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11. April 2015 00:10 Uhr

Reportage

Niedergang: Immer mehr junge Menschen verlassen Portugal

Alle reden über Griechenland. Aber in Portugal sieht es nicht viel besser aus. Der Niedergang setzt sich fort, immer mehr junge Menschen verlassen das Land. Eine Reportage.

  1. Auf Wiedersehen, Portugal: Zehntausende, jung und gut ausgebildet, suchen das Weite. Foto: AFP

  2. Die Jungen gehen, die Alten bleiben – Portugals Zukunft? Foto: AFP

  3. Pedro Santos studiert Jura. Foto: Andreas Strepenick

  4. Joana Sousa studiert Tanz. Foto: Andreas Strepenick

  5. Manuel Xavier, hoch spezialisierter Physiker, mit seiner Freundin Rita Pereira Foto: Andreas Strepenick

Pedro Santos liebt sein Land. Die Menschen, die Kultur. "Aber ich weiß, dass es sehr schwierig für mich sein wird, hier jemals eine gute Arbeit zu finden." Santos ist Portugiese. Der 18-Jährige studiert Rechtswissenschaften in Lissabon. Seit September vergangenen Jahres besucht er die Faculdade Direito Universidade Lisboa. Er gehört nicht, wie so viele seiner Studienkollegen, einer Juristen-Dynastie an. Sein Vater ist kein Richter, seine Mutter keine Anwältin. "Ich bin der Einzige in meiner Familie, der mit Recht zu tun hat", sagt Santos. Er wird sich ohne gute Beziehungen durchs Leben schlagen müssen.

Aber er fürchtet sich nicht davor. Der junge Student gehört zu den Besten seines Jahrgangs. Er war Chef der Schülerzeitung an seiner Oberstufe, schreibt seit Jahren seinen eigenen Blog und spricht fünf Sprachen. "Ich werde mit meinem Abschluss auch in anderen Ländern arbeiten können", sagt er. In Spanien, Italien, Frankreich – oder auch in Deutschland. "Alle diese Länder haben ähnliche Rechtssysteme, und vor allem mit Deutschland pflegen wir enge Beziehungen." Viele seiner Dozenten, sagt Santos, haben in Deutschland studiert. Seine Fakultät in Lissabon organisiert ein Partnerprogramm mit der Uni Heidelberg.

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Vier Jahre lang musste der junge Portugiese beobachten, wie seine Heimat, ohnehin schon das ärmste Land Westeuropas, immer tiefer in die Krise geriet. 2011 war der Staat hoffnungslos überschuldet und nahezu bankrott. Portugal stand mit dem Rücken zur Wand, schlüpfte unter den Rettungsschirm der Europäischen Union und ließ zu, dass fortan die Troika seine Geschicke bestimmte. 78 Milliarden Euro bekam Portugal vom Internationalen Währungsfonds und der EU. Im Gegenzug zwang die Regierung den 10,5 Millionen Einwohnern ein brutales Sparprogramm auf. Gerade wegen dieser Brutalität gilt Portugal heute – in den Augen der Mittel- und Nordeuropäer – als Musterschüler. Im Mai 2014 konnte Portugal den Rettungsschirm wieder verlassen. Nach drei Jahren der Rezession wuchs die Wirtschaftsleistung des Landes zuletzt um 0,9 Prozent.

Niedergang setzt sich fort

Seither hört man nicht mehr viel von Portugal. Aus Sicht der meisten Europäer hat das Land seine Krise überwunden. Griechenland steht im Fokus. Tatsächlich aber setzt sich der Niedergang auch im Westen der Iberischen Halbinsel fort. Zwei Millionen Portugiesen leben inzwischen am Rande der Armut. Das ist jeder fünfte Bewohner des Landes. Es gibt nicht genügend Jobs. Die Jugendarbeitslosigkeit lag zuletzt bei 36,3 Prozent. Viele Menschen hätten keine Perspektive für die Zukunft, sagt der Theologe Kardinal Manuel Clemente. Der Patriarch von Lissabon klagt, dass "viele Familien ihre Grundbedürfnisse nicht mehr befriedigen können". Noch drastischer formuliert es Isabel Jonet, die Gründerin einer Hilfsorganisation, die Lebensmittel für Bedürftige sammelt und an sie verteilt. "Viele alte Menschen", sagt Jonet, "müssen sehr oft entscheiden, ob sie Essen oder Medikamente kaufen." In den Notaufnahmen der staatlichen Krankenhäuser wächst die Zahl der Todesfälle. "Die Gesundheitspolitik hat Konkurs angemeldet", erklärt Carlos Cortes, Chef der Ärztekammer in der Zentrumsregion Lissabon.

