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15. August 2015 00:00 Uhr

Vietnam

40 Jahre nach dem Krieg: Bombenkrater werden Biotope

Als 1975 der Vietnamkrieg endete, glichen weite Teile des Kampfgebiets einer Mondlandschaft. Heute wächst dort wieder Wald. Doch viele Vietnamesen leiden unter den Spätfolgen von Agent Orange.

  1. Heute: Im einstigen Kriegsgebiet wachsen wieder Bäume Foto: Martin Egbert

  2. Vor 40 Jahren: Vietnam, ein verwüstetes Land Foto: Martin Egbert (2)/afp

Vor vierzig Jahren endete der Vietnamkrieg. Am 17. Breitengrad tobte er besonders heftig. Bomben und Entlaubungsmittel verwandelten das einstige Waldgebiet in eine Mondlandschaft. Heute sind weite Flächen der Provinz Quang Tri wieder aufgeforstet, ein Teil sogar bald mit nachhaltig bewirtschafteten Mischwäldern. Viele Vietnamesen leiden aber immer noch unter den Spätfolgen von Agent Orange.

Viet Than (56) bahnt sich einen Weg durch das Unterholz. Auf dem Kopf trägt er einen olivgrünen Tropenhelm. Mit einem Kugelschreiber hat er Mr. Than auf die Rückseite geschrieben. So kann er ihn nicht verwechseln. Fast alle Kollegen des Forstingenieurs schützen sich so gegen die sengende Sonne.

Auch die Soldaten der nordvietnamesischen Armee trugen die leichten Helme, die zwar militärisch aussehen, aber kaum Schutz gegen Bomben und Granaten geboten haben dürften. Die einfach ausgerüsteten Dschungelkrieger kämpften besonders hier am 17. Breitengrad in der Provinz Quang Tri, der alten Demarkationslinie zwischen dem kommunistischen Norden und dem Süden des Landes, erbittert gegen die technologisch hoch überlegene Armee Südvietnams und ihre US-amerikanischen Verbündeten. Letztere überzogen das Land mit einem Flächenbombardement, das die Welt bis dato nicht gesehen hatte. Nirgendwo auf dem Planeten wurden so viele Bomben abgeworfen wie über Quang Tri. Auf die Provinz gingen vier Millionen Tonnen Bomben und Minen nieder, mehr als im Zweiten Weltkrieg weltweit. Sie hinterließen unzählige tote, verletzte und vergiftete Vietnamesen. Noch heute leiden fast 16 000 Menschen in der Provinz an den Folgen der eingesetzten Entlaubungsgifte. Der Krieg verursachte aber auch eine ökologische Katastrophe.

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"Hier standen nur noch ein paar verkohlte Baumstümpfe, der Rest war Wüste mit Kratern." Viet Than kam kurz nach dem Kriegsende vor vierzig Jahren in die Provinz. Schon bald begann er für die Ben Hai Forestry Company zu arbeiten, eines von drei großen staatlichen Forstunternehmen in der Provinz.

Vor dem Krieg waren große Teile Quang Tris mit Naturwald bewachsen. Zwei Drittel wurden zerstört. Mit der Vernichtung ging auch der Artenreichtum der Region verloren. Früher lebten in den Wäldern Tiger, Malaienbären und Makaken. Um Wasser und Böden zu schützen, begann die Regierung nach 1975 mit der Wiederaufforstung. Viet Than und seine Kollegen räumten Blindgänger und pflanzten neue Bäume. Keine ungefährliche Arbeit. Seit Kriegsende hat es in der Provinz achttausend Unfälle mit Blindgängern und Landminen gegeben. Heute ist die Hälfte Quang Tris wieder mit Wald bedeckt.

Nach den Narben des Krieges aber braucht man nicht lange zu suchen. Viet Than zeigt in einen der Bombenkrater. "Wir lassen dort Pflanzen wild wachsen." Die Namen von fast zwanzig verschiedenen Arten sprudeln aus ihm heraus. Diese wiederum geben Schmetterlingen, Käfern, Füchsen, Schlangen oder Kröten Raum zum Leben.

