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30. Juli 2015

Reportage

Aus Eritrea fliehen pro Monat 5000 Menschen nach Europa

Aus Eritrea, wo es weder offenen Krieg noch richtig Frieden gibt, fliehen pro Monat 5000 Menschen Richtung Europa – unser Korrespondent hat das arme Land bereist.

Sonntagmorgen in Asmara. Die mit Palmen gesäumten Alleen der schönsten Stadt Afrikas füllen sich mit Leben. Junge Pärchen flanieren vorbei an stilvollen, etwas mitgenommenen Häuserfassaden. Auf den von italienischen Stadtplanern bedacht entworfenen Straßenzügen überholen Karossen aus den 60er Jahren Eselskarren, die Glocken mächtiger Kathedralen wetteifern mit dem von spitzen Minaretten tönenden Ruf der Muezzine. Im Café Zilli, das als Filmset für "Casablanca" dienen könnte, wird Macchiato gereicht; im Cinema Roma, das mit dem Art-Deco-Stil an edlere Zeiten erinnert, wischen Putzfrauen das 80-jährige Holzgestühl.

Und diese Idylle soll Afrikas Hölle sein?

In Eritrea herrsche ein "totalitäres Regime", dessen "Ausmaß und Umfang nahezu beispiellos" sei, heißt es in einem von der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen jüngst veröffentlichten Bericht. In dem Kleinstaat am Horn von Afrika käme es regelmäßig zu "außergerichtlichen Hinrichtungen, weit verbreiteten Folterungen, sexueller Sklaverei und Zwangsarbeit" – in manchen Presseberichten wird Eritrea sogar als "Afrikas Nord-Korea" bezeichnet.

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Tatsache ist, dass der gut sechs Millionen Einwohner zählende Staat seine Bevölkerung gegenwärtig so schnell verliert wie ein schwindsüchtiger Motor sein Öl. Rund fünftausend Eritreer verdrücken sich nach UN-Angaben Monat für Monat aus ihrer Heimat. Neben den Syrern sind es vor allem Eritreer, die zu Zigtausenden in Richtung Europa strömen – und dabei zu Hunderten im Mittelmeer ertrinken. Von "Reportern ohne Grenzen" wird das Land als das für Journalisten gefährlichste Pflaster der Welt geführt: Regelmäßig sollen hier Berichterstatter eingesperrt werden oder sogar spurlos verschwinden.

Mehr als ein Jahrzehnt lang hatte ich vergeblich versucht, in den schauerlich schönen Staat zu gelangen: Ein Visum für Eritrea zu ergattern, gilt als härteste Nuss eines Afrika-Korrespondenten. Mit diplomatischer Unterstützung war es schließlich doch so weit: Eritreas Botschafter in Pretoria, der im strengen südafrikanischen Winter schlotternd in seinem unbeheizten Büro saß, stellte sich als durchaus freundlicher Mensch heraus. Kurze Zeit später klebt das Visum im Pass.

Die nächste Herausforderung war logistischer Natur. Vom eigenen Kontinent aus wird der Pariastaat außer aus Kairo nicht angeflogen: Wer aus dem Süden kommt, muss einen Umweg über die Arabischen Emirate in Kauf nehmen. Als die Maschine aus Qatar schließlich auf Asmaras Flughafen aufsetzt, springen die Passagiere noch auf dem Rollfeld aus ihren Sitzen auf: Die zum Sommerbesuch aus aller Welt eintreffenden Exil-Eritreer können es nicht erwarten, endlich wieder heimischen Boden unter den Füßen zu haben.

Das Informationsministerium hatte auf einem detaillierten Besuchsprogramm bestanden. Als das nicht geliefert wird, ist es allerdings auch nicht so schlimm. Der Aufpasser, der in einem wirklichen Stasi-Staat den Journalisten nicht aus den Augen lassen würde, meint es auch nicht so ernst: Schon am ersten Tag werden Reporter und Fotograf alleine gelassen – und können in Asmara ungestört auf Maria Teklehaimanot stoßen.

Die Eritreerin heißt in Wahrheit nicht so, wie auch andere Einzelheiten ihrer Person leicht verändert werden mussten: Die Regierung in Asmara würde Marias Offenheit gewiss nicht zu schätzen wissen. Die gut aussehende Frau ist knapp 30 Jahre alt und hat lange geglättete Haare. Maria geht gleichzeitig drei Berufen nach, wovon sie einen mit fast allen ihren Landsleuten teilt: Sie ist Wehrpflichtige und muss in dieser Eigenschaft Kinder unterrichten. Dafür erhält sie 145 Nakfa im Monat – auf dem Schwarzmarkt kriegt man nicht einmal drei US-Dollar dafür. Weil allein die Miete 2000 Nakfa kostet, malocht Maria auch abends und an den Wochenenden. Auch das unterscheidet sie nicht von ihren Landsleuten.

