Mit Nähmaschinen aus der Armut

Andrea Steinhart

Von Andrea Steinhart

Mi, 27. Mai 2009

Gundelfingen

Indienhilfe: Gundelfinger Geld wird dringend gebraucht / Erlös der Flötenkinder sorgt für frisches Obst für Slumkinder

GUNDELFINGEN. Gundelfinger Vereine und Bürger unterstützen schon seit Jahren die Arbeit der christlichen Schwesterngemeinschaft "Helpers of Mary" im indischen Kinderdorf Naya Jeevan und im Slum Malvani. Beim letztjährigen Weihnachtsmarkt sammelte der Verein "Indienhilfe" und die Flötenkinder sowie die Musical-Kids Spenden zur Unterstützung der Arbeit in Indien. Das Geld wurde nun von Inge Dännart direkt nach Indien überbracht.

Wie jedes Jahr reiste Inge Dännart auf eigene Kosten nach Indien ins Kinderdorf Naya Jeevan sowie ins Slumzentrum Malvanibei Bombay und brachte von ihrer Reise viele Eindrücke mit. "Mit den 1500 Euro vom Weihnachtsmarkt konnten wir weiteren 15 Frauen eine Ausbildung zur Näherin bezahlen", berichtet Inge Dännart. 100 Euro kostet die sechsmonatige Ausbildung in einem kleinen Schulungszentrum. Die Frauen lernen Kleidung nach Schnittmuster zu nähen und erhalten zu ihrem staatlich anerkannten Diplom eine fußgetriebene Nähmaschine als Startkapital. "Eine solche Maschine ist in Indien ein Statussymbol." Mit der von Gundelfinger Spendengeldern bezahlten Ausbildung können die jungen Frauen den Lebensunterhalt ihrer Familien mitfinanzieren, so dass ihre Kinder nicht mehr die umliegenden Müllberge durchwühlen müssen, sondern zur Schule gehen können. "Stundenlang sitzen die Frauen an den Maschinen und stellen farbenfrohe Gewänder her." Voller Stolz präsentierten die Näherinnen beim Besuch der Gundelfinger ihre selbst genähten Kleider, Röcke und Sari-Blusen.

Die Gundelfinger Musical-Kids erspielten für die Slumschule in Malvani mit ihrem Theaterstück 300 Euro ein. Davon kauften die Mary-Schwestern für 120 Mädchen und Jungen Hosen, Röcke, Blusen und Hemden. "Das war eine unglaubliche Freude für die Kinder", erzählte Dännart. Dass die Slumkinder ein Jahr lang täglich Obst erhalten, ist den Flötenkindern aus Gundelfingen zu verdanken. Zwei Tage lang musizierten sie auf dem Weihnachtsmarkt und nahmen so 600 Euro ein. "Damit können wir den Kindern in der Slumschule jeden Tag einen Apfel kaufen", rechnete Inge Dännart vor.

"Indien ist immer wieder ein unglaubliches Erlebnis", schwärmt Dännert. Beeindruckend sei es, aber auch sehr bedrückend. Schrecklich seien die Zustände in dem riesigen Slumgebiet Malwani, das sich im Nordosten Bombays befindet. Hier leben Zehntausende Menschen auf engstem Raum ohne Kanalisation, Elektrizität und nur mit wenigen Trinkwasserzapfstellen. "Die Situation im Slum ist unbeschreiblich: Überall liegt Dreck und es stinkt. Mitten durch das Gebiet verläuft ein Bachbett, das sich in der Regenzeit mit Wasser füllt", erzählt die Gundelfingerin. Seit einigen Jahren betreuen die Schwestern "Helpers of Mary" die Müllkinder, die auf den Müllhalden von Malwani leben. Die Menschen hausen dort dicht zusammengepfercht unter Plastikfetzen und in Bretterverschlägen. Um die Hütten türmen sich meterhoch sortierte Abfallberge aus Plastik, Glas, Papier und Schrott. Der Müll stinkt aus allen Ecken und ist Brutstätte für Ungeziefer.

In einem einfachen kleinen Haus leben hier Schwestern der christlichen Ordensgemeinschaft "Helpers of Mary". Sie richteten einen Unterrichtsraum für 250 Vorschulkinder ein. Dort bekommen die Mädchen und Jungen täglich einen kleinen Imbiss. Außerdem versorgen die Marys 30 Waisenkinder mit Nahrung, Kleidung, Medikamenten und Schulmaterialien. Unter der Regie der Schulschwestern unterrichten 7 Lehrerinnen in drei Schichten in vier verschiedenen Muttersprachen (Urdu, Tamil, Marathi, Hindi) und Englisch. Für 100 Jugendliche, die tagsüber auf der Müllhalde schuften müssen, haben die Schwestern Abendklassen eingerichtet. "Die Kinder sind begierig aufs Lernen", berichtet Dännart. Schulbildung bedeutet nämlich für diese Kinder einen Startpunkt für den Weg aus der Armut. Ein Nebeneffekt: "Die Eltern werden miteinbezogen in die Gesundheitsfürsorge und Erziehungsarbeit."

Bei ihrem Besuch im Kinderdorf Naja Jeevan konnte Inge Dännart zusammen mit der BZ-Journalistin Frauke Wolter die Grundsteinlegung des neuen Aids-Hospizes miterleben. Das Hospiz wurde nötig, weil immer häufiger infizierte Babys einfach vor dem Tor des Kinderdorfs abgelegt werden. In dem neuen, zweistöckigen Haus können dann bis zu 60 Kinder untergebracht werden. Für die kranken Kinder hatte Dännart eine Überraschung dabei: Eine Tasche voll Seiden-Blüten, von Anita Krause in stundenlanger Handarbeit gebastelt. "Die Mädchen hatten Freudentränen in den Augen."

Spendenkonto: Konto 30 30 300 bei Raiff- eisenbank Gundelfingen, BLZ 680 642 22