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13. August 2016

Wirtschaftsgeschichte

Zell - Wiege der Druckluft- und Vakuumtechnik

Karl Wittig, Erfinder des Rotations-Kompressors, fing einst im Löwenhof an / Auch Bartlin Schmidt war ein Pionier / Enkel Karl Busch in Karl Wittigs Fußstapfen.

  1. 50-jähriges Firmenjubiläum der Maschinenfabrik Karl Wittig 1935 im Zeller Löwenhof: Vorne in der Mitte als kleiner Junge: Karl Busch. Foto: Uli Merkle

  2. „Roots-Gebläse“ der Maschinenfabrik Bartlin Schmidt, das vermutlich in den 1870er Jahren in Zell gebaut wurde, vor dessen Restaurierung. Foto: Uli Merkle

  3. Werbeanzeige der Maschinenfabrik Karl Wittig aus dem Jahr 1934 Foto: Uli Merkle

ZELL. Dass Zell mit seinen Spinnereien und Webereien im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Arbeiterstädtchen war, ist allgemein bekannt. Die Anfänge der Textilindustrie gehen bis ins 18. Jahrhundert zurück, als die ersten Webstühle für Heimarbeiter aufgestellt wurden. Später kamen große Textilunternehmen ins Wiesental, denn hier gab es zwei wichtige Voraussetzungen: Wasserkraft und genügend Arbeitskräfte. Mit bisweilen um die 3000 Arbeitsplätzen bot die Textilindustrie den Zellern und vielen Pendlern ein geregeltes Einkommen. Dass Zell aber auch eine Wiege der Druckluft- und Vakuumtechnik ist, wird mit diesem Beitrag in Erinnerung gerufen.

Im Schatten der Textilindustrie vollzog sich in Zell fast unbemerkt eine Spezialisierung des Maschinenbaus im Bereich des Kompressoren- und Gebläsebaus, der bis zum heutigen Tag weltweite Auswirkungen auf die Druckluft- und Vakuumtechnik hat.

Die Anfänge
Der aus dem sächsischen Marienberg stammende Maschinenbauer Karl Wittig kam 1879 nach Zell, wo er ab 1883 als Maschinenmeister in der Seidenweberei Zimmerlin-Forcart tätig war. Bereits im Jahr 1885 machte sich Karl Wittig in der ehemaligen Faller’schen Weberei im Löwenhof selbstständig, wo er Spezialmaschinen für die Textilindustrie entwickelte und fertigte.

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Um die Wende zum 20. Jahrhundert gab es in Europa und der "neuen Welt" überall Bemühungen, eine Rotationsdampfmaschine zu konstruieren, die als Antrieb für andere Maschinen dienen sollte. Diese Idee konnte technisch nie wirtschaftlich sinnvoll umgesetzt werden. Das Grundprinzip dieser Maschine nutzte Karl Wittig aber als Einziger für den Bau eines sogenannten Rotationskompressors.

Angetrieben von einem Verbrennungs- oder Elektromotor, konnte mit ihm Luft komprimiert und somit Druckluft erzeugt werden. Diese bahnbrechende Erfindung ließ er sich 1910 patentieren und startete damit eine äußerst erfolgreiche Karriere als Kompressorenbauer. Der Platz in den Hintergebäuden des Löwenhofes wurde schnell zu eng, sodass die Montage größerer Kompressoren im Freien erfolgen musste.

1935 feierte die Maschinenfabrik Wittig ihr 50-jähriges Firmenjubiläum im Löwenhof, bevor die Firma noch im gleichen Jahr aus Platzgründen nach Schopfheim zog. Karl Wittig starb 1938 in Zell, wo er noch zu Lebzeiten zum Ehrenbürger ernannt wurde.

Mit der Maschinenfabrik Bartlin Schmidt beschäftigte sich ein weiteres Zeller Unternehmen mit der Drucklufttechnik.

Die Firma wurde um 1850 gegründet und stellte unter anderem Dampfmaschinen, Turbinen und Transmissionsanlagen her. Firmensitz war auf dem Gelände der Firma Johann Quenzer gegenüber der "Alten Straße" auf dem Areal, das man heute noch "Quenzi" nennt. Bartlin Schmidt baute auch sogenannte "Roots-Gebläse" zur Drucklufterzeugung. Dieser Gebläsetyp wurde 1860 von den Gebrüdern Roots in den USA zum Patent angemeldet. Ob in Zell diese Gebläse schon zuvor oder erst im Nachhinein gebaut wurden, lässt sich nicht mehr ermitteln. Tatsache ist, dass "Roots-Gebläse" bereits ab 1860 bei Bartlin Schmidt produziert wurden.