Die Not ist groß. Noch schlimmer aber ist in den Augen vieler Intellektueller, dass es keine Hoffnung für die Zukunft zu geben scheint. "Portugal wird noch Jahrzehnte brauchen, um die Krise zu überwinden. Wenn mein Land es überhaupt noch einmal schafft", sagt Carlos Cipriano, ein Journalist der Tageszeitung Público in Lissabon. Was also bleibt der jungen Elite eines Landes, das im Jahr 1986 mit so großen Hoffnungen der Europäischen Union beigetreten war? Wie sehen die jungen Erwachsenen ihre eigene Zukunft? Pedro Santos, der Jurastudent, gehört einer Generation an, die sich international aufstellen möchte. "Ich kann mir vorstellen, in mehreren Ländern gleichzeitig zu arbeiten", sagt er. Ein paar Tage in der Woche hier, ein paar Tage in der Woche dort: "Das tun schon jetzt viele Juristen, die ich kenne." Santos kann sich auch vorstellen, Portugal zu verlassen: "Aber ich will nicht mein ganzes Leben im Ausland verbringen."

Pedro Santos, Isaque Vicente, Joana Sousa, Manuel Xavier, Ines und Pedro Querrido: Sie alle haben gemeinsam, dass sie jung sind, intelligent, mehrsprachig und gut ausgebildet. Sie alle kommen aus der Kleinstadt Caldas da Rainha 80 Kilometer nördlich von Lissabon. Sie alle würden es vorziehen, in Portugal zu bleiben. Aber sie bauen auch an einer Zukunft in der Ferne. Ines und Pedro Querrido, zwei Geschwister, leben bereits in Deutschland. Ines ist Künstlerin und hat im vergangenen Jahr Fotografien in Emmendingen ausgestellt. Pedro ist Übersetzer. Er spricht ein halbes Dutzend Sprachen fließend und zog im vergangenen Winter nach Berlin.

"Ich bin wirklich zuversichtlich, was meine Zukunft angeht." Joana Sousa (21)
Joana Sousa weiß noch nicht, in welches Land sie am Ende ziehen wird. Die 21-Jährige studiert Tanz. Zwei Jahre lang hat sie sich an einer Schule in Lissabon auf eine Karriere als Balletttänzerin vorbereitet, ihr letztes Studienjahr verbringt sie in den Niederlanden: an der Artez Hogeschool voor de Kunsten in Arnheim. "Ich bin wirklich zuversichtlich, was meine Zukunft angeht", sagt sie. Allerdings ist ihr klar, dass es vielleicht keine Zukunft in Portugal sein wird. Im Juli beendet sie ihr Studium in Arnheim. Überall in Europa sucht sie jetzt nach Schulen und Theatern, in denen sie vortanzen oder ein Praktikum absolvieren kann. "Ich will gleich nach den Prüfungen anfangen zu arbeiten", sagt sie. Natürlich, so die 21-Jährige, sei es als Tänzerin generell nicht einfach, eine gutes Engagement zu bekommen. "Aber Europa bietet mir so viele Möglichkeiten, dass es ganz sicher irgendwo klappen wird." Sousa glaubt nicht, dass es gänzlich ausgeschlossen ist, einen Job in ihrem Heimatland zu finden – als Tanzlehrerin vielleicht oder für einzelne Aufführungen. Aber es würde sicher alles andere als leicht sein, sich in Portugal auf Dauer durchzuschlagen und genügend Geld zu verdienen, um ein eigenes Leben aufbauen zu können – geschweige denn eine Familie mit Kindern zu gründen. Also surft Sousa im Internet und sucht nach den Möglichkeiten, die sich ihr in den Niederlanden, in Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien bieten – oder auch in den USA. "Ich werde meinen Platz in der Welt finden", sagt sie. "Ich bin fleißig, ehrgeizig und entschlossen."

