Aus dem Judengarten wurde die Schlosshalde

Richard Kaiser

Von Richard Kaiser

Di, 11. September 2018

Laufenburg

Der Grundriss der Burgruine Hauenstein ist nun auf Vordermann / Die jüngste Vermessung sorgt für neue Erkenntnisse und ein historisches Aha-Erlebnis.

LAUFENBURG. Neue Erkenntnisse hat die jüngste Neuvermessung des Grundrisses der Burgruine Hauenstein gebracht. Vier auszubildende Vermessungstechniker der Flurneuordnungsverwaltung mit Dienstsitz in Bad Säckingen ermittelten zwei Tage lang die Ausmaße der historischen Mauern und zeigen nun ihre Ergebnisse in einem Lageplan auf. Die jetzige topografische Aufnahme wird der letztmaligen von 1883 gegenübergestellt.

Die heutigen Messmethoden bringen zentimetergenaue Koordinaten hervor. Das war vor 135 Jahren, als die ehemalige Burg letztmals katastermäßig vermessen wurde, noch nicht so. Zwar war ein sogenanntes geodätisches Lagefestpunktfeld im gesamten Großherzogtum Baden mit mehr als 50 000 trigonometrischen Punkten (TP) – einer davon aufgrund der exponierten Lage auch an der höchsten Stelle der Hauensteiner Burgruine als Granitpfeiler –, vorhanden, doch die historischen Burgmauern wurden nur auf volle Meter eingemessen. Aber nicht diese "Ungenauigkeit", sondern eine nicht eingemessene Mauerabzweigung samt einer etwas nachlässigen Darstellung der Mauerlinienführung ergab ein unechtes Kartenbild. Und weil der damalige Geometer nicht alle erforderlichen Messungen vorgenommen hatte, musste er den Grundriss teilweise aus dem Gedächtnis heraus ausarbeiten. So war in der bisher gültigen Liegenschaftskarte im südwestlichen Bereich der ehemaligen Burg eine Rundmauer eingezeichnet, die es an dieser Stelle angesichts des nahezu senkrecht abfallenden Bergrückens gar nicht geben konnte.

Die Rundmauer wurde nicht ordnungsgemäß erfasst

Dabei war es so einfach, denn ob des vorhandenen Burg-TP konnte durch Anzielen der koordinierten Kirchtürme Luttingen und Hochsal auf der Burgruine ein Hilfspunkt eingerichtet werden, zu dem vom TP aus eine 73,55 Meter lange Messungslinie führte. Diese wurde an ihren beiden Endpunkten um 14 Meter in westliche und 18 Meter in östliche Richtung bis zu den Mauerendpunkten verlängert und darauf rechtwinklig an vier Stellen die südliche Burgwand eingemessen. Dabei wurde die Rundmauer, die möglicherweise einst eine Bastion umschloss, zahlenmäßig nicht ordnungsgemäß erfasst, sondern zeichnerisch arglos in die Liegenschaftskarte übertragen; just an einem steilen Felsenhang, wo eine Mauer gar nicht stehen konnte.

Anders sieht es im westlichsten Teil der alten Burg aus. Der im bisherigen Plan dargestellte Eckpunkt der Burgmauer ist heute nicht mehr vorhanden. Mit 43,80 Meter ab der östlichen Kante des gegenwärtigen Burgeingangs wurde er 1883 dokumentiert, doch dort befindet sich jetzt ein leicht abschüssiger Felsgesteinsboden. Das könnte bedeuten, dass dieser Burgteil vor 135 Jahren noch vorhanden war. Kenner der Burg vermuten ohnehin in diesem Bereich einen früheren Wohnturm, der teilweise abgestürzt ist.

1892 und 1906 wurde die Burgruine staatlich konserviert. So entstand der aktuelle Grundriss, der sich zum einen mit einem halbrund-diagonalen Mauerwerk im anscheinend abgestürzten Wohnturm zeigt und zum anderen mit einer mit der Jahreszahl 1906 gekennzeichneten restaurierten Steinwand, die schon in einem Plan von 1803 enthalten war. Darin sind zwei überdachte Räume dargestellt, die durch diese Mauer getrennt waren.

