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15. Februar 2009 17:37 Uhr

Medzinischer Streitfall

Auf der Flucht vor Handystrahlen

Ulrich Weiner lebt seit sechs Jahren wie ein Nomade. In seinem Wohnwagen fährt er umher, sucht einen Platz, an dem er sicher leben kann. Er hat keine Angst vor Verbrechern, als gefährlich empfindet er Handymasten. Weiner ist hochgradig elektrosensibel.

  1. Wie gefährlich sind Handystrahlen? Foto: Norbert Neetz

  2. Ulrich Weiner steht mit einem Schutzanzug vor einem Baum bei St. Märgen Foto: dpa

  3. Immer dabei: Das Strahlenmessgerät. Foto: dpa

  4. Mit einer Goldfolie deckt er die Richtfunkantenne ab und stört damit den Empfang. Foto: dpa

Den Mann zu treffen, ist eine Herausforderung, die Verabredung ein Hindernislauf. Er hat keine Postadresse, kein stationäres und erst recht kein mobiles Telefon, Zugang zum Internet hat er nur sporadisch. Er kann auch schwer planen, weil er für fast alles auf fremde Hilfe angewiesen ist. Wann er wo ist, hängt also immer auch von Freunden und Helfern ab.

Und trotz aller Absprachen steht der Wohnwagen dann nicht dort, wo er sollte – auf einem Waldparkplatz bei St. Märgen im Schwarzwald. Aber es muss hier sein, der schlechte Empfang im Autoradio ist ein untrügliches Zeichen, dass die Angaben stimmen. Und oben im Dorf hat ein Mann im Blaumann noch einmal bestätigt: "Ja, ja, doch, dort steht er." Er hat dabei gegrinst und das "er" so betont, dass das nur heißen konnte: der Spinner.

Ulrich Weiner weiß, dass manche ihn für einen Spinner halten. Er wurde auch schon einmal psychiatrisch begutachtet. Und für vollkommen gesund erklärt. Den Waldparkplatz hat er nicht freiwillig vor vier Jahren zum Wohnort erkoren, er hat nicht aus lauter Lust dafür gestritten, hier dauerhaft stehen zu dürfen mit seinem Wohnwagen, er folgte der Not und seinem Messgerät. Es ist einer der wenigen Flecken in Deutschland, in die kein Funkstrahl eines Handynetzbetreibers reicht, einer der wenigen Orte, wo Ulrich Weiner sich aufhalten kann, ohne von einem Kollaps in den nächsten zu fallen. Und dieser Platz ist jetzt leer und verwaist.

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VOR SECHS JAHREN DER ERSTE ZUSAMMENBRUCH

Dann rollt das Gespann heran, das Auto wird von einem Begleiter gesteuert, Joachim Mutter. Ulrich Weiner sitzt auf der Rückbank, ein Netz über den Kopf gezogen, er trägt einen silbernen, eng anliegenden Strahlenschutzanzug. Ein junger Mann, 32, drahtig, sportlich. Er federt aus dem Auto, freundlich lächelnd kommt er näher, streckt die Hand aus. Er kommt gerade aus Dresden zurück. Wieder eine Untersuchung an einer Klinik, wieder einmal geht es um die Feststellung seiner Erkrankung, darum, ob er als hochgradig strahlungssensibel anerkannt wird. Der Rückweg war wieder ein Aufwand, denn an Autobahnen stehen Handymasten geradezu Spalier. Also muss er sie meiden.

Sechs Jahre ist es her, da hatte Ulrich Weiner einen ersten Zusammenbruch. Es war am Flughafen in Frankfurt, er kam zurück von einer Reise, wartete auf sein Gepäck. Ihm wurde plötzlich schwindlig, das Blickfeld wurde eng, er sah erst Sterne, dann gar nichts mehr, er konnte nicht mehr sprechen, brach zusammen, wurde ins Krankenhaus gebracht. Störung des zentralen Nervensystems. Man muss sich das wie ein Gewitter im Hirn wie bei einem epileptischem Anfall vorstellen. Ulrich Weiner wurde in der Uniklinik auf Herz und Nieren untersucht. "Wir sehen, dass es Ihnen schlecht geht, aber wir haben keine Ahnung, woran das liegt", habe ihm der Chefarzt nach zwei Tagen gesagt. Keine befriedigende Diagnose.

DER ARZT KAM MIT EINER STUDIE VON 1932

Damals arbeitete Weiner noch in seinem Beruf als selbstständiger Funktechniker und hantierte auch privat ständig mit mehreren Handys. An beides ist längst nicht mehr zu denken: Seinen Beruf übt er nicht mehr aus, Funktelefone hat er abgeschafft. Nachdem er dem Arzt in Frankfurt von seiner Arbeit erzählt hatte, kam der am nächsten Tag mit einer Studie der Universität Gießen an. Sie stammt aus dem Jahr 1932 und untersucht die Beschwerden von Anwohnern von Funkstationen. Einige von ihnen hätten ähnliche Symptome gezeigt wie Weiner.

Weiner sitzt im Wohnwagen, vom Haken baumelt eine leere Infusionsflasche über dem Bett. Was er benötigt für den Notfall, hat er im Kühlschrank: Kalziumlösung, Vitaminpräparate, Glutathion, ein Antioxidantium, sowie Lipostabil, einen Cholesterinsenker. Das hat ihm sein Arzt zusammengestellt, Joachim Mutter, bis vor wenigen Monaten an der Abteilung für Umweltmedizin an der Uniklinik Freiburg und inzwischen selbstständig im Südschwarzwald tätig.

