliche Architektur mit den historischen Belegen aus der Zeit, als Teile der Region zu Vorderösterreich gehörten. Beispielsweise gilt der wahrscheinlich in der Limburg zu Sasbach geborene Rudolf von Habsburg als Begründer der Dynastie der Habsburger, die in der Geschichte Mitteleuropas eine wesentliche Rolle spielten.

Die Dokumente und Ausstellungsstücke aus der Zeit der Habsburger sowie die Geschichte der Renovierung des Üsenberger Hofs lassen den Rundgang für historisch Interessierte zu einen Erlebnis werden. Für Kinder ist das Museum wenig geeignet.

Info: Vorderösterreich-Museum. Montag bis Freitag 9 bis 12.30 und 14.30 bis 18 Uhr, Samstag von 10 bis 13 Uhr. Eintritt frei, Anmeldung im Kaiserstühler Verkehrsbüro.