Zwischen 1968 und 2068

Georg Voss

Von Georg Voss

Fr, 13. April 2018

Kreis Emmendingen

Die SPD-Landesvorsitzende Leni Breymaier beim Frühjahresempfang des SPD-Kreisverbandes: Ehrung für 50-jährige Mitgliedschaft.

TENINGEN. Zum Frühjahrsempfang des SPD-Kreisverbands im evangelischen Gemeindehaus war die SPD-Landesvorsitzende Leni Breymaier nach Teningen gekommen. Heide Thoma, Hermann Jäger und Peter Dreßen wurden an diesem Abend für 50 Jahre Parteimitgliedschaft geehrt.

"Ich freue mich, hier sein zu können", sagte Leni Breymaier. Sie habe aber eine Wette verloren, dass die Große Koalition nicht zu Stande käme. Die Ehrungen der Parteimitglieder nahm Breymaier zum Anlass, Rückschau auf 1968 zu halten und zählte unter anderem die Mondlandung, die Studentenbewegung und die Attentate auf Martin Luther King und Robert Kennedy auf. Sie verwies aber auch darauf, dass die NPD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg von 1968 knapp zehn Prozent, die SPD rund 29 Prozent der Stimmen erhielten. An Computer oder Handy habe niemand gedacht. Homosexuelle Handlungen seien strafbar gewesen.

Damit schlug Breymaier einen Bogen in das Jahr 2068. Heute eingetretene SPD-Mitglieder könnten dereinst beim Rückblick sagen: "Es war ein schwerer Weg zur Regierungsbildung." Zunächst habe es eine Mehrheit für die Jamaika-Koalition gegeben, fuhr Breymaier fort. "Wir gehen in die Opposition und das hat sich richtig angefühlt." Nun gelte es, den Koalitionsvertrag mit CDU und CSU abzuarbeiten. "Wie soll die Welt 2068 aussehen? Was wollen wir für eine Welt haben?" Sie fragte, ob es dann noch Erwerbsarbeit gebe, bei der Entgelt auf Zeit gezahlt wird. Nach wie vor müssten die großen Lebensrisiken abgesichert werden. Breymaier brachte dazu die Erwerbstätigenversicherung ins Spiel, in die alle einzahlen, zumal die "Babyboomer" spätestens seit 2035 in Rente seien. Darüber hinaus stellte Breymaier die Fragen, ob wir wollten, dass es die EU auch in 50 Jahren noch gebe, wie die Umwelt dann aussehe und ob Frieden herrsche. "Kann ich noch ein Glas Wasser trinken, gehört es schon Nestlé?" Zugleich wies sie auf die Zunahme des Rechtspopulismus hin: in Deutschland, aber auch Ungarn, Österreich oder in den Niederlanden. Am Ende bliebe der Wachstumsbegriff: "Das endlose Wachstum macht uns kaputt."

Als Parteilinke ging Breymaier auch auf die Hartz-IV-Debatte ein. "Das größte Elend daran sind die Sanktionen." Und ihr Leidenschaftsthema bleibt die Prostitution. Es rege sie auf, sagt sie und erinnert an die Liberalisierung der Gesetze, die unglücklicherweise mit der EU-Osterweiterung zusammengefallen sei. "Deutschland ist das Bordell Europas." Auf Nachfrage warb Breymaier für das schwedische Modell, das eine Bestrafung der Freier vorsehe.

Peter Dreßen erinnerte in der anschließenden Gesprächsrunde an die "heiße Zeit" in Freiburg, als die Leute 1968 bei der Ankündigung der Erhöhung der Straßenbahnfahrpreise um zehn Pfennig auf die Straße gingen. "Ich wünsche, dass die heutigen Jugendlichen mehr Pfeffer hätten." Der SPD-Kreisverband konnte nach Angaben von Johannes Fechner 30 neue Mitglieder hinzugewinnen. Nach dem Mitgliederentscheid sei "kein Graben geblieben".

Ehrung: Heide Thoma vom SPD-Ortsverein Endingen, der ehemalige Teninger Bürgermeister Hermann Jäger sowie der ehemalige Bundestagsabgeordnete Peter Dreßen wurden für ihre 50-jährige Mitgliedschaft ausgezeichnet.