20 BIS 40 IM RAUM FREIBURG HABEN DIE SYMPTOME

Ulrich Weiner sei ein besonders hochgradig elektrosensibler Patient, sagt Mutter. "So jemanden hatte ich bisher noch nicht." Aber Weiner stehe mit dem Problem keineswegs allein da. Auf 20 bis 40 schätzt er die Zahl jener im Raum Freiburg, die akute körperliche Symptome zeigen und behandlungsbedürftig seien. Er wisse aus seiner Praxis von einigen, die sich zumindest vorübergehend in Funklöcher zurückziehen, um sich dort zu erholen. Im nahen Elsass wurde unlängst ein Mann aus Freiburg, der vorübergehend in einer Waldhütte wohnte, festgenommen und für einen Tag in die Psychiatrie eingewiesen. "Das ist typisch, wenn man keinen Laborbefund hat", sagt Mutter.

WISSENSCHAFTLICHER STREIT ÄHNELT EINEM GLAUBENSKRIEG

"Wir waren ja anfangs auch skeptisch. Es gab keine Daten, wir konnten uns auf nichts stützen als auf die Erklärungen und Vermutungen der Patienten", sagt der Arzt. Inzwischen sei er weiter. So lasse sich im Urin ein gesunkener Melathoninspiegel nachweisen. Das deute darauf hin, dass sich der Organismus nicht wie üblich erholt habe. Im Versuch zeige sich, dass lebende Zellen unter Funkstrahlung mehr Kalzium aufnehmen, als sie vertragen und sich deshalb selbst zerstören. In Schweden sei eine Studie erschienen, wonach an den Nervensynapsen durch die gepulsten Signale kurzfristig extrem hohe Temperaturen entstehen.

Mutter kennt den wissenschaftlichen Streit, den es um das Thema gibt und der fast einem Glaubenskrieg ähnelt. Doch auch das Bundesamt für Strahlenschutz räumt ein, dass elektromagnetische Felder gesundheitliche Folgen haben können. Vollkommen gesunde Organismen, sagt Mutter, könnten solche störenden Einflüsse wegstecken. Wer aber genetisch oder durch Erkrankungen vorbelastet sei, weitere Belastungen ertragen muss oder einer hohen Strahlung ausgesetzt war, der kann jedoch Symptome ausbilden. Das sei beim Rauchen nicht anders, auch Raucher könnten 90 werden – wenn ihre Disposition stimmt.

"Wo soll ich denn hin?" Ulrich Weiner

Ulrich Weiner hat schon als Kind am liebsten mit Funkgeräten gespielt, er war mit 14 Deutschlands jüngster Amateurfunker mit Prüfung, er hat sich als Schüler sein Taschengeld aufgebessert mit dem Einbau von Autotelefonen, und er hat sein Hobby zum Beruf gemacht. "Vielleicht hat er einfach in diesen Jahren zu viel abbekommen", sagt Mutter.

Seine Symptome gleichen anfänglich jenen einer Migräne. Nur dass alles viel schneller geht und er sich sofort hinlegen muss. So geschehen vor wenigen Wochen. Da hielt er sich vor dem Wohnwagen auf, ein Freund war zu Besuch. Er schaffte es gerade noch in den Wohnwagen und an den Tropf. Sein Freund rief den Arzt. Und am nächsten Tag verständigte er seinen Anwalt. Der prüfte die Sache und fand heraus: Eine halbe Stunde vor dem Zusammenbruch war in der Nähe ein neuer Sendemast in Betrieb genommen worden. "Ich gebe zu, dass ich manchmal meine Zweifel hatte, ob das alles so gravierend ist", räumt Karl-Heinz Mann ein, sein Anwalt. "Seit jenem Vorfall nicht mehr, denn Herr Weiner konnte nicht wissen, dass der Sender an diesem Tag seinen Betrieb aufgenommen hat."

Für Ulrich Weiner ist die Lage dadurch noch schwieriger geworden. "Wo soll ich denn hin?", fragt er. Vor ein paar Jahren hatte er eine Lösung vor Augen: eine alte Mühle im "Tal der Ahnungslosen". So nannte man in der DDR die Region um Dresden, in der man nur schlecht Fernsehen empfing. Weiner wollte mit Mitstreitern die Mühle kaufen und zu einer Pension für Strahlungssensible umbauen. Einzige Bedingung: das Tal sollte auch weiterhin im Strahlenschatten liegen. Darauf jedoch wollten sich weder die Gemeinde noch die Handynetzbetreiber einlassen.

WEINER WILL EINE FUNKLOCHKLINIK ERÖFFNEN

Ulrich Weiner ist schlicht ratlos. Er ist auf fremde Hilfe angewiesen, geht nur sehr selten selbst zum Einkaufen, Verabredungen zu treffen und einzuhalten ist schwierig. Die Krankenkasse und die Berufsunfähigkeitsversicherung, die er als Selbstständiger abgeschlossen hatte, streiten sich noch immer, wer zuständig ist. Aber das ist es nicht allein. Ihm fehle ein festes Zuhause, ein Ort, an dem er zur Ruhe kommen könne und eine Wohnung mit etwas mehr Komfort als dem seines Wohnwagens. "Der Zustand, wie ich lebe, ist ja auch nicht sehr familientauglich", sagt er. Besonders schlimm sei es im Winter. Und dann sagt er noch einmal, dass er ja nicht die Abschaffung der Handys verlangt oder die Beseitigung des Funks. Er will aber für sich und seine Leidensgenossen Ruhezonen ausgewiesen sehen, einzelne Flecken, in denen keine Funkwellen stören.

Joachim Mutter ist im Hotzenwald fündig geworden, hat ein Haus gefunden, das vollkommen im Funkschatten liegt. Er will dort demnächst eine Funklochklinik eröffnen, eine Art Sanatorium für Strahlungssensible.

Autor: Franz Schmider