So wie Joana Sousa wenden immer mehr junge Menschen ihrer Heimatstadt Caldas da Rainha den Rücken zu. Es ist eine neue Form der Emigration. Es sind nicht mehr die armen, schlecht ausgebildeten Bauern und Arbeiter, die wie vor einem halben Jahrhundert ihre Dörfer verließen, um in den Fabriken Deutschlands und Frankreichs Güter zu produzieren. Es sind junge Intellektuelle, Ärzte, Künstler, Forscher – jene Menschen, die die Zukunft eines Landes an entscheidender Stelle mitgestalten könnten. Bis zu 100 000 Menschen, überwiegend jung und gut ausgebildet, hätten Portugal allein im vergangenen Jahr verlassen, schätzt die Tageszeitung Público. Das ist ein Prozent der Bevölkerung.

Die Gazeta das Caldas, Wochenzeitung der Region an der Silberküste mit Sitz in Caldas da Rainha, veröffentlicht seit ein paar Jahren jeden Freitag das Porträt eines jungen Menschen, der in die Fremde zog. Es ist die meistgelesene Rubrik des Blattes. Nichts verschlingen die Daheimgebliebenen Woche für Woche so gebannt wie die Berichte der Novos Emigrantes, der neuen Auswanderer. Ein 27-Jähriger erzählt von seinem gut dotierten Management-Job in Mosambik; ein 23-Jähriger von seiner Arbeit als Assistent der Geschäftsführung eines Unternehmens in China; eine 24-Jährige von ihrem Aufbaustudium als Tierärztin in Schweden.

Eindrücklich werden die Berichte der neuen Emigranten immer dann, wenn sie schildern, was sie am meisten vermissen in der Ferne. "Ich denke so oft an meine Familie und an diejenigen, die mir nahestehen", sagt Joana Sousa. "Ich vermisse die Küche meiner Mutter, unsere Katze, den Geruch unseres Hauses, die nächtlichen Spaziergänge mit meinen Freundinnen, das Theater in Lissabon..." Sousas Liste ist lang. Sie hat fürchterlich gefroren den ganzen Winter über in Holland, träumt von der Sonne Portugals und vom Atlantik. Um sich in Arnheim fortbewegen zu können, kaufte sie sich sogar ein Fahrrad – für junge Portugiesinnen und Portugiesen ein eher unübliches Gefährt, um von A nach B zu kommen. Am meisten aber hat sie der graue Himmel bedrückt, den sie so oft sah, wenn sie morgens in Holland erwachte. In Portugal ist der Himmel in der Regel blau.

Die Meisten wollen ins Ausland

Manuel Xavier genießt gerade die Wintersonne in seiner Heimat. Mit seiner Freundin Rita Pereira ist er übers Wochenende aus Lissabon nach Caldas da Rainha zurückgekehrt, um seinen Vater zu besuchen. Xavier studiert Physik. Der 25-Jährige ist ein hoch spezialisierter junger Wissenschaftler. Sieben Jahre lang hat er in Lissabon studiert, im Sommer wird er fertig sein. "Ich habe dann vor allem zwei Möglichkeiten: Ein Jahr aussetzen, mir irgendeinen Job suchen und mich mit Dingen beschäftigen, die ich gern tun möchte – oder aber eine Doktorarbeit schreiben." Xavier weiß, dass er für diese Doktorarbeit ins Ausland gehen müsste. "Ich beschäftige mich mit der Geschichte und der Philosophie der Physik", sagt er. Es gehe ihm weniger um praktische Anwendungen als um grundlegende Theorien. "In der Zeit der Krise gibt es aber für Themen, die nicht schnell zu möglichen Anwendungen führen, kein Geld."

Von den 20 Studenten, die an der Faculdade de Ciências da Universidade de Lisboa kurz vor dem Abschluss stehen, seien drei Viertel sehr besorgt über ihre Zukunft, berichtet Xavier. "Die meisten wollen ins Ausland gehen." Der 25-Jährige würde furchtbar gern in seiner Heimat bleiben. "Ich will für dieses Land etwas tun." Aber die Aussicht, in seinem Fachgebiet beruflichen Erfolg zu haben, sei gleich null. "Ich wurde in diesem Land geboren", sagt er. "Es wäre unendlich schade, wenn ich es verlassen müsste." Portugal habe so viel Potenzial, die Menschen seien so reich an Talenten.