Einen eindeutigen Beweis zeigt die "Alte Schmiede" in Mambach. Dort ist ein Gebläse zu bestaunen, das um die 1870er Jahre bei Schmidt gebaut wurde. Der Antrieb erfolgte durch ein Wasserrad im Angenbach über eine Transmission. Das Gebläse versorgte die Esse der Mambacher Schmiede mit Blasluft, um in der Steinkohlenglut eine höhere Temperatur zu erzielen.

Die Entwicklung
Die Maschinenfabrik Bartlin Schmidt wurde mehrfach vergrößert und hatte um 1870 bis zu 80 Beschäftigte. Im Jahr 1902 musste sie Konkurs anmelden. Das Gelände wurde überbaut, so dass von der ehemaligen Maschinenfabrik nichts mehr zu sehen ist. Nur das Gebläse in der "Alten Schmiede" in Mambach erinnert noch an sie.

Die Maschinenfabrik Wittig entwickelte sich nach dem Tod des Gründers Karl Wittig weiter und erweiterte ihr Produktprogramm an Rotationskompressoren. 1956 wurde die Firma an die Mannesmann-Meer AG veräußert. Der Firmenname Wittig blieb allerdings bestehen. Nach mehreren weiteren Verkäufen gehört die ehemalige Produktionsstätte heute zum amerikanischen Gardner-Denver-Konzern, der unter dem Markenname "Wittig" in England nach dem gleichen technischen Prinzip Kompressoren und Vakuumpumpen baut.

Die Familientradition von Karl Wittig wird im Wiesental allerdings weiter erfolgreich fortgeführt. 1963 machte sich Dr. Karl Busch mit seiner Frau Ayhan in Schopfheim direkt neben der damaligen Maschinenfabrik Wittig selbstständig. Karl Busch ist ein Enkel von Karl Wittig, der in Zell aufwuchs und bereits als Kind täglichen Umgang mit der Kompressoren-Produktion im Löwenhof hatte. Nach seinem Maschinenbaustudium und der Promotion leitete er die Konstruktionsabteilung in der Firma seines Großvaters, die er 1963 verließ. Er machte sich selbstständig. Er spezialisierte sich mit seiner eigenen Firma hauptsächlich auf die Vakuumtechnik, bezog sich aber technisch auf das Prinzip des Rotationskompressors. Karl Busch konstruierte die erste Vakuumpumpe, die dazu geeignet war, Lebensmittel unter Vakuum zu verpacken. Diese Vakuumpumpe mit dem Namen "Huckepack" revolutionierte damals die Lebensmittelverpackung.

Die Gegenwart
Busch ist heute einer der größten Hersteller von Vakuumpumpen und Vakuumanlagen weltweit mit einem Marktanteil bei der Vakuumverpackung von 85 Prozent. Inzwischen sind viele andere Anwendungen in anderen Branchen dazu gekommen und die Produktpalette hat sich stark erweitert. In 42 Ländern sind 3000 Menschen in 60 eigenen Busch-Firmen beschäftigt, 600 Mitarbeiter arbeiten im Hauptwerk in Maulburg.

Trotz ständiger technischer Weiterentwicklung ist eines aber gleich geblieben: Das von Karl Wittig patentierte Rotationsprinzip von 1910, das inzwischen millionenfach in der ganzen Welt zum Einsatz kommt.Geblieben ist auch der Bezug der Familie Busch zu Zell: Im Sonnenweg befindet sich das Gästehaus der Firma und an Fasnacht lässt man es sich, trotz vieler terminlicher Verpflichtungen, nicht nehmen, den Fasnachtsumzug in Zell anzuschauen. Das "Zeller Fasnachtshus" und das bevorstehende Jubiläum "390 Jahre Zeller Fasnacht" werden von Busch finanziell unterstützt. Der Kreis zu den Anfängen der Druckluft- und Vakuumtechnik in Zell schließt sich, da Busch das um die 150 Jahre alte Gebläse der Firma Bartlin Schmidt für die "Alte Schmiede" in Mambach fachmännisch restauriert hat.

Autor: Uli Merkle