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11. November 2017

Neues Album

Asaf Avidan: Mea culpa in Malibu

Der israelische Rockmusiker Asaf Avidan hat mit "The Study On Falling" sein bisher amerikanischstes Album aufgenommen.

  1. Asaf Avidan Foto: Ojoz

In Deutschland hat Asaf Avidans internationale Karriere begonnen. 2012 hörte der Produzent Jacob Aaron Dilßner alias Wankelmut Avidans den vier Jahre zuvor veröffentlichten "Reckoning Song" und entschloss sich zu einem Remix. Zischelnde House-Beats und Bass drunter, den Gesang durch diverse Filter gejagt, alles dezent beschleunigt – und aus der schwermütigen Ballade mit Klavier, Cello und Gitarre wurde ein luftig-leichter Sommerhit, viel im Radio gespielt und Nummer eins in den Verkaufscharts.

Heute ist der israelische Weltbürger vor allem in Frankreich sehr beliebt. Warum? Das ist ihm selbst nicht so ganz klar, sagt er bei einem Telefoninterview im Oktober, während er in einem Garten irgendwo in Mittelitalien die Blumen gießt. Neben seiner einzigartigen kehligen Kopfstimme könnte das am Sentiment liegen, das seinen Liebesliedern und trennungslastigen Mea-culpa-Songs – Beziehungsstatus: Es ist kompliziert – innewohnt, vielleicht auch an seinem jungenhaften Charme, den der 37-Jährige auf der Bühne spielen lässt.

Wie auch immer. Die Laiterie in Straßburg ist jedenfalls ausverkauft, als Avidan jetzt sein gerade erschienenes Album "The Study On Falling" vorstellt – den "Reckoning Song" spart er sich an diesem Abend. Anders als in der Vergangenheit steht in der Laiterie nicht eine Frau mit ihm auf der Bühne. "Das war eine bewusste Entscheidung. Ich komme mit Männern nicht so gut klar. Deshalb will ich mich damit auf dieser Tournee ein wenig herausfordern", bot Avidan beim erwähnten Interview als Erklärung an.

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Die jüngste Personalrochade führt zu einem augenfälligen Kontrast: Vorne Avidan, der geborene Frontmann. Klein, drahtig, tätowiert, im typischen Tanktop und Skinny-Jeans an schmalen Hosenträgern. Hinter ihm ein Trio an Bass, Schlagzeug und Keyboard. Schwarze, legere Kleidung, gesetzter, größer und breiter – die idealtypische, mannschaftsdienliche Band ohne Drang ins Rampenlicht.

Der optische Gegensatz ist Sinnbild für die Richtungsentscheidung, die Avidan mit seinem neuen Album getroffen hat. Dieses unverkennbare Falsett, derzeit eine der außergewöhnlichsten Stimmen des Pop, eingebettet in einen zeitlosen Sound aus Country und Folkrock – das ist ein Wagnis, gerade weil es musikalisch erst einmal keines ist. Avidan hat mit "The Study On Falling" seine bisher amerikanischste Platte aufgenommen – und nimmt dafür in Kauf, dass die Hinwendung zu diesen traditionellen, beliebten und damit risikolosen Genres seinen Status der Ausnahmeerscheinung mit der Lust am Abenteuer in Frage stellt.

Beim Hören der Platte wird das gar nicht so offensichtlich. Was daran liegt, dass Avidan einer ist, der so viel Inbrunst und Schmerz in seine Geschichten von verlorener Liebe zu legen weiß wie sonst nur die ganz, ganz Großen – auch wenn manchmal, aber nur manchmal ein bisschen weniger mehr wäre. Und zwar dann, wenn die Wonne, mit der er sich selbst geißelt, zur Pose zu werden droht.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum "The Study On Falling" den Einwänden zum Trotz eine gute Platte ist. Avidan nahm sie mit dem Produzenten Mark Howard in der Villa "Raven’s Eye" in den Hügeln Malibus auf. Entworfen hat sie Harry Gesner, Meister der kalifornischen Architektur. Das Meer, die Palmen, der Pacific Coast Highway – der Blick durch die fassadenhohe Fensterfront des riesigen Wohnzimmers, das zum Studio umfunktioniert wurde, ist spektakulär.

An diesem inspirierenden Ort setzen renommierte Musiker Avidans Hommage an die wichtigsten nordamerikanischen Singer/Songwriter in Szene. Jim Keltner war dabei, der für die halbe Welt von Lennon bis Neil Young trommelte; der Bassist Larry Taylor, Gründungsmitglied der Bluesrockband Canned Heat; oder Eric Schermerhorn, der auf Platten von David Bowie oder Iggy Pop zu hören ist.

Wie einfühlsam klingt, was diese Profis beitragen, wie sie Stimmungen unterstützen, ohne einen Ton zu viel zu spielen, ist so hörenswert wie Avidans neue Songs intensiv sind. Dass seine Idole durchklingen, verhehlt er nicht: "Jeder hat Vorbilder, ich natürlich auch." Leonard Cohen hat seine Spuren bei "To Love Another" hinterlassen, "Green And Blue" erinnert an "Wild Horses" aus der Countryrock-Phase der Rolling Stones, "Man Without a Face" hat was von Tom Waits. Aber Avidans Gesang macht daraus dann doch wieder Originale. Live allerdings, das hat Straßburg gezeigt, gehen ihm die Musiker aus Malibu sehr ab. Gutes Handwerk kann deren meisterliche, weil feine Arbeit nicht ersetzen.

Asaf Avidan: The Study On Falling (Polydor).


Autor: Peter Disch