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24. Juli 2017

Nach dem Super-Gau

Womöglich geschmolzener Kernbrennstoff in Fukushima entdeckt

Mittels Roboter-Bildern wurde möglicherweise geschmolzener Brennstoff in Fukushima entdeckt.

  1. Experten vermuten, dass dieses Geröll auf dem Boden des Reaktors in Fukushima geschmolzener Kernbrennstoff ist. Foto: dpa

Tokio.   Mehr als sechs Jahre nach dem Super-Gau im japanischen Fukushima hat ein Unterwasserroboter dort möglicherweise geschmolzenen Kernbrennstoff gefunden. Darauf deuteten Bilder hin, die der Roboter vom Boden des gefluteten Reaktors 3 übermittelte. Wissenschaftler erhoffen sich Erkenntnisse darüber, wie man die hochgefährlichen Katastrophenrückstände halbwegs sicher bergen könnte.

Eine Kruste aus erstarrten Steinen wie Lava nach einem Vulkanausbruch bedeckt den Boden des mit Kühlwasser gefluteten Reaktors 3. Nach fünf Tagen Suche könnten die Bilder zeigen, wohin bei der Kernschmelze im März 2011 der verflüssigte Brennstoff abgeflossen ist und vermutlich heute noch vor sich hin strahlt. Es sind die ersten Bilder aus dieser atomaren Unterwelt, die den Experten detaillierten Einblick in die bisher undurchdringlichen Behälter liefern. Nach Ansicht von Tadashi Narabayashi seien die gefundenen Substanzen "klar zu identifizieren". Der Professor für nukleare Ingenieurtechnik an der Hokkaido Universität ist sicher: "Das sind geschmolzene Brennstoffüberreste, die auch mit den in Tschernobyl gefundenen übereinstimmen."

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Der Betreiberkonzern Tepco hatte den 30 Zentimeter langen und 13 Zentimeter breiten Roboter vergangene Woche in den völlig zerstörten und für Menschen nicht zugänglichen Reaktor geschickt, um vielleicht das Geheimnis zu lüften, wo sich der radioaktive Brennstoff befinden könnte. Auch mehr als sechs Jahre nach der Jahrhundertkatastrophe an der japanischen Nordostküste, bei der ein Megabeben mit nachfolgendem Tsunami das riesige Kernkraftwerk Fukushima Daiichi am Pazifik schwer verwüstete, kann noch niemand genau sagen, wohin sich die geschmolzene Kernmasse verflüchtigt hat.     Das Experiment war riskant. Tepco hatte bereits im Februar und März versucht, Erkundungsroboter in die Tiefen der Reaktorblöcke 1 und 2 zu schicken. Damals scheiterte die Suche nach den nuklearen Abfällen an dem riesigen Trümmerberg und der radioaktiven Verstrahlung. Im Reaktor 3 erwies sich damals mehr als sechs Meter tiefes, hochverstrahltes Wasser als unüberwindliches Hindernis.    Jetzt könnte sich die Hypothese bestätigen lassen, dass sich der Brennstoff als Geröll auf dem Boden des Reaktors abgesetzt hat. Aber für endgültige Rückschlüsse ist es noch zu früh.

Die Bilder müssten nun aufwendig analysiert werden, dämpfte Tepco-Sprecher Takahiro Kimoto die Erwartungen der Öffentlichkeit. Alle wollen wissen, ob von den geschmolzenen Kernelementen noch immer eine lebensbedrohliche Gefahr ausgeht. Bisher lässt sich lediglich vermuten, dass der nukleare Brennstoff mit den Trümmern der Ruine verschmolzen ist. Besonders wichtig sind den Experten vor Ort verlässliche Kenntnisse über die Lokalisierung der atomaren Überreste. Daraus ließe sich möglicherweise ableiten, wie die Atomruine möglichst sicher und endgültig zu entsorgen wäre. Eine solche Strategie könnte helfen, die hochgefährlichen Katastrophenrückstände halbwegs sicher zu bergen.

Professor Narabayashi sagt, die Entdeckung sei "ein epochales Ereignis" und gebe "Aufschlüsse, wie Roboter zu entwickeln sind, die solche Rückstände beseitigen können." Das ist allerdings eine äußerst langwierige und kostspielige Aufgabe. Schätzungen gehen von 30 bis 40 Jahren aus, die für die Aufräumungsarbeiten nötig wären. Die dafür zu veranschlagenden Kosten könnten bei umgerechnet 700 Millionen Euro pro Jahr liegen. Eine Prognose der japanischen Regierung geht jedoch von jährlich mehr als einer Milliarde Euro aus. Diese Aufgabe kann der de facto insolvente Energieriese Tepco allein kaum schultern. Bisher gibt es aber noch keine große Bereitschaft des japanischen Staates, das riesige Areal an der Pazifikküste mit Steuermitteln zu sanieren.    Zuletzt hatte der Tepco-Konzern mit dem aberwitzigen Plan, radioaktiv belastetes Kühlwasser aus Sammeltanks ins Meer abfließen zu lassen, für einen Sturm der Entrüstung gesorgt. Der Anteil der Tritium-Belastung sei in kleinen Mengen so gering, dass kein Risiko bestände. Das werde bei anderen AKW und auch in Deutschland ähnlich gehandhabt, hieß es. Unter der Bevölkerung breitete sich daraufhin Panik aus. Hatte doch die Lokalregierung wegen der Förderung des Tourismus gerade erst Pazifikstrände in der Nähe zum Sommerbaden frei gegeben.

Autor: Angela Köhler