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11. Dezember 2011 14:02 Uhr

Chancen für Landwirte und die Gefahr der Goldgräberstimmung

Annäherung an die Windkraft im Hochschwarzwald

Ausgesprochene Gegner der Nutzung von Windkraft im Hochschwarzwald meldeten sich nicht zu Wort. Im Gegenteil, der Wille zur Mitwirkung an der Energiewende klang mehrfach an. Doch man hörte Mahnungen im "Neustädter Hof", wo der CDU-Stadtverband ein Podium mit Fachleuten besetzt hatte. Die Bedenken in dem mit rund 50 Teilnehmern besetzten Saal galten weniger dem Landschaftsbild, als der Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit und Grundstückseigentümern, sich nicht in der Goldgräberstimmung überrumpeln zu lassen.

  1. Mit einer Aussichtsplattform könnte eine Windkraftanlage eine touristische Attraktion sein, forderte Tourismus-Unternehmer Michael Heizmann weniger Zurückhaltung. Foto: dpa

  2. Martin Armbruster vom BLH (stehend) warnte vor Gefahren der Goldgräberstimmung; mit ihm auf dem Podium (von links) Martin Halm, Werner Adrion, Georg Hoffmann und Bürgermeister Armin Hinterseh. Foto: Peter Stellmach

TITISEE-NEUSTADT. Martin Armbruster, beim Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband (BLHV) für Erzeuger- und Marktfragen zuständig, wies darauf hin, dass die Windkraft den Landwirten ein weiteres Standbein zur Sicherung ihrer Existenz sein könnte. Wichtig, weil die Bauern die Landschaftspfleger seien. BLHV-Präsident Werner Räpple hat schon angekündigt, dass er die Mitglieder zur aktiven Mitarbeit an bäuerlichen Bürger-Wind-Projekten auffordern will. Armbruster betonte die Chancen, die sich bieten, er warnte aber auch vor Risiken, denn obwohl der Prozess erst am Anfang stehe, würden Grundstückseigentümern schon Verträge angeboten. Doch es seien auch Scharlatane unterwegs, sagte er und riet zu sorgfältiger Prüfung. Auch Räpple hat vor "Lockangeboten für langfristige Flächenverpachtungen und Landverkäufe an Großinvestoren oder Projektbeauftragte gewarnt". Vorrang sollten Projekte genießen, die Landwirte dauerhaft und angemessen an der Wertschöpfung beteiligen. Armbruster forderte zu Gleichbehandlung auf und regte an, dass beim Zuschlag für einen Standort eventuell jene, die verzichten, einen Ausgleich erhalten.

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"Drei Landwirte unter einen Hut bringen? Man müsste

zwei erschlagen!"

Landwirt Hubert Winterhalder
Dieses Thema kam noch einmal auf, als es darum ging, dass von einem Standort mehrere Grundstückseigentümer berührt sein könnten, sei es durch die Zufahrt oder die Trasse zur Einspeisung ins Netz. Dafür müsse eine Übereinkunft gefunden werden. Hubert Winterhalder aus Rudenberg schloss das markig aus: "Drei Landwirte unter einen Hut bringen? Man müsste zwei erschlagen!". Schon deshalb habe er "keine Angst, dass da 100 Windräder entstehen". Er musste später hören, dass es doch geht: In Freiamt hat nur ein Landwirt den Standort, teilt sich aber die Pacht mit den Angrenzern.

Diese Auskunft kam von Georg Hoffmann, dem Vorstandssprecher des Vereins Bürgerwindrad Blauen. 2010 gegründet, zählt er zu seinen fast 200 Mitgliedern auch Gemeinden. Gemeinsam will man auf 1100 Meter Höhe mindestens drei Anlagen mit einer Leistung von je drei Megawatt errichten und jährlich 20 Millionen Kilowattstunden Energie erzeugen, Investition bis zu 15 Millionen Euro. Der Standort scheint ideal mit einer Windgeschwindigkeit von mehr als sieben Metern je Sekunde in 140 Metern Höhe, "Wind wie an der Nordsee", wie Hoffmann sagte. Zudem liegt er nicht in unberührter Natur, hat geringe Bedeutung für den Natur- und Artenschutz, aber Straße und Stromleitung. Für die Grundstücke braucht es Einigkeit nur mit Gemeinde und Forst. Hoffmann zählte Vorteile auf: Bürger bestimmen, eine Genossenschaft tritt als Betreiber auf, Strom aus der Region für die Region lässt die Erträge vor Ort. Das Bürgerprojekt sichere Einnahmen, Arbeitsplätze, helfe der Region, der Umwelt und dem Klimaschutz – Verlierer seien nur die "Heuschrecken".

Werner Adrion: "A+O sind Windmessungen"

Das stellte Werner Adrion gar nicht in Abrede. Der FDP-Stadtrat aus Löffingen, auch Mitglied der Bürgerinitiative zum Schutz des Hochschwarzwalds, war als Kritiker der Windkraft geladen. Er stellte aber klar: "Ich bin nicht gegen Windräder, nur ein Gegner schlechter Windkraftstandorte". Von ihm aus könnte man auch Anlagen auf dem Feldberg errichten, mit einer Windgeschwindigkeit von 7,7 Metern je Sekunde "wäre das ein Hammerstandort". Doch selbst wenn’s möglich wäre, die Anlagenhersteller würden nicht mitziehen aus Angst um ihre Mühlen. Adrion ist vom Fach, er war jahrzehntelang beim Kraftwerk Laufenberg, heute Energiedienst, im Leitungsbau und als Netzwerker tätig, kennt die Netze und ist mit der Materie vertraut. Für seine kritischen Anmerkungen erfuhr er Anerkennung selbst von Hansjörg Straub, der, wie berichtet, mit Fürsatzbauer Karl Winterhalder eine Anlage auf der Fürsatzhöhe bauen möchte. Adrion rechnete vor, dass das Jahr 8760 Nutzungsstunden habe, und Windkraft sich bei 1600 bis 1700 Stunden zu rentieren beginne. Viele der bestehenden Anlagen reichten aber nicht oder gerade heran, wie er anhand ausführlicher Zahlenkolonnen und Berechnungen darlegte. Deshalb seien für die anstehende Erörterung Windmessungen "das A+O, der Windatlas bringt nichts, die Werte stimmen nicht". Und man dürfe sich nur mit den ertragsreichsten Standorten ernsthaft beschäftigen. Die Fürsatzhöhe brächte nach seinen Berechnungen mit 1895 Stunden bei fast 6 Metersekunden Wind knapp 4,38 Millionen Kilowattstunden, das würde vierstelligen Ertrag bedeuten.

"Wir sind zu eitel,

es zu nutzen."

Bürgermeister Haberstroh

zum "Geld, das vom Himmel kommt"
Der Hochschwarzwald hat seine Linie gefunden, Bürgermeister Armin Hinterseh beleuchtete sie (die BZ hat berichtet). Die Gemeinden schließen sich zusammen für die Flächennutzungspläne, lassen Windhöffigkeit und Artenschutz prüfen, beraten am 1. Februar gemeinsam öffentlich mit dem Ziel, dass ein Planungsverband die Angelegenheit weiterverfolgt. Hinterseh machte klar, dass die Flächennutzungspläne Zeit erfordern, wohl 15 bis 18 Monate. Dennoch, so kündigte er an, werde der Hochschwarzwald so schnell sein, dass man auf den Winderlass des Landes werde warten müssen. Er begründete die angestrebte Sorgfalt auch damit, dass es für große Gesellschaften kein Problem wäre, wenn sich ein Standort als Flop erweisen sollte, "dann ist’s ein Abschreibungsobjekt". Anders für private Betreiber. "Wenn wir in fünf Jahren auf die Anlagen schauen, wollen wir sagen können, wir haben es richtig gemacht, damit alle etwas davon haben."

In der Debatte kamen weitere Zweifel an der Wirtschaftlichkeit auf, und Konrad Straub aus Neustadt äußerte die Sorge, dass die Verbraucher die Zeche zahlen. Klaus Kress aus Löffingen, Verfechter alternativer Energieformen, hielt mit Hunderttausenden neuer Arbeitsplätze, Milliardeninvestitionen und Steuererträgen dagegen und sagte vorher, dass in zehn Jahren die ganze Welt "bei uns kaufen wird". Auch Martin Halm, Geschäftsführer der Elektrizitätswerke Schönau und der Energieversorgung Titisee-Neustadt, konterte: Über die glänzenden Geschäfte der Stromriesen und die Folgekosten spreche man nicht.

Johann Ketterer aus Titisee bat um "Maßhalten für die Landschaft". Hinterseh sagte dazu, dass der Hochschwarzwald im Tourismus mit der Landschaft Geld verdiene. Die Urlauber suchten die heile Welt, und deshalb wolle er keine Anlage auf dem Hochfirst, die von Titisee aus zu sehen sei. Aber: "Wir haben genügend andere Standorte, die akzeptiert werden können." Michael Heizmann aus Schwärzenbach, ständig neue Attraktionen suchend, war das zu zurückhaltend. Die Leute müssten ja auch auf Testo und das Badeparadies schauen. Er schlug vor, Windkraftanlagen mit Aussichtsplattformen zu verbinden, damit wäre man "innovativ, modern, 21. Jahrhundert". Breitnaus Bürgermeister Josef Haberstroh wünschte sich mehr Elan. Er begreife nicht, wie man "das Geld, das vom Himmel kommt", versickern lassen könne; "wir sind zu eitel, es zu nutzen."

"Energie muss man auch sparen!"

BLHV-Vertreter Armbruster sprach die Verantwortung der Gemeinden an: Sie hätten die Qual der Wahl und sollten darauf achten, dass es nicht läuft wie bei den Regionalverbänden und ihrer Ausschlusspolitik. Hinterseh erwiderte "wo der Wind weht, da wird’s gehen", es gebe aber Restriktionen wie den Artenschutz, und der sei europäisches Recht.

Nicht vergessen sei der Rat von EWS- und EVTN-Geschäftsführer Halm. Man wolle sich dem Wind zuwenden, sagte er. Aber mit 1500 Nutzungsstunden jährlich könne die Windkraft nur ein Teil des Ganzen sein, Wasserkraft, Fotovoltaik, Kraft-Wärmekopplung und Biomasse brauche es auch. Eine der größten Aufgaben werde es sein, das Netz flexibel zu halten und Strom zu speichern. Und nicht zuletzt: "Energie muss man auch sparen!".

Autor: Peter Stellmach