Maria liest Schopenhauer, hört gerne Jazzmusik und lädt sich amerikanische und europäische TV-Serien aus dem Internet herunter. Sie trifft sich mit ihren Freunden in der Diana-Bar, in der der Jazzmusiker Lonnie Johnson oder Jimmy Hendrix aufgelegt werden, und trinkt Ariki, eine Art eritreischen Ouzo. Eine ihrer Freundinnen wurde kürzlich zum zweiten Mal beim Fluchtversuch in den Sudan erwischt und sitzt jetzt für sechs Monate im Gefängnis. Ein Freund, der über Äthiopien das Weite suchen wollte, ist spurlos verschwunden. Von den fast 80 Jugendlichen, die einst die Schulbank mit ihr drückten, sind nur noch 15 im Land – doch Maria selbst denkt nicht ans Gehen. "Dafür mag ich Asmara viel zu sehr", sagt sie und lacht.

Er rate jedem Jugendlichen von der Flucht ab, gibt ein schwedischer Eritreer, der seiner Heimat bereits vor 30 Jahren den Rücken kehrte, in der Diana-Bar bekannt: Allerdings würde kaum einer auf ihn hören. Das ist auch kaum verwunderlich: Die Goldkette, der glänzende Mietwagen vor der Tür und sein selbstbewusstes Auftreten sprechen eine andere Sprache. Viele Eritreer könnten womöglich schon zum Bleiben überredet werden, wirft Maria ein: Wenn nur dieser unbefristete Militärdienst nicht wäre.

Informationsminister Yemane Ghebremeskel, der die Besucher in seinem auf einem Hügel über der Stadt thronenden Amtssitz empfängt, scheint ob des Aderlasses seiner Landsleute nicht weiter beunruhigt zu sein. Migration sei heute normal, sagt der Minister. Und fügt nicht hinzu, dass seine Regierung davon auch profitiert. Denn die fast eine Million Exil-Eritreer überweisen jährlich mehr als eine Milliarde Dollar nach Hause. Dass die Abwanderung hierzulande so hoch sei, müsse vor allem dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen angelastet werden, fährt der Minister fort: Weil dieses empfehle, eritreischen Flüchtlingen praktisch automatisch ein Recht auf Asyl zuzuerkennen. Viele würden so ermutigt, ihre Heimat zu verlassen – während sich aus dem gleichen Grund auch zahlreiche Äthiopier als Eritreer ausgäben und somit die Statistik noch weiter verzerrten. "Nur ein Beispiel", sagt der Minister, "welche verheerenden Auswirkungen falsche Interventionen der internationalen Gemeinschaft haben."

Falsch behandelt fühlen sich die Eritreer schon seit Jahrhunderten. Bis zu ihrer Unabhängigkeit 1993 wurden sie von Fremdmächten herumschikaniert: Erst von den Ottomanen, seit 1890 von der italienischen Kolonialmacht. Als diese 1941 von den Alliierten aus Afrika vertrieben wurde, rissen sich die Engländer die Kolonie unter den Nagel. Und bei der Entkolonialisierung Anfang der 60er-Jahre wollte die UN dem kleinen Staat partout nicht die ersehnte Unabhängigkeit zuerkennen. Sie unterstellten ihn dem äthiopischen Nachbarn als Protektorat. Kurze Zeit später eignete sich Kaiser Heile Selassi das Territorium ganz an. Und als sich 1974 in Addis Abeba die berüchtigte Militärjunta der Dergs an die Macht putschte, breitete sich deren "roter Terror" auch über Eritrea aus.

Schon damals verließen viele Eritreer ihre Heimat oder gingen in den Untergrund. Die Eritreische Volksbefreiungsfront (EPLF) kämpfte gemeinsam mit äthiopischen Rebellen gegen den Derg-Führer Mengistu Haile Mariam. Als sie den blutrünstigen Diktator 1991 schließlich besiegten, wurde den Eritreern zum Dank für die Waffenbrüderschaft ein Volksentscheid über ihre Abspaltung von Äthiopien gewährt. Mit 99,83 Prozent plädierten sie für ihre Unabhängigkeit und feierten 1993 die Einsetzung der ersten Regierung in ihrer Geschichte, die sie die ihre nennen konnten.

Über fünf Jahre blühte der Staat auf – dann folgte die Katastrophe. Nach der Unabhängigkeit hatten sich die Beziehungen zum äthiopischen Nachbarn rapide verschlechtert: Der große Bruder war erbost, dass es Eritrea mit der Eigenständigkeit tatsächlich ernst nahm und sogar eine eigene Währung einführte. Streitereien über den Grenzverlauf führten zu ersten militärischen Zusammenstößen, die im Mai 1998 schließlich zu einem regelrechten Krieg eskalierten. In dem dreijährigen Waffengang kamen mehr als 70 000 Menschen ums Leben. Erreicht wurde nichts – außer, dass zwei der ärmsten Länder der Welt nun noch viel ärmer waren.