Der westliche Burgteil war einst von einer Mauer umschlossen, wie sie im Plan von 1883 ersichtlich ist. 1906 wurde die Mauer teilweise entfernt und etwas abgewinkelt fünf Meter lang neu gezogen, so dass man diesen Teil der Ruine seither in einer Breite von zwei Metern leicht bergauf betreten kann.

Im östlichen Burgteil brachte die Neuvermessung weniger Spektakuläres hervor. Die Mauerlinienführung stimmt weitgehendst überein, zumal sie eine Grundstücksgrenze bildet, die 1883 sorgfältig eingemessen wurde.

Weil der damalige Geometer aber den Innenbereich des östlichen Burgteils nicht erfasst hatte, stellt sich die Mauerbreite, statt früher angenommen zwei Meter, nunmehr mit teils mehr, teils weniger als drei Meter dar. Hätte man auf der bereits erwähnten 73,55 Meter langen Messungslinie noch zwei oder drei weitere Rechtwinkelabstände gemessen, wäre die tatsächliche Breite ganz bestimmt zutage gekommen. Vielleicht wurden diese Maße nicht ermittelt, weil die Ruine seit dem großen "Graf Hans’schen Schlossruinen-Fest" zur Bahnhofseröffnung am 15. Juni 1876 wieder einmal mit Gestrüpp und Dornen zugewachsen war, wie es alle paar Jahre vorkam.

Doch immer wieder sorgten die Bewohner von Hauenstein für Wohlbehagen auf dem herrlichen Flecken hoch über dem Rhein. Im Dritten Reich schlug das Badische Finanz- und Wirtschaftsministerium vor, dass der Platz auf der Burgruine für nationale Feiern und Kundgebungen hergerichtet werden könnte. Das vernahm der seinerzeitige örtliche Fähnleinführer gerne und ließ vom heimischen Jungvolk im Winter 1935/36 an mehreren Samstagen Gebüsch und Knüppelholz entfernen. Auch gab es seinerzeit Freilegungs- und Planierungsarbeiten, wie aus alten Akten hervorgeht, denn "der Schlossplatz soll ein Festplatz für Kundgebungen werden", so die Kreisleitung der damaligen Partei. Dadurch kam dem Vermessungsamt sein trigonometrischer Punkt abhanden. "Er wurde wahrscheinlich kurzerhand entfernt, weil er im Wege stand", lautete die Rückäußerung der zuständigen Stelle.

Judengarten führt auf Legende um Ritter Luithold zurück

Der Grundriss der Überreste des Wahrzeichens der einstigen Grafschaft Hauenstein wurde also auf Vordermann gebracht. Und wenn man schon am Berichtigen war, so wurde auch der für das Burgareal-Grundstück fälschliche eingetragene Flurnamen "Judengarten" abgelegt und stattdessen die bereits 1803 erwähnte Bezeichnung "Schlosshalde" wieder eingeführt. Der Judengarten führt auf eine Legende zurück, wonach Ritter Luithold vom Kreuzzug aus dem Heiligen Land zurückkommend einen getauften Juden mitbrachte. Für den ließ er neben der Burg eine Klause errichten.

Der christliche Klausner legte dort einen Naturgarten an und pflanzte darin Heilkräuter an, die den umliegenden Bewohnern zugutekamen. Aus Dankbarkeit gegenüber dem Klausner, der stets ein vorbildliches Leben führte, wurde das Areal östlich der Burg "Judengarten" genannt; stets mündlich überliefert, bis der Name 1820 ins Grundbuch kam. Bei der Katastervermessung anfangs der 1880er Jahre wurden alle Grundstücke in diesem Gebiet, auch das Burgruinengrundstück, mit dem Gewannnamen "Judengarten" ins Liegenschaftskataster eingetragen. Jetzt aber erhielt dieses Grundstück die Lagebezeichnung "Schlosshalde" und in der Flurkarte den Zusatz "Altes Schloss", wie schon in der Herzoglich-Modenaische-Beschreibung von 1803 so genannt.