Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

16. Juni 2014

Frankreich

Das Land schrumpft - der Atlantik nagt an der Küste

Campingplätze mit Landverlust, einsturzgefährdete Feriendomizile: Der Atlantik hat im vergangenen Winter besonders heftig an der französischen Küste genagt.

  1. Das verlassene Apartmenthaus Le Signal war bei seiner Errichtung 1967 noch 200 Meter vom Meer entfernt, nun droht der Bau in die Fluten hinabzugleiten. Foto: michael Neubauer

  2. Der Traumstrand wird vor Beginn der Saison notdürftig repariert. Foto: Michale Neubauer

Meeresrauschen mischt sich mit Baggergrollen. Am Strand karren die Lastwagen große Kalksteine heran. Wenn die Bagger sie hochheben und am Rand der Düne fallen lassen, bebt die Erde. Oben, am Rand der Düne, steht Pierre-Gilles Sauvaget direkt am Abgrund und beobachtet die Bauarbeiten. "Wir haben in Winter über zehn Meter Land an das Meer verloren", sagt der Campingplatzchef. Unten am Strand entsteht nun ein Schutzwall.

"Mit den Füßen im Wasser", damit wirbt die Vier-Sterne-Camping-Kette Sandaya hier in der Nähe des Badestädtchens Soulac-sur-Mer am Atlantik. Doch in diesem Winter hat dieses Motto einen bitteren Beigeschmack bekommen. Als Stürme, Seegang und Wellen im Dezember und Januar an der Atlantikküste so außergewöhnlich heftig waren, stand Sauvaget auf seinem Zeltplatz und musste zusehen, wie die Naturgewalten Meter für Meter Land raubten. Hilflos ließ er tonnenweise Sand herankarren und an die Küste hinunterschütten. Sauvaget wusste, dass das nicht viel hilft gegen die Wucht der vier bis sieben Meter hohen Wellen. Der gebürtige Bretone kennt das Meer. So kraftvoll wie in diesem Winter habe er es noch nie erlebt. Sandaya investiert jetzt einhunderttausend Euro für neue Dämme an zwei seiner französischen Campingplätze.

Werbung


Gegen die Wucht
der Wellen hilft nicht viel

Frankreichs Region Aquitaine lockt Jahr für Jahr zahlreiche Urlauber mit traumhaften Sandstränden und Dünen auf einer Länge von 238 Kilometern. Doch diese sandige Küste ist verwundbar. Wenn in diesen Wochen die Touristen wiederkehren zu den Campingplätzen direkt am Strand, werden sie Manches verändert vorfinden. Vielerorts stehen Strandhütten bis zur Hälfte im Nichts, ihnen wurde buchstäblich der Boden weggezogen. Manche Stege und Wege hinunter zum Strand sind verschwunden, sanft zum Meer verlaufende Dünen sind zu abrupt abbrechenden, gefährlichen Sandwänden geworden, aus denen abgerissene Kabel, Plastikwasserrohre und Wurzeln von Bäumen und Sträuchern gespenstisch ins Nichts ragen.

Sauvaget deutet hinaus aufs Meer zu einigen schwarzen Punkten, rund hundert Meter entfernt. "Das sind die Bunker, die die Deutschen einst in der Düne gebaut haben." Längst sind die Betonkolosse aus dem Krieg im Meer versunken. Worin einst Soldaten saßen, hängen nun Muscheln. Bei Ebbe sind sie schon lange Zeichen dafür, dass das Meer sich stetig Land einverleibt.

Dann zeigt Sauvaget nach Norden, wo an der Küste eines der ältesten Gebäude der Gegend steht, die Villa Amélie. Auch sie steht direkt am Dünenabgrund. "Dort hat im Winter das Meer bis zu 20 Meter Land geraubt." Die Wellen schleuderten Baumstämme und Geäst immer wieder gegen eine Schutzwand aus Stahlträgern und Holzplanken – bis sie zerstört war. Reste zerfetzter weißer Plastiksandsäcke liegen am Strand und lassen erahnen, wie die Menschen mit aller Kraft versucht hatten, die Naturgewalten aufzuhalten. Die Villa steht zwar noch. Aber wohnen darf da keiner mehr. Sie ist einsturzgefährdet.

Dass Frankreich schrumpft, sieht man auch direkt an der Strandpromenade von Soulac. Dort steht ein Geisterhaus: Le Signal heißt die fünfstöckige Wohnresidenz. Die 78 Besitzer mussten alle ihre Wohnungen oder Ferienresidenzen verlassen. Denn auch Le Signal ist einsturzgefährdet. An einem Fenster hat jemand mit weißer Farbe in großen Lettern Schimpftiraden gegen den Bürgermeister geschrieben.

1967 gebaut, war der Gebäudekomplex noch 200 Meter vom Strand entfernt – jetzt sind noch 16 Meter. "Wir hatten hier einen schlimmen Katastrophentourismus", erinnert sich Benjamin Bardineau, Chef du Cabinet im Rathaus. "Hunderte Franzosen kamen im Januar und warteten mit der Kamera in der Hand darauf, dass der Bau ins Meer kracht." Doch das Signal steht noch. Einst für Familien ein verlockender Zweitwohnsitz mit Meerblick, ist der Bau nun eine Gefahr für das Meer. "Das Gebäude ist mit Asbest belastet", sagt Bardineau. "Es wäre eine ökologische Katastrophe, wenn es ins Meer stürzt." Le Signal muss nun abgerissen werden. Nie hätte man so nah am Meer bauen dürfen. Die Wohnungsbesitzer streiten sich nun mit der Stadt und dem Staat über die Entschädigungen.

