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24. August 2012 11:33 Uhr

Bischoffingen

Abril-Weingut des Tengelmann-Seniorchefs öffnet Mitte September

Tengelmann-Seniorchef Erivan Haub hat sich mit dem Neubau des Weingutes Abril in Bischoffingen einen Traum erfüllt. Im September wird es ernst. Dann stehen Eröffnung und Produktionsbeginn an.

  1. Unterhalb des Enselbergs liegt in Bischoffingen das neue Weingut Abril. Die Fassade besteht aus Cor-Ten-Stahl. Foto: Gerold Zink

  2. Geschäftsführer Armin Sütterlin (links) und Innenarchitekt Wolfgang Münzing Foto: Gerold Zink

  3. Der neue Verkostungsraum Foto: Gerold Zink

  4. Der Edelstahlkeller Foto: Gerold Zink

  5. Auch Holzfässer gehören zum Inventar. Foto: Gerold Zink

  6. Im obersten Stockwerk werden die Trauben angeliefert und sortiert. Foto: Gerold Zink

  7. Die Mitarbeiter des Weingutes. Foto: Weingut Abril

Vom 14. bis 16. September soll das 10,5 Millionen Euro teure Gebäude am Enselsberg feierlich mit einem großen Festprogramm inklusive Tagen der offenen Tür eröffnet werden. Ende September will Geschäftsführer Armin Sütterlin die ersten Trauben des Jahrgangs 2012 mit der hochmodernen Kellertechnik verarbeiten.

GESCHICHTE

Das Weingut Abril kann auf eine 270-jährige Geschichte zurückblicken. Fast hätte diese jedoch vor 5 Jahren ein jähes Ende gefunden. Denn der damalige Eigentümer Hans-Frieder Abril fand zunächst keinen Käufer für das in der Bischoffinger Ortsmitte gelegene Weingut. Abrils Cousine Helga, die mit Erivan Haub, dem Seniorchef der bundesweit bekannten Tengelmann-Gruppe verheiratet ist, hatte in ihrer Kindheit einige Zeit in dem Weingut verbracht. Zusammen mit ihrem Ehegatten entschloss sie sich deshalb, das Weingut zu erwerben und die in die Jahre gekommenen Gebäude durch einen Neubau in der Bischoffinger Ortsmitte zu ersetzen. Aufgrund des extrem hohen Grundwasserspiegels wäre dies jedoch sehr aufwendig geworden. Es gab auch Kritik von Nachbarn. Schließlich entschied man sich auszusiedeln und das neue Weingut am Nordwestrand des Dorfes unterhalb des Enselbergs zu errichten.

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BAUPHASE

Auf dem rund ein Hektar großen Gelände wurde zunächst ein dreieckiges Gebäude geplant, das architektonisch sicherlich für viel Aufsehen gesorgt hätte. Nach Informationen der Badischen Zeitung waren die dafür veranschlagten 20 Millionen Euro dann jedoch auch den Investoren zu viel, denn Ziel war es immer, das Weingut nach einer gewissen Anfangsphase rentabel zu betreiben. Also wurde umgeplant. Die Kosten wurden erheblich auf 10,5 Millionen Euro gesenkt "und auch eingehalten", wie Armin Sütterlin, der Geschäftsführer des Weingutes bei einem Pressegespräch erklärt.

Die Umsetzung des neuen Konzeptes musste allerdings um ein Jahr verschoben werden, nachdem im Frühjahr 2010 bei Grabungen auf dem Baugelände Überreste einer steinzeitlichen Siedlung aus der Epoche der bandkeramischen Kultur vor rund 7500 Jahren gefunden wurden. "Wo jetzt das Weingut steht, war früher das älteste Steinzeitdorf des Kaiserstuhls", sagt Sütterlin. Exponate, die bei den Grabungen gefunden wurden, sollen später im Keller des Weingutes zu sehen sein. Am 4. Mai 2011 erfolgte der Spatenstich, in nur 15 Monaten wurde das neue Weingut errichtet.

ARCHITEKTUR

Eine Vorgabe der Familie Haub war es, dass sich der moderne Neubau zurückhaltend und schonend in die Landschaft einfügt und auf die besondere Lage am Ortseingang von Bischoffingen Rücksicht nimmt. Im Rücken des Gebäudes befindet sich der Enselberg, die Flächen in Richtung Bischoffingen wurden mit neuen Reben bepflanzt, damit das Weingut nicht als Fremdkörper erscheint, obwohl es sich durch seine Außenhaut, die aus Cor-Ten-Stahl besteht, deutlich von der umliegenden Bebauung abhebt. Der Cor-Ten-Stahl soll von seiner Farbe her an braunen Tuffstein erinnern und das zusätzlich rund um das Gebäude angebrachte Stahlband an die archäologischen Funde aus der Zeit der Bandkeramik. Innenarchitekt Wolfgang Münzing aus Flein bei Heilbronn zeigte sich mit der Gestaltung des zweigeschossigen Gebäudekörpers, der in einer schlichten, rechteckigen Form verwirklicht wurde, sehr zufrieden.

