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08. Dezember 2017

Aargau verliert 1400 Arbeitsplätze

General Electric will in den kommenden zwei Jahren massiv Stellen abbauen / Baden ist am stärksten betroffen.

  1. Schlechte Stimmung am Hauptsitz von General Electric in Baden in der Schweiz: Der Konzern will im Aargau 1400 Arbeitsplätze streichen. Foto: AZ

AARGAU/SCHWEIZ (az). General Electric will im Aargau 1400 Arbeitsplätze abbauen, mit 1100 soll der Großteil am Hauptsitz in Baden wegfallen, 250 in Oberentfelden und 50 in Birr. Es ist ein weiterer harter Schlag gegen den Industriestandort Aargau. Der Abbau erfolgt in den nächsten zwei Jahren. "Ich bedauere es außerordentlich, dass wir diesen Stellenabbau vorschlagen müssen", wird GE-Manager Michael Rechsteiner in einer Mitteilung von General Electric zitiert.

Gewerkschaften und Politiker zeigen sich gestern schockiert über den geplanten Abbau von 1400 Stellen bei General Electric. Die Gewerkschaften sehen nun den Bundesrat in der Verantwortung. Die Unia fordert Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann auf, sofort dafür zu sorgen, dass die Abbaupläne gestoppt werden. "Der Bundesrat muss jetzt Verantwortung übernehmen", heißt es in einer Mitteilung.

Irène Kälin (Grüne) reichte gestern ihre erste Interpellation als Nationalrätin zum GE-Kahlschlag ein. Sie will vom Bundesrat wissen, wie er der Deindustrialisierung der Schweiz entgegenwirken will. Auch verlangt sie eine Antwort auf die Frage, was Schneider-Ammann unternommen hat, um den Stellenabbau zu verhindern. Der Wirtschaftsminister war im Oktober extra nach Atlanta in die USA gereist, um auf die GE-Konzernspitze Einfluss zu nehmen. Kälin sieht Schneider-Ammann jetzt in der Pflicht: "Er darf den Industriestandort Aargau nicht im Stich lassen." Auf Twitter fordert sie auch die Aargauer Regierung zum Handeln auf. Diese hatte sich in einer Mitteilung "bestürzt" über den Stellenabbau gezeigt.

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Das Unternehmen betonte gestern in einer Mitteilung, die Schweiz sei weiterhin von großer Bedeutung und Baden werde Hauptsitz der Geschäftsbereiche Steam Power Systems und Power Services bleiben. Standorte sollen nicht geschlossen werden. GE will auch in Birr und Oberentfelden bleiben.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es für die Angestellten. Bisher hat General Electric den Abbau von Arbeitsplätzen recht gut gemanagt, wie der Angestellten-Verband sagt. In der ersten Abbau-Runde, die Anfang 2016 bekannt wurde, war ursprünglich die Streichung von 1300 Arbeitsplätzen angekündigt. Tatsächlich mussten dann "nur" 400 Kündigungen ausgesprochen werden, sagt Christof Burkard vom Angestellten-Verband.

Die offizielle Information über den neuerlichen Stellenabbau soll angeblich mehrmals verschoben worden sein. In Frankreich waren aus Gewerkschaftskreisen am Donnerstagmorgen erste Zahlen durchgesickert. Demzufolge will General Electric in Europa insgesamt 4500 Arbeitsplätze in der Energiesparte streichen. Das berichtete die Wirtschaftszeitung "Les Echos" unter Berufung auf Gewerkschaftskreise. In Deutschland sollen 1600 der rund 10 000 Stellen wegfallen. In Großbritannien 670.

Politisches Tauziehen um die Arbeitsplätze

GE erklärte auf Anfrage deutscher Medien, man überprüfe das Geschäft, um sich an den Markt anzupassen und um langfristig erfolgreich zu sein. Von Stellenstreichungen war keine Rede. Zugleich hieß es, man habe einen Vorschlag an einen Verband übermittelt, der von Alstom übernommene Mitarbeiter vertritt. Alstom hatte seine Energiesparte im Jahre 2015 an GE verkauft.

GE hatte das Sparprogramm bereits vor Wochen angekündigt. Was dies für die Mitarbeiter bedeuten würde, blieb bis heute unklar. An einer Analystenkonferenz hat GE-Chef John Flannery gesagt: "Unser Energieteam schaut sich vertieft an, was diese Sparte für eine Kostenstruktur hat. Die aktuelle Kostenstruktur passt nicht zu dem Markt, in dem diese Sparte im Wettbewerb steht."

Laut Flannery habe sich der Markt im Energiegeschäft schlechter entwickelt als erwartet. Insbesondere habe es eine Verschiebung gegeben in Richtung der erneuerbaren Energien, was dem Gasturbinengeschäft geschadet habe.

Russel Stokes, Chef der Energiegeschäfte, hatte angekündigt, den "globalen Fußabdruck" seiner Sparte anpassen zu wollen. Die Zahl der lokalen GE-Produktionsstätten war ihm also zu hoch. "Die Größe unseres globalen Fußabdrucks ist eine Sorge, wenn man sich die aktuelle Marktschwäche vor Augen hält", sagte Stokes und fügte an: Einige der Produktionsstätten seien nicht ausreichend ausgelastet.

Im politischen Tauziehen um den Erhalt von Arbeitsplätzen musste die Schweiz gegen Frankreich antreten. Das Nachbarland pochte dem Vernehmen nach auf Standortgarantien, die GE abgab gegenüber dem damaligen Wirtschaftsminister und heutigen Präsidenten Emmanuel Macron. Dieser segnete persönlich den Deal ab, mit dem GE von Alstom die Energiesparte übernehmen durfte.

"Dieser Massenabbau ist ein harter Schlag für den Industrie- und Wirtschaftskanton Aargau", sagt Regierungsrat Urs Hofmann (SP), Vorsteher des Aargauer Departements Volkswirtschaft und Inneres (DVI). "Ich bedaure zutiefst, dass GE aufgrund der Marktsituation im Turbinengeschäft und des weltweiten Spar- und Restrukturierungsprogramms solch drastische Maßnahmen ergreift."

Autor: bz