15-jährige Inderin: ein Leben mit HIV

Maria Hörl

Von Maria Hörl

Fr, 17. September 2010

Gundelfingen

Schwester Sarika vom Orden der "Helpers of Mary" kümmert sich im Kinderheim in Naya Jeevan um das Waisenmädchen Sarika.

GUNDELFINGEN/NAYA JEEVAN. Vidya geht heimlich in die Schule, beziehungsweise sie verschweigt etwas: Vidya ist 15 Jahre alt und HIV-positiv. Das dürfen ihre Mitschüler nicht wissen, weil sie es den Lehrern erzählen würden. Und dann dürfte sie die Schule nicht mehr besuchen. Damit wäre ihr die Möglichkeit auf gute Bildung genommen. Vidya hat nicht mehr lange zu leben. Sie wird vielleicht 25 Jahre alt werden, vielleicht auch 30, sagt Schwester Sarika vom Orden der "Helpers of Mary" im Kinderheim in Naya Jeevan.

Schwester Sarika betreut die HIV-positiven Kinder, die auch maßgeblich von "Wasser ist Leben", der Gundelfinger Initiative unterstützt werden. Dass Vidyas Lebenserwartung so niedrig ist, hat Schwester Sarika ihr nicht gesagt. Schwester Sarika gehört zu einem Orden, der sich zum Ziel gesetzt hat, den Ärmsten der Armen zu helfen und denen, zu denen sich keiner traut. Die 300 Schwestern des indischen Ordens kümmern sich um Waisenkinder, Kinder leprakranker Eltern, ermöglichen Slumkindern einen Schulbesuch, betreuen alte Menschen und HIV-positive Kinder wie Vidya. In Naya Jeevan werden momentan 47 HIV-positive Kinder versorgt.

Seit zwei Jahren ist das Mädchen nun im Kinderdorf, das rund achtzig Kilometer von Mumbai entfernt liegt. Die Mutter starb am 21. Januar 2003 und der Vater am 5. Oktober des gleichen Jahres an Aids. Fünf Jahre später brachten ihre Tante und Onkel sie zu den "Helpers of Mary". Das war am 19. Juni. Die Daten weiß sie auswendig.

Schon bei ihrer Geburt wurde Vidya HIV-positiv diagnostiziert. Ihre jüngere Schwester wird auch von den Ordensschwestern versorgt, allerdings ist sie nicht HIV-positiv. Ihr ursprünglicher Traum war es, Ärztin zu werden, damit sie den anderen infizierten Kindern helfen kann. Inzwischen möchte sie Lehrerin zu werden. Auf die Frage, wie ihre weitere Ausbildung zur Lehrerin aussehen soll, sagt die betreuende Schwester, die die Fragen hin und wieder vom Englischen ins Indische übersetzt: "Jaja, aber es ist doch nur ihr Traum". Ein bisschen unterrichtet sie die jüngeren Kinder schon: Marathi (indische Sprache), Mathematik und Geschichte. Und sie liebt das Tanzen.

Der Tagesablauf ist geregelt: Um 5.30 Uhr steht sie auf und frühstückt. Das tut sie alleine, weil alle anderen Kinder nicht in die normale Schule gehen. Um 6.30 Uhr läuft sie zur Schule und bleibt dort bis 12.30 Uhr. Anschließend nimmt sie ihr Mittagessen gemeinsam mit den nicht HIV-positiven Kindern ein. Dann schläft sie meistens eine Stunde, denn aufgrund der Infektion ist ihr Immunsystem schwach. Und sie bekommt leicht Krankheiten. Erkältungen, Husten, Fieber, Tuberkulose oder sie leidet unter Gewichtsverlust. Mittags wäscht sie ihre Klamotten per Hand. Um 16 Uhr gibt es Extra-Unterricht bei den Schwestern, von fünf bis sechs Uhr lernt sie. Von sechs bis sieben ist Gebetszeit, dann gibt es Abendessen für alle. Von acht bis neun ist Zeit zum Lernen und um 21.30 Uhr geht sie schlafen.

Ihre Medizin nimmt sie zwei Mal am Tag: Anti-Retro-Virus-Therapie, ART. Das wird von der Regierung finanziert. Es gäbe bessere Medikamente, die ihre Lebensdauer erhöhen würden, doch die sind zu teuer. Alle sechs Monate gibt es eine Blutuntersuchung, wo CD4, positive Zellen, die vom HI-Virus angegriffen werden, gezählt werden. Dadurch ist das Ausmaß der Immunschwäche besser abzuschätzen.

Wenn ein HIV-Kind eine Operation braucht, werde dies heimlich gemacht. Befreundete Ärzte operierten die Kinder. Nur die Krankenhausleitung und die anderen Patienten dürften nicht erfahren, dass auch HIV-positive Menschen operiert werden, sonst würden diese fern bleiben, weiß die Ordensschwester.

Die Ordensschwestern achten darauf, dass die Kinder gut ernährt werden, dann leben sie länger, sagt Schwester Pryiar. Anders, als die nicht HIV-positiven Kinder, haben sie warmes Wasser zum Waschen. Und ihnen wird nicht so viel Leistungsdruck gemacht.

Auch physische Arbeit strengt an, die Kinder seien schon schwach genug. Sie sollen auch viel spielen. Außerdem erhalten sie spezielle Aufgaben, um sie von ihrem Kummer abzulenken, sagt Schwester Priyar. Sie kümmern sich um den Fischteich und verzieren Briefe an Spender. Und sie sollen ruhig mit den anderen Kindern spielen und nicht getrennt aufwachsen.

Innerhalb der letzten drei Jahre ist nur ein Kind gestorben. Darüber ist die Oberin sehr glücklich. Wenn sie über die Krankheit spricht, heißt es immer "infizierte Kinder" oder "positive Kinder". Das Wort "HIV" wird nicht verwendet. Und "sterben" verwenden die Schwestern auch ungern. "Ist zu Jesus gegangen", ist ihre Beschreibung dafür. Und sie beten viel. Für die Kinder und für alle, die das Projekt unterstützen.

Mehr über das Kinderdorf unter http://www.indienhilfe-wasser-ist-leben.de