Erosion ist an der Küste einerseits ein natürliches Phänomen. 50 Prozent der französischen Küsten sind davon betroffen. Steilküsten brechen ab, Stürme, Überschwemmungen und Wellen nehmen Sand mit – und bringen ihn zum Teil im Frühling und Sommer wieder zurück. In der Aquitaine weicht das Land jährlich durchschnittlich einen bis drei Meter zurück – an manchen Stellen bis zu zehn Meter. Doch andererseits hat auch der Mensch Schuld an dem Landverlust. Der Badetourismus, das Errichten von Dämmen, Buhnen – rechtwinklig zum Strand ins Meer vorgebaute Dämme –, Wellenbrechern und Häfen, all das bringt die natürlichen Bewegungen von Sand und Geröll durch die Meeresströmungen aus dem Gleichgewicht. Gleichzeitig verhindern Staudämme im Hinterland, dass mit den Flüssen neues Gestein aus den Bergen ins Meer gelangt. Die Folge: Das Meer holt sich das im Sedimentkreislauf fehlende Material vom Strand. Nicht zuletzt verweisen Experten auch auf die Klimaerwärmung: Die Stürme werden stärker, der Meeresspiegel steigt an.

"Wir führen einen Kampf gegen das Meer", sagt Bardineau. Soulacs Zentrum liegt direkt am Wasser – und der Badeort fürchtet um seinen sieben Kilometer langen Stadtstrand. Die Menschen hier leben vom Tourismus. Bagger schieben jetzt bei Ebbe den Sand von draußen ran an die Stadt. Bis zum nächsten Winter wird jetzt repariert, mancherorts sogar ein neuer Damm gebaut. Die Bagger bei Soulac-sur-Mer werden nur im Juli und August Pause machen – damit sie zur Hauptbadesaison die Badegäste nicht nerven. Doch schon jetzt liegen zwischen den aufgeschütteten Sandhügeln Touristen und sonnen sich.

Soulac, dessen Kirche im 18. Jahrhundert einmal wegen der Stürme fast ganz unter Sand begraben war, hat heute wieder ein Sandproblem. Der heftige Wind vom Meer, der hohe Koeffizient der Gezeiten, die hohen Wellen – das hat in diesem außergewöhnlichen Winter stellenweise bis zu zwei Höhenmeter Sand vom Strand abgetragen und gen Norden gespült. "Wir sind auf der Suche nach 600 000 Kubikmeter Sand, den wir wieder aufspülen wollen", sagt Bardineau. Doch Strandsand ist hier längst zu einem begehrten Gut geworden. Das Rathaus streitet sich mit Anbietern über die Preise, manche wollen zehn Euro pro Kubikmeter – "das ist zu viel". Drei bis vier Millionen Euro können Soulac und die angrenzenden Gemeinden höchstens ausgeben. Die Regierung hat bereits zwei Millionen Euro Soforthilfe für die Region versprochen.

Zwar will Soulac wieder neue Dämme errichten. Doch längst heißt in der Aquitaine die Parole nicht mehr: Land schützen um jeden Preis. Man hat eingesehen, dass die Küste nicht starr ist. Denn das Meer ist stark und klug und holt sich trotz Barrikaden oft, was es will. Es umspült neue Dämme einfach. "Wir müssen in Sachen Erosion vorausschauen, damit solche plötzlichen Evakuierungen wie bei Le Signal nicht mehr nötig sind", sagt Bardineau. In der Aquitaine beobachten deswegen jetzt Region, Kommunen und Staat gemeinsam den Landverlust. Karten sollen zeigen, wo und wann das Meer am stärksten nagt. Wo muss man langfristig dem Meer nachgeben, wo ihm aber Dämme entgegensetzen, weil für die Menschen zu wichtige Gebäude oder touristische Einnahmen verloren gehen würden? Die Behörden wissen, dass in den nächsten 30 Jahren die Region Aquitaine eine Fläche von 3000 Fußballfeldern Land ans Meer verlieren wird. Allein im Département Gironde sind 240 bewohnte Gebäude in Gefahr. Man bereitet sich vor: Im Bereich des Badeorts Lacanau werden auf einem Küstenstreifen von einem Kilometer Hunderte von Familien bis 2050 umziehen müssen. In Teste-de-Buch in der Nähe der berühmten Düne von Pilat werden langfristig fünf Campingplätze ins Landesinnere verlegt. Benjamin Bardineau seufzt. Auch der aufgespülte Sand in Soulac kann, wenn es schlecht läuft, schon bald wieder verschwunden sein. "Wissen Sie: Gegen die Natur können Sie nur begrenzt etwas unternehmen."

Erklär's mir: Was ist Erosion?

Wer in Frankreich schon mal am Atlantik Badeurlaub gemacht hat, der weiß: Die Wellen dort können ganz schön hoch und kräftig sein. Selbst gut gebaute Sandburgen haben da überhaupt keine Chance – bei der nächsten Flut sind sie platt. Vor allem im Winter treffen starke Wellen jeden Tag auf die Küste. Immer wieder. Gleichzeitig pustet der Wind ganz stark und treibt die Wellen noch mehr gegen das Land. Der Boden an der Küste ist oft recht weich und sandig: Deswegen schafft es das Wasser mit der Zeit, Sand und Erde ins Meer zu spülen. Sogar Bäume fallen dann um. Wissenschaftler nennen das Erosion. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet, dass das Erdreich abgetragen wird. Die Erosion ist einerseits etwas ganz Natürliches. Aber sie passiert auch deswegen, weil die Menschen zu sehr in die Natur eingegriffen haben. Jedes Jahr holt sich das Meer am Atlantik drei bis fünf Meter Land. Ein paar Häuser in Frankreich, die zu nah am Meer gebaut wurden, drohen jetzt sogar einzustürzen.  

Autor: mic

Autor: Michael Neubauer