"Unsere Politiker sind Opportunisten, die nur den schnellen Erfolg suchen." Manuel Xavier
Vor einem halben Jahrtausend hätten die Portugiesen die Geschichte der Welt mitgestaltet. Xavier erinnert an die großen Entdecker. An Heinrich den Seefahrer, der die Küsten Afrikas erkundete; an Magellan, der die Meere rund um den Globus befuhr; an Vasco da Gama, der den Seeweg nach Indien entdeckte. "Aber seit damals ist es mit unserem Land bergab gegangen." Xavier spricht von korrupten Politikern und von den Schulden, die sie gemacht hätten – nicht zuletzt, um sich selbst und ihre Freunde zu bereichern. "Unsere Politiker sind Opportunisten, die nur den schnellen Erfolg suchen."

Der junge Physiker ist traurig darüber, dass es vielen Menschen in seinem Land an Selbstbewusstsein mangelt. "Die Portugiesen glauben immer, sie seien nicht so gut wie die anderen", sagt er. Deshalb seien sie auch so gute Gastgeber für ausländische Touristen: "Wir schauen zu ihnen auf und bewundern sie." Xavier würde sich wünschen, "dass wir den Blick auch auf uns selbst lenken: auf den Reichtum, der in uns ist." Ihm ist klar, dass Portugal vom Rest der Welt abhängig ist, dass es die Grenzen nicht schließen kann, dass die Rückkehr zu einer eigenen Währung die Probleme kaum lösen könnte: "Aber wenn wir schon keine ganz großen Dinge tun können, dann doch vielleicht viele kleine."

Die jungen Portugiesen wissen, dass sich ihr Land nie zu einem Tigerstaat nach dem Vorbild asiatischer Länder entwickeln wird. Sie wissen, dass die bescheidene Wirtschaft mit den hoch industrialisierten Ländern im Norden Europas niemals wird konkurrieren können. Aber sie denken auch nicht, dass sich alles allein um die Wirtschaftsleistung drehen muss. Sie sprechen von Gemeinschaft, Solidarität, Bürgersinn und verweisen auf die eindrucksvolle Kulturgeschichte ihrer Heimat. Die Weltliteratur, verkörpert von Poeten wie Camões und Pessoa; Musik, Theater und Tanz. Erstaunlich viele junge Portugiesen interessieren sich für Philosophie.

Auch Pedro Santos, der 18-jährige Jurastudent, beschäftigt sich gerade mit Rechtsphilosophie – "etwa damit, wie Gesellschaften organisiert sind". Wo auch immer er eines Tages arbeiten wird – er will auf jeden Fall in seine Heimat zurückkehren. Der Portugiesen wegen. An seinem Land schätzt er am meisten, wie die Menschen sind.
Portugiesische Auswanderer

Portugal hat rund 10,5 Millionen Einwohner. Nach Angaben der Tageszeitung Público verließ seit Beginn der Krise jedes Jahr rund ein Prozent der Bevölkerung das Land. 2011 schlüpfte Portugal unter den Rettungsschirm der Europäischen Union. Seit 2012 hätten also, wenn die Zahlen stimmen, rund 300 000 Menschen ihrer Heimat den Rücken gekehrt.

Dabei handele es sich mehrheitlich um junge Auswanderer, so der Público. Nicht eingerechnet seien Studentinnen und Studenten, die gegenwärtig an einer ausländischen Universität eingeschrieben seien – etwa im Rahmen des europäischen Erasmus-Programms. Die Mehrzahl der neuen Emigranten sei darüber hinaus überdurchschnittlich gut ausgebildet. Das Nationale Institut für Statistik, Instituto Nacional de Estatística, nennt geringere Zahlen. Danach hätten im Jahr 2013 knapp 54 000 Menschen das Land verlassen, knapp 18 000 seien eingewandert. Zahlen aus dem Jahr 2014 liegen noch nicht vor. Keine Angaben macht das Institut über das Alter der neuen Emigranten. Unklar ist auch, wie viele der Auswanderer tatsächlich die portugiesische Staatsbürgerschaft besitzen. In Spanien etwa wurde die Mehrzahl der Auswanderer nicht im Land selbst geboren. Die Jugendarbeitslosigkeit in Portugal lag im Februar dieses Jahres bei 36,3 Prozent. Die wirtschaftliche Lage scheint sich langsam zu stabilisieren.

Autor: Andreas Strepenick