KELLERTECHNIK

Die Pläne für das neue Weingut hat Geschäftsführer und Kellermeister Armin Sütterlin wesentlich geprägt. Denn an erster Stelle stand für ihn, ein Gebäude zu bauen, in dem hervorragende Weine hergestellt werden können.

Der Betriebshof und die Traubenanlieferung befinden sich mit am höchsten Punkt des Gebäudes. So können die Trauben ebenerdig angeliefert, sortiert und abgebeert werden. Herzstück des Weingutes sind das Kelterhaus und der Pressenraum, in dem die Trauben nach der Anlieferung auf insgesamt 4 Ebenen verarbeitet werden können. Weil Kelterhaus, Maischegärung und Pressenraum auf 3 Ebenen vertikal angeordnet sind, kann die natürliche Schwerkraft gezielt ausgenutzt werden. Erst wenn der geklärte Most in die Gärtanks muss, kommen Pumpen zum Einsatz. Das Kellergeschoss liegt unter der Erde und beherbergt laut Sütterlin und Münzing die Bereiche Gärung, Reifung, Tanklager, Holzfass- und Barriquekeller, Weinarchiv sowie Lagerräume. "Die Kellertechnik ist ein Traum für jeden Kellermeister", sagt Sütterlin sichtlich zufrieden.

Im Untergeschoss befinden sich der Verkaufs- und Probierraum, Büros und ein Sanitärbereich. Auch eine Terrasse, die einen schönen Blick auf die Weinberge und das Elsass bietet, liegt auf dieser Ebene. Die Innenräume sind schlicht gehalten, an den Wänden dominiert Sichtbeton.

ÖKOLOGIE

Die Vorgabe der Familie Haub, das neue Weingut CO2-neutral mit Energie zu versorgen, wurde nach Münzings Angaben übertroffen. Denn nach ersten Berechnungen wurden sogar 2000 Kilogramm CO2 eingespart. Eine Holzpellet-Heizung und Fotovoltaik liefern Energie, eine spezielle Lüftungsanlage hilft dabei, diese nicht unnötig zu verschwenden. Das Hauptdach des Gebäudes ist begrünt, eine Zisterne speichert Regenwasser, das für die Bewässerung von Reben verwendet wird. Sütterlin ist überzeugt davon, mit der Zeit eine noch bessere Energiebilanz erreichen zu können.

Auch in den Weinbergen arbeitet das Weingut ökologisch. 2009 wurde das benachbarte Öko-Weingut Consequence übernommen, dessen Besitzer Manfred Schmidt seither bei Abril als Leiter des Bereichs Weinbau für die Erzeugung der Trauben zuständig ist. Gleichzeitig wurde die gesamte Rebfläche von Abril auf eine ökologische Bewirtschaftung umgestellt. "Momentan sind wir das größte Öko-Weingut des Kaiserstuhls", sagt Sütterlin, der auch dem Öko-Weinverband Ecovin beigetreten ist. Der Geschäftsführer ist sich sicher, dass die Umstellung die Qualität der Abril-Weine noch einmal steigern wird. Alle Arbeiten seien nachhaltig ausgerichtet.

WIRTSCHAFTLICHKEIT
"Nicht heute und morgen, aber bald danach soll sich das Weingut finanziell selbst tragen", sagt Sütterlin. Das sei auch der Wunsch der Eigentümer. Und der Geschäftsführer ist optimistisch, dieses Ziel zusammen mit seinen 8 Mitarbeitern erreichen zu können.

2007 hatte das Weingut eine Rebfläche von 6,5 Hektar. 8 Hektar kamen durch den Erwerb des Weingutes Consequence hinzu. Nach weiteren Zukäufen beträgt die Rebfläche heute 20 Hektar, wobei durch die Umstellung auf die ökologische Bewirtschaftungsweise derzeit nur 10 Hektar im Ertrag stehen. "In 5 bis 6 Jahren werden wir dann die Trauben von allen 20 Hektar verarbeiten", erläutert Sütterlin. Der Geschäftsführer weist darauf hin, dass das Weingut nicht, wie oft gerüchteweise kolportiert, "Mondpreise" für die Rebflächen bezahlt hat. "Der Preis lag zwischen 6 und 8,50 Euro je Quadratmeter", fügt er auf Nachfrage hinzu.