Eine notwendige Auflockerung auf den ansonsten nur mit Kiefern und Akazien bepflanzten Flächen. In den Forsten der Nachbarschaft gesellen sich Kautschuk- und Eukalyptusplantagen dazu, unterbrochen nur von kleinen Reisfeldern, Bananenstauden oder Pfefferbäumen. Nach der Ernte werden die Holzplantagen brandgerodet. Zurück bleibt wiederum eine Wüste, die von Neuem bepflanzt wird. Das geht am schnellsten und ist kostengünstig – so die hergebrachte Meinung.

Kampf für Bodenqualität

Auf der Strecke bleiben Bodenqualität und Biodiversität. Die Ben Hai Forestry Company aber geht neue Wege: Die Biotope in den Bombenkratern zum Beispiel nutzt sie, um eine der zehn Kriterien für die Zertifizierung mit dem FSC-Siegel zu erfüllen. Das Label für Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft schreibt einen Mindestanteil solcher Lebensräume für Flora und Fauna vor. Andere Kriterien sind das Verbot der Brandrodung oder die Einhaltung von Schutzzonen um die Wasserquellen, aber auch eine faire Bezahlung der Mitarbeiter und die Einhaltung von Sicherheitsstandards.

Seit 2011 ist die Ben Hai Forestry Company mit dem FSC-Label zertifiziert. Langfristig soll ihr das bessere Zugänge zu den Märkten ermöglichen. Daran hat auch die Forest Finance aus Bonn ihren Anteil. Gemeinsam mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat das Unternehmen für Waldinvestments Viet Than und seine Kollegen in nachhaltiger Forstwirtschaft geschult.

Das geschah nicht ohne Eigennutz. Von den fast 10 000 Hektar, die die Ben Hai Forestry Company bewirtschaftet, hat Forest Finance etwa zehn Prozent unter Vertrag. Sie sind mit Akazien bepflanzt und werden nach Vorgaben bewirtschaftet, die noch ein ganzes Stück über die FSC-Kriterien hinausgehen. Finanziert wird das mit dem Geld von knapp neunhundert Anlegern aus Deutschland. "Wir wandeln langfristig die Akazienplantagen in biodiverse Mischwälder um", erklärt einer der Mitarbeiter, der Forstingenieur Burkhard Gutzmann.

Über eine rote Holperpiste geht es in den Wald. Die tropischen Böden sind nährstoffarm, und sie waschen schnell aus. "Zur Aufwertung brauchen sie eine Humusschicht, Äste, Laub und Totholz bleiben deshalb liegen." Unter Gutzmanns Stiefeln raschelt und knackt es, während er durch Farne und Gräser stapft. Auch andere Baumarten als die Akazie wachsen hier. Und vor allem auch Bäume unterschiedlichen Alters. So spenden sich gegenseitig Schatten und müssen nicht auf einen Schlag geerntet werden.

Bereits jetzt hat sich das Leben der Angestellten des staatlichen Forstunternehmens durch die Zertifizierung nach den FSC-Kriterien verbessert. Mit einem Lächeln begrüßt uns Forstarbeiterin Le The Hang vor ihrem neu gebauten Haus. Innen steht neben dem obligaten Altar für die Ahnen ein Flachbildschirm vor einer neuen Sitzgarnitur aus dunklem Holz. Auch ein Kühlschrank und ein neuer Motorroller zeugen vom bescheidenen Wohlstand. "Ich verdiene das Doppelte des Mindestlohns", sagt Le The Hang zufrieden. Zudem ist sie sozialversichert.

Auf dem Weg zurück halten wir an einem der vielen Kriegsgräberfriedhöfe. In langen Reihen stehen die Steine von rund 10 000 Gräbern. Unser Fahrer Tuan Vui kauft ein Bündel Räucherstäbchen. Vor dem Grab seines Vaters zündet er es an. Während der Rauch aufsteigt, bleibt er mit gesenktem Kopf stehen. Tuan Vui war sieben Jahre alt, als sein Vater auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad fiel. "Ich erinnere noch, wie jeden Tag die Bomber kamen." Fast jeder in der Region trägt so eine Geschichte in sich. Diese Wunden kann der Wald nicht heilen. Mit seinen Biotopen in Bombenkratern aber zumindest die Narben, mit denen der Krieg die Umwelt gezeichnet hat.

Autor: Klaus Sieg