Aus dem Kaleidoskop von Herrn und Frau Jedermann

Benedikt Sommer

Von Benedikt Sommer

Mo, 19. November 2018

Emmendingen

Auch bei der 20. Zeitreise mit Texten aus dem Deutschen Tagebucharchiv kam keine Langeweile auf.

EMMENDINGEN. Mit der 20. Zeitreise, diesmal unter dem Titel "Lebenslust – Lebenslast – Lebenskunst", feierte das Team des Deutschen Tagebucharchivs das gelungene Jubiläum seiner beliebten Lesereihe. Im voll besetzten Bürgersaal des Alten Rathauses erlebten gebannte Gäste spannende und bewegende Einblicke in unterschiedlichste Lebensentwürfe.

Unter den gut 15 000 Tagebücher des Archivs gebe es die ganze Bandbreite an Texten, sagte Vorsitzende Marlene Kayen: banale und einfache, lustige und peinliche. Eines seien diese Texte aber nie: langweilig. Langeweile kam an diesem Abend tatsächlich keinen Moment lang auf. Zu vielfältig und faszinierend waren die Texte, Menschen und Schicksale, die das Team des Archivs ausgewählt hatte. Zeitlich spannte sich der Bogen über fast 200 Jahre deutsche Geschichte, sozial über viele Schichten der Gesellschaft, räumlich von den Anden bis in die Bukowina. Das Archiv wolle seine thematische Vielfalt zeigen, ein Schaufenster bieten, sagte Jutta Jäger-Schenk. Einmal mehr förderten die Erfasser der Texte aus der Tiefe des riesigen Bestands wahre Schätze ans Tageslicht.

Hervorgehoben seien hier nur drei Beispiele. Etwa die abenteuerliche Geschichte des Kaufmanns Ernst Neumann, der sich 1902 auf einer Einkaufsreise in Valparaiso befindet. Um nicht drei Wochen auf das nächste Schiff warten zu müssen, entscheidet er sich für den direkten Weg nach Buenos Aires, über die Anden. Per Maultier, zu Fuß, mit dem Zug. Packend erzählt er von lauernden Räuberbanden, unüberwindlichen Schneefeldern und den ungeheueren Strapazen der leichtsinnigen Reise. Oder die an Schnitzler oder Strindberg erinnernden Einblicke in Maria Bauers Liebesleben zur Zeit der Weimarer Republik. Vom Ehemann betrogen, beginnt die Tochter einer bürgerlichen Familie selbst eine leidenschaftliche erotische Beziehung zu einem Freund der Familie. In einer Ménage-à-trois durchlebt sie alle Höhen und Tiefen, die in einen Selbstmordversuch münden. Reflektierend versucht sie Strukturen in ihr emotionales Chaos zu bringen, ihre Motive zu analysieren. Oder die ergreifenden Notate des jüdischen Ingenieurs Ernst Rosenzweig, der in Bukarest, nur auf Grund seines Berufs geduldet, alle finanziellen Mittel zur Unterstützung seiner deportierten Familie ins Konzentrationslager schickt und sich in seinem Tagebuch selbst Mut und Hoffnung zuspricht.

Von fast allen Texten würde es sich lohnen, mehr zu erzählen, will man mehr erfahren. Etwa von der an Krebs erkrankten Kunstexpertin Waltraud Ganguly, auch wenn Moderatorin Christa van Husen routiniert Vor- und Nachgeschichten beisteuerte. Die Texte sind nachzulesen in der neuen Broschüre des Tagebucharchivs. Die Abenteuer der Malerin des schönen Titelblatts, Kiki Suarez, sind dort auch zu finden. Besondere Freude bereiteten die musikalischen Geschichten, die der Stummfilmpianist Günter Buchwald auf dem Klavier beisteuerte. Mal cool, mal höchst dramatisch, reflektierte seine Musik das Gehörte.

Auftakt und Ende der Lesungen blieben dem 91-jährigen Gründungsmitglied Archivs, Evamaria Strunk, vorbehalten. Ihre Aufzeichnungen über die Abenteuer und Unbilden des Alters umrahmten mutig, froh und unerschrocken, vor allem aber ungemein lebendig dieses funkelnde "Kaleidoskop von Herrn und Frau Jedermann" (Marlene Kayen).

Es lasen: Waltraud Eltermann, Rainer Glaser, Marlen Kayen, Friedrich Kupsch, Christel Olejar, Annika Sindlinger, Evamaria Strunk, Frauke Vrba und Ursula Weiss. Hans Dieter Schmitz präsentierte die Bilder.