Nachruf

AC/DC Malcolm Young: Weniger war in diesem Fall mehr

Stefan Rother

Von Stefan Rother

Mo, 20. November 2017

Rock & Pop

Er war der Fels, auf dem AC/DC ihre Rock-’n’-Roll-Kathedrale errichteten: Der Gitarrist Malcolm Young ist jetzt mit 64 Jahren gestorben.

Wenn man an AC/DC denkt, dann erscheint vorm inneren Auge meist ein kleiner Mann ganz groß: Sologitarrist Angus Young in seiner Schuluniform. Auch die beiden Sänger der Band – der 1980 verstorbene Bon Scott und "der Neue" Brian Johnson – sind in der allgemeinen Wahrnehmung fest verankert. Gelegenheitshörer der australischen Band könnten dagegen wohl nur schwer beschreiben, wie Malcolm Young aussah. Dabei steht für Fans und Musikerkollegen fast unumstritten fest: Der ältere Bruder von Angus war der Fels, auf dem AC/DC ihre Rock-’n’-Roll-Kathedrale errichteten.

Denn auch wenn Malcolm sich bei den Auftritten der Band meist im Hintergrund hielt, bestimmte er ihren Sound entscheidend und zeichnete als Komponist für die meisten Hits wie "Hells Bells" mit verantwortlich. Trotz wachsenden Erfolgs wurde die 1973 in Sydney gegründete Band lange nicht ernst genommen. Begründet wurde dies mit den pubertären Texten und der scheinbar schlichten Musik. Doch in den letzten Jahren setzte sich die Erkenntnis durch, dass das Genialische von AC/DC gerade im radikal reduzierten Ansatz lag. Dazu gehörte die Kunst des Weglassens: Malcolms Powerakkorde haben Raum zum Ausklingen, manchmal erhöht eine Pause die Spannung.

Und hinter der scheinbaren Schlichtheit der AC/DC-Riffs lag meist ein rigoroser Selektionsprozess: Für jedes Riff, das Verwendung fand, habe man Hunderte andere in den Mülleimer geworfen, plauderte Malcolm einmal aus dem Nähkästchen. Meist hielt sich der Musiker aber wie die meisten Bandmitglieder – mit Ausnahme des exaltierten Bon Scott – aus der Öffentlichkeit zurück. So entging vielen Fans auch, dass er in den 80er Jahren nach dem Welterfolg mit dem "Back in Black"-Album mit Alkoholproblemen kämpfte. "Schließlich bin ich zu den Anonymen Alkoholikern gegangen und das hat dann geholfen", berichtete er.

Der Musik der Band tat die Ausnüchterung gut, denn nach eher durchwachsenen Alben in den 80er Jahren meldeten sich AC/DC 1990 mit einem Donnerschlag zurück – "Thunderstruck" vom Album "The Razors Edge" wurde zu einem ihrer beliebtesten Songs. In der Folgezeit macht die Band vor allem mit erfolgreichen Tourneen von sich reden.

Dass sie mal Weltstars werden würden, war den Young-Brüdern nicht in die Wiege gelegt worden: Ihr Vater war ein Maler aus Glasgow, der 1963 der Arbeitslosigkeit entfliehen wollte und mit sechs seiner sieben Kinder nach Australien auswanderte. Dort gelang zunächst dem sechs Jahre älteren Bruder George, der vor wenigen Wochen starb, mit den Easybeats der Durchbruch als Popstar. Später unterstützte er AC/DC als Produzent. Auch als Malcolm wegen Demenz nicht mehr auftreten konnte, hielten die Familienbande, sein ihm verblüffend ähnlich sehender Neffe Steve Young sprang ein. Nun ist Malcolm Young mit 64 Jahren verstorben, hinterlässt seine Frau Linda, mit der er fast 40 Jahre verheiratet war, zwei Kinder und drei Enkel.