Eritreer bezeichnen den Zustand seit dem Ende des Krieges als "no peace and no war". Entlang der über 900 Kilometer langen Grenze stehen sich argwöhnisch die Armeen der beiden Bruderstaaten gegenüber: Trotz eines internationalen Schiedsspruchs weigert sich Äthiopien, aus einem besetzten Wüstenstreifen abzuziehen. Eritrea meint, auf die ständige Mobilmachung nicht verzichten zu können. Derweil verschärft sich die Lage im Innern. Eine in den 90er-Jahren ausgearbeitete Verfassung wurde niemals verabschiedet, noch immer gibt es in Eritrea weder Oppositionsparteien noch Wahlen. Der seit der Unabhängigkeit regierende Befreiungsführer Isaias Afewerki herrscht per Dekret, fühlt sich von der Welt betrogen und igelt sich ein. Westliche Diplomaten bekommen den 69-Jährigen höchstens einmal in ihrer Amtszeit, bei der Akkreditierung, zu sehen.

"Das ist keine Paranoia, sondern eine historische Tatsache", nimmt Yemane Gebreab, der politische Kopf der regierenden "Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit", seinen Präsidenten in Schutz. Zwei Stunden lang verklickert der zweitmächtigste Mann des Landes seinem Besucher das widerfahrene Unrecht: "Erst wurde uns die Unabhängigkeit verwehrt, dann haben amerikanische und russische Flugzeuge Bomben auf uns geworfen, jetzt werden wir wie Aussätzige behandelt." Die USA hätten sich Äthiopien – mit 90 Millionen Einwohner Afrikas zweitgrößter Staat – als einen ihrer "Ankerstaaten" auf dem Kontinent ausgesucht, sagt Gebreab. Seitdem könne sich das Land alles erlauben, während Eritrea als Sündenbock herhalten müsse und mit Sanktionen überzogen werde. "Da ist was Wahres dran", wird ein westlicher Diplomat später bestätigen.

Widmen sich ausländische Beobachter dem Land, scheinen sie nicht selten von ganz verschiedenen Staaten zu sprechen. Eine dänische Kommission kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, in Eritrea herrsche keine Angst, Rückkehrer drohe keine Verfolgung und die Entwicklung verlaufe durchaus positiv. Die Autoren gehörten allerdings der dänischen Immigrationsbehörde an: Offensichtlich suchten sie die Rückführung eritreischer Asylbewerber zu rechtfertigen. Dagegen berichteten die von der UN-Menschenrechtskommission beauftragten Berichterstatter von "systematischen schweren Verletzungen der Menschenrechte", von "Sklaverei ähnlichen Praktiken" und von bis zu zehntausend ohne Verfahren festgehaltenen Gefangenen.

Perinne Louart sitzt seit zwei Jahren als Repräsentantin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Asmara und fragt sich, wo solche Zahlen wohl herkommen. Zwar kann das IKRK seit 2009 keine Gefängnisse mehr besuchen, weil die vom Ausland enttäuschte Regierung ihre Zusammenarbeit mit allen Nichtregierungsorganisationen eingestellt hat. Beweise für die angeblich 6000 heimlichen Gefängnisse oder für die zehntausend nicht registrierten Gefangenen seien bislang allerdings nicht vorgelegt worden, sagt Louart. Da die drei Autoren des UN-Berichtes gar nicht ins Land gelassen wurden, beruhen ihre Anschuldigungen ausschließlich auf mit Exil-Eritreern geführten Gesprächen. Diese haben jedoch ein Interesse daran, das Land so schlecht wie möglich darzustellen, weil der Erfolg ihrer Asylanträge vom schlechten Image ihrer Heimat abhängt. Als Nächstes will die UN sogar untersuchen, ob Eritreas Regierung nicht wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gezerrt werden könne: "Es wird immer verrückter", meint die Schweizer IKRK-Mitarbeiterin Marianne Kropf.

Geschäftsmann Tesfa Berhane nennt es einen "tragischen Teufelskreis". Je mehr die Regierung isoliert werde, desto tiefer verkrieche sie sich in ihrem Bunker: Nötig wäre das genaue Gegenteil. Auch wenn es sich bei Präsident Afewerki tatsächlich um einen überheblichen Betonkopf handele, der außer dem Buschkrieg nicht viel erlebt habe: Die Mehrheit der Regierenden wisse sehr genau, dass sich Eritrea öffnen müsse. Immerhin dürfe sich das Land mit Qualitäten brüsten, von denen andere afrikanische Staaten nur träumen können: Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Eritrea so gering wie nirgendwo anders, die Korruption hält sich in Grenzen, so sicher wie Asmara ist keine andere Hauptstadt des Kontinents.

Auf die Frage, was wir denn nun zu Hause erzählen sollen, antwortet der Taxifahrer, der uns zum Flughafen bringt: "Dass wir den Wehrdienst hassen, aber unser Land mit allen Mitteln verteidigen werden." Ob die Flüchtlinge unter diesen Bedingungen zurückgeschickt werden sollten: "Dann werden sie als Deserteure verhaftet." Und warum er selbst noch nicht geflohen sei? "Wer hätte euch dann zum Flughafen gebracht?"

Autor: Johannes Dieterich