Sütterlin schließt nicht aus, dass das Weingut irgendwann einmal noch größer werden wird. Das neue Gebäude gebe dies auf jeden Fall her. Wo die Kapazitätsgrenze liegt, will er allerdings für sich behalten. Derzeit werden jährlich mit einer Rebfläche von 10 Hektar rund 60 000 Liter Wein produziert, geplant sind mit 20 Hektar rund 140 000 Flaschen. Derzeit werden die Weine zu 65 bis 70 Prozent an Endverbraucher, zu 20 Prozent an die Gastronomie und zu 10 bis 15 Prozent an den Fachhandel verkauft. "Abril-Weine über die Regale der Supermarktkette Tengelmann abzusetzen, war von Beginn an nicht vorgesehen und wird es auch nicht geben", sagt Sütterlin.

Insgesamt plant er 3 Weinlinien: eine für unter 10 Euro je Flasche, eine mittlere für 10 bis 15 Euro und einen Premiumbereich, in dem ein Wein auch 30 Euro kosten kann. "Wir sollten in ganz Baden mehr Mut bei der Preispolitik zeigen", betont Sütterlin, der künftig auf die Angabe der Prädikatsstufen Kabinett, Spätlese und Auslese ganz verzichten will.

REAKTIONEN

"Der Neubau des Weingutes Abril ist selbst für die größte Weinbaugemeinde des Landes Baden-Württemberg ein Glücksfall", sagt Vogtsburgs Bürgermeister Gabriel Schweizer. Denn der Kaiserstuhl brauche solche "Leuchttürme", um den Strukturwandel erfolgreich bewältigen zu können. Der neue Standort sei ideal, der zunächst geplante im Bischoffinger Ortskern dagegen mit vielen Fragezeichen und Schwierigkeiten behaftet gewesen. Der Bereich Wein und Architektur biete auch neue Chancen für den Tourismus in der Region. Stadtverwaltung und Gemeinderat hätten von Beginn an den Neubau unterstützt. "Ich finde das Gebäude und seine Einbindung in die Landschaft wunderbar", betonte Schweizer.

ERÖFFNUNG

Die Fertigstellung des Weingutes wird von Freitag bis Sonntag, 14. bis 16. September, mit einem großen Fest gefeiert. Am 14. September steht ein Culinarium mit Fünf-Gang-Menü (Gasthäuser Sonne in Schelingen und Dutter in Kiechlinsbergen) sowie korrespondierenden Weinen auf dem Programm. Am Samstag und Sonntag sind Tage der offenen Tür mit Musik, Keller- und Weinbergsführungen, Vorträge über die archäologischen Funde, Spiele für Kinder und einer Party geplant.
Der Neubau in Zahlen

Investitionssumme: 10,5 Millionen
Grundfläche: 3300 Quadratmeter, überbaute Fläche 1000 Quadratmeter
Geschäftsführung: Armin Sütterlin
Mitarbeiter: acht Beschäftigte
Rebfläche: 20 Hektar
Sortenspiegel: Spätburgunder (35 Prozent), Weißer und Grauer Burgunder (zusammen 40), Riesling, Chardonnay, Gewürztraminer, Rivaner, Blauer Silvaner, Scheurebe
Jahresproduktion (aktuell): 10 Hektar/60 000 Liter
Jahresproduktion geplant: 20 Hektar/120 000 Liter
Bewirtschaftung: kontrolliert ökologisch; Mitglied bei Ecovin
Absatz: Endverbraucher (65-70 Prozent), Gastronomie (20), Fachhandel (10 bis 15)

Eröffnungsprogramm 14. bis 16. September

Freitag: 18 Uhr Weinmenü, 87 Euro, Anmeldung Telefon 07662/94932315
Samstag: 15 Uhr Auftritt der Jugendmusikschule; 20 Uhr Party mit der Steven Bailey Band
Sonntag: 11 Uhr Frühschoppenkonzert Musikverein Bischoffingen, 14.30 Uhr musikalische Unterhaltung mit Toni Calma und der Jet Set Band
Samstag und Sonntag:
ab 11 Uhr Tage des offenen Weinguts, 11 bis 17 Uhr stündlich Führungen mit Architekt Wolfgang Münzing und den Kellermeistern Ingo Ehret und Sebastian Faber; 12, 14, 16 Uhr Weinbergstour mit Manfred Schmidt; 12 und 15 Uhr Vorträge über archäologische Funde, Kinderprogramm mit Weinbergrallye, Archäologiewerkstatt und Nistkastenbau



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Autor: Gerold Zink