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19. März 2015 08:26 Uhr

Kunstprojekt "11 Tage"

Welche Botschaften das Rattenexperiment hat

Mit einer Ratte hat der Markgräfler Künstler Florian Mehnert provoziert. Zum Schein gab er sie zum Abschuss frei. Der Shitstorm stoppte das Experiment. Doch was können wir daraus lernen?

  1. Zorn gegen den Überbringer der Botschaft Foto: Christoph Breithaupt

  2. Florian Mehnert bekam sogar Morddrohungen. Foto: Florian Mehnert

Der öffentliche Druck war dann doch zu heftig. Florian Mehnert beendete sein umstrittenes Kunstprojekt "11 Tage" vorzeitig, nachdem das Experiment, mit dem der im Markgräfler Land lebende Künstler die "totale Überwachung" aller Lebensbereiche und deren mörderische Konsequenzen anprangern wollte, sogar Morddrohungen gegen seine Person zeitigte. Die Frage freilich muss lauten: Was offenbart dieses Scheitern darüber hinaus?

Die Kommunikationstheorie würde wohl von einem klassischen Übertragungsfehler zwischen Sender und Empfänger sprechen. Da ist eine Nachricht gründlich anders verstanden worden, als deren Urheber es bezweckte. Oder sollte diese Kommunikationspanne gar Teil von Mehnerts Kalkül gewesen sein? Der 44-jährige Künstler setzte eine Laborratte in einen Käfig vor eine Kamera. Und ließ sie via Livestream beobachten. Dass das Tier gleichzeitig mit einer Pistole bedroht wurde, machte es zum Medium.

Tierschützerischer Massenreflex

Die Web-Gemeinde sollte über den Einsatz der Waffe befinden. Symbol für die Technik der totalen Überwachung, für das gezielte, anonymisierte Töten zum Beispiel durch Drohnenwaffen. "Das Ganze fällt unter den Begriff der Gamification. Gamification ist hier der spielerische Einsatz von Spielelementen in einem vollkommen spielfremden Kontext", erläuterte Mehnert seine Installation im Interview.

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Doch was davon als Botschaft ankam, lässt sich auf so etwas wie "tierschützerischen Massenreflex" reduzieren. Die konzertierte Empörung wandte sich allein gegen den Künstler und sein vermeintliches Verbrechen am Tier. Zumal Mehnert lange Zeit offenließ, ob die Ratte getötet werde oder nicht. Sie ist nun auf jeden Fall gerettet.

Sauber über die Returntaste töten

Im Gegensatz zu den Millionen anderen Versuchstieren auf diesem Globus. Denn das wäre Mehnerts Botschaft gewesen: Zu zeigen, dass wir alle auf diesem Globus in immer größere Gefahr geraten, Laborratte zu werden. Der Druck auf die Returntaste macht das Töten "sauberer". Und perfekt anonym.

Doch offenbar ist es gerade diese Technisierung, die uns das Verstehen solch übergeordneter Prozesse erschwert. Eine Folge daraus zeigt die Causa Mehnert: Wir wenden all unseren Zorn gegen die Überbringer der Botschaften. Und verkämpfen uns für das naheliegendste: die putzige, unschuldige Laborratte. Tag für Tag sterben Tausende vermutlich ähnlich unschuldiger Menschen auf dieser Welt. Erwachsene. Und Kinder. Und die Wahrscheinlichkeit, dass deren Tod durch anonymisierte Abläufe generiert wird, steigt mit der digitalen Evolution.

Gleichwohl nimmt man solche, häufig weit vom Alltag entfernte Katastrophen kopfschüttelnd zur Kenntnis. Die täglichen Kollateralschäden eben. Das Versuchstier dagegen, in einer weißen Box mit Sägespänen dem Voyeurismus preisgegeben, es entfachte den digitalen Furor. Bei allem Befremden über viele Reaktionen: Vielleicht ist es ein Anfang.
Zur Person

Im Herbst 2013 sorgte der Markgräfler Künstler Florian Mehnert für Furore: Er hängte Mikrofone im Wald auf, manchmal auch nur winzige Wanzen, und zeichnete die Gespräche von Spaziergängern auf. Am Ende veröffentlichte Mehnert die Aufnahmen im Internet. Er wollte auf die Problematik der Überwachung aufmerksam machen – und die Reaktion der Öffentlichkeit darauf. Im vergangenen Jahr fertigte der 45-Jährige dann eine umstrittene Videoinstallation an: Er zeigte die Aufnahmen gehackter Smartphones.

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Autor